Formel 1: Küsschen, Party, Küsschen
Triumph in Monaco Vettel phantastisch
Ins Schwimmen kam Sebastian Vettel erst nach dem Rennen. Traditionell springt der Sieger des Großen Preises von Monaco in einen Pool im Yachthafen von Monte Carlo. Vettel nahm das Bad mit Freude, riss seinen Vater Norbert mit, auch Red-Bull-Teamboss Christian Horner und Chef-Designer Adrian Newey gesellten sich dazu.
Vor der Poolparty hatte Vettel sein Meisterstück abgeliefert. Der Sieg im Fürstentum, sein fünfter in dieser Saison, war ein besonderer, vor allem taktisch. Denn Vettel überstimmte sogar seine Boxenstrategen, die ihn in der 20. Runde zum zweiten Reifenwechsel rufen wollten. Vettel überlegte kurz - und lehnte ab. Seine Begründung: "Dann wäre ich maximal Dritter geworden. Wenn ich es aber schaffe, mit den Reifen ins Ziel zu kommen, kann ich sogar gewinnen."
Großer Preis von Monaco: Boxenpatzer, Reifenlotterie, Rennabbruch
Der 23-Jährige blieb auf der Strecke. Und dann half ihm eine Rennunterbrechung sieben Runden vor Schluss, nachdem der russische Renault-Pilot Witali Petrow einen Unfall gebaut hatte. "Für den Neustart", sagte Vettel strahlend, "konnte ich wie die anderen neue Reifen aufziehen, und ich musste mich eigentlich nur noch darauf konzentrieren, fehlerlos die letzten Runden nach Hause zu fahren." Vor der Pause hatte er mit älteren Reifen, die weniger Haftung hatten, brillant alle Angriffe des drängenden Ferrari-Piloten Fernando Alonso abgewehrt.
Langsam fragt sich das ganze Fahrerlager: Wer soll Vettel noch stoppen?
Nach dem sechsten Saisonrennen führt er mit 58 Punkten Vorsprung vor McLaren-Pilot Lewis Hamilton. Glückwünsche zum zweiten WM-Titel lehnt Vettel aber kategorisch ab. "Erstens ist das Blödsinn und zweitens respektlos gegenüber meinen Kollegen", sagt er. Aber es stimme, so gibt er zu, es laufe gerade alles in die richtige Richtung. "Aber nur, weil das beste Team hinter mir steht, das man sich vorstellen kann."
Red-Bull-Crew absolviert die besten und schnellsten Boxenstopps
Eines der vielen Erfolgsgeheimnisse von Vettel und Red Bull ist die Boxencrew, die sich in Monaco beim ersten Reifenwechsel zwar einen Fehler leistete, ansonsten aber die besten und schnellsten Boxenstopps in dieser Saison absolviert. Es geht dabei nicht um An- und Abfahrt zur Box, das ist Sache des Piloten. Es geht um das eigentliche Wechseln der Räder, das Auf- und Abbocken des Autos und die Reaktionszeiten von Fahrer und des Mannes, der den Wagen wieder für die Strecke freigibt - oder eben auch nicht.
1,8 Sekunden ist der inoffizielle Rekord der Red-Bull-Mechaniker nur fürs Wechseln der vier Räder. "Wenn du Weltmeister werden willst, musst du in jedem Bereich top sein", sagt Jonathan Wheatley, als Teammanager verantwortlich für den reibungslosen Ablauf der Radwechsel: "Boxenstopps können am Ende über Sieg oder Niederlage entscheiden. Selbst im Zehntelsekundenbereich."
In der vergangenen Saison war Red Bull schon gut, aber laut Wheatley noch nicht gut genug. "Wir waren konstanter, aber Mercedes war oft schneller als wir. Da mussten wir reagieren und noch besser werden." Im Winter buchte sich Wheatley mit seiner Crew dafür zwei Tage in einem Übungsgelände in Beetham in der Grafschaft Buckinghamshire ein. "Wir trainierten rund um die Uhr", so Wheatley. Es hat sich gelohnt: "Jetzt sind wir nicht nur die schnellsten, sondern auch immer noch die konstantesten."
Um seiner schnellen Eingreiftruppe auch im Training den Nervenkitzel zu bescheren, der im Rennen immer herrscht, lässt sich Wheatley manchmal außergewöhnliche Maßnahmen einfallen. Im vergangenen Jahr probten die Red-Bull-Mechaniker einen Boxenstopp vor Tausenden von Zuschauern vor dem englischen Parlament. Obwohl sein System streng militärische Züge hat - in der britischen Armee war Wheatley nie: "Aber man kann ein gut funktionierendes Formel-1-Team durchaus mit einer straff organisierten Einheit vergleichen."
Teamchef Horner ergänzt: "Es dauerte eine Weile, bis wir eine Struktur im Team hatten. Wir holten den Aerodynamiker Peter Prodromou von McLaren. Dazu unseren Chefdesigner Rob Marshall, Teammanager Wheatley und Chefmechaniker Kenny Handkammer von Renault. Insgesamt verstärkten wir uns so mit 22 wichtigen Leuten. Trotzdem brauchte es Zeit, bis wir als Team funktionierten. Als Sebastian 2009 zu uns stieß, waren wir endlich bereit zu siegen."
Für Vettel läuft mit diesem Team alles wie geschmiert. Das sieht auch Ex-Formel-1-Pilot Hans-Joachim Stuck so: "Bei Vettel geht im Moment alles leicht von der Hand. Aber wer ihm jetzt schon ernsthaft zum Titel gratulieren will, hat entweder sein Hirn eingeschrumpft oder war die letzten 500 Jahre in einem Ötztalgletscher eingefroren. Gerade Vettel weiß, wie unerwartet manchmal das Unmögliche doch noch möglich wird." Stuck spielt auf das Rennen in Abu Dhabi in der vergangenen Saison an, als Vettel im letzten Rennen der Saison siegte - und Alonso den schon sichergeglaubten Titel aus den Händen riss.