»Frankensteins Mannschaft«
SPIEGEL: Señor Valdano, rund vier Jahre nach Ihrer Entlassung als Trainer bei Real Madrid lehnten Sie kürzlich das Angebot des Weltvereins ab, dort als Generalmanager zu arbeiten. Zählt Real nicht mehr zu den ersten Adressen?
Valdano: Die Offerte kam nach einer schmerzlichen Heimniederlage Reals wie aus heiterem Himmel. Ein Reflex, überhaupt nicht durchdacht.
SPIEGEL: Sie arbeiten also lieber weiter als Unternehmensberater als die Trophäensammlung des königlichen Fußballclubs zu erweitern?
Valdano: Die Entscheidung bedeutet ja nicht das Ende meiner Beziehung zum Fußball. Es wäre so etwas wie Verrat an meinen Mitarbeitern und Geschäftspartnern gewesen, wenn ich sie im Stich gelassen hätte, um bei Real anzufangen.
SPIEGEL: Ihre Sympathien für Real sind also ungebrochen?
Valdano: Sicher. Wenn wir von Real Madrid reden, reden wir vom besten Club der Welt - zumindest über die Geschichte eines Jahrhunderts betrachtet.
SPIEGEL: Was nichts anderes heißt, als dass der Club nur noch vom Mythos lebt.
Valdano: Jeder Mythos hat seinen Ur-
sprung. Real Madrid hat die meisten Feldzüge auf Europas Fußballplätzen gemacht, und das bleibt als großes Kapital. Der Club hat Millionen von Fans in ganz Spanien, er ist ein Konsumprodukt erster Güte ...
SPIEGEL: ... das inzwischen rund 400 Millionen Mark Schulden angehäuft hat. Uli Hoeneß, der Manager des nächsten Champions-League-Gegners Bayern München, brandmarkte den Verein daher als »abschreckendes Beispiel«.
Valdano: Ach, wissen Sie: Real ist eine Gelddruckmaschine. Real kann sich verschulden, so hoch es will, und trotzdem noch einen Spieler wie Nicolas Anelka für 65 Millionen Mark kaufen. Der Verein hat mehr Probleme damit, zu viel Geld zu haben als zu wenig.
SPIEGEL: Ist das der Grund dafür, dass in der gut vierjährigen Amtszeit des Präsidenten Lorenzo Sanz schon der achte Trainer beschäftigt wird?
Valdano: Es ist dringend an der Zeit, dieses Panik-Syndrom zu überwinden. Als Club von Weltformat darf Real nicht abhängig sein vom Ergebnis des kommenden Sonntags. Aufatmen, wenn wir gewinnen, Katastrophe, wenn wir verlieren - das hat nichts mehr mit einer verlässlichen Unternehmenskultur zu tun.
SPIEGEL: Findet sich diese Reaktion nicht überall dort wieder, wo sich hohe Investitionen durch den Gewinn von Titeln und die Qualifikation für lukrative internationale Wettbewerbe amortisieren müssen?
Valdano: Es kann nicht nur noch ums Überleben gehen. Das hat die Mannschaft von Real in den letzten Jahren in einen Zustand fortgesetzter Paranoia getrieben. Ein Verein bestraft sich selbst, wenn er alle sechs Monate den Trainer wechselt. Das aktuelle Team von Real ist das Ergebnis von sieben bis acht verschiedenen Köpfen. Spieler, die ich geholt habe; Spieler, die Fabio Capello geholt hat; Spieler, die Jupp Heynckes geholt hat, Gus Hiddink und John Toshack. Wenn man die aktuelle Mannschaft betrachtet, fühlt man sich an Frankensteins Monster erinnert: das Ohr von diesem, den Mund von jenem, die Nase von einem anderen. Sehr schwierig, daraus etwas Geniales zu formen.
SPIEGEL: Betäubt der Zwang, in immer mehr Spielen bei immer mehr Wettbewerben Erfolg zu haben, die Phantasie für langfristige Strategien?
Valdano: Die wirklich Schuldigen am Mittelmaß sind wir Trainer. Der Mangel an Kreativität und Phantasie hat mehr mit Furcht zu tun als mit wirtschaftlichen Zwängen.
SPIEGEL: Wovor müssen die Trainer Angst haben? Davor, zu versagen?
Valdano: Die Angst vor Fehlern macht uns zu Konservativen. Am Ende glauben wir,
der Kampf, also die Reduzierung auf das Körperliche, sei wirksamer als jedes sportliche Talent.
SPIEGEL: Immer mehr Trainer stellen das Kollektiv über den Einzelspieler. Behindert das dessen Entfaltung?
Valdano: Die herrschende Diktatur der Systeme lässt in der Tat keine unterschiedlichen Spieler mehr zu. Der US-Präsident Dwight D. Eisenhower sagte, er suche Generäle, die eine ganz besondere Eigenschaft mitbrächten. Was ihn nicht interessierte, waren Generäle ohne besondere Schwäche. Der Fußball aber ist voll von Spielern, die keine besondere Schwäche haben.
SPIEGEL: Nur so konnte Anfang der neunziger Jahre der AC Mailand den europäischen Fußball dominieren. Dessen Trainer Arrigo Sacchi hatte die Idee, »einen Körper aus elf Personen« zu kreieren.
Valdano: Ja, die letzte Revolution, die wir im Fußball erlebten, hat damals der AC Mailand ausgelöst. Sie fand aber ohne Ball statt. Es war die Perfektionierung der Abseitsfalle und des Pressing. Milan hatte das Potenzial: van Basten, Rijkaard, Gullit, Donadoni und Baresi waren großartige Spieler. Das Problem jedoch war dasselbe wie nach der Erfindung des Schießpulvers: Die Idee wurde von allen übernommen. Das Bedauerliche daran ist, dass die Trainer das System zwar kopieren, aber nicht die geeigneten Spieler dafür haben. Vor lauter kollektivem Denken ist das Talent unter die Räder gekommen. Das Individuum bleibt auf der Strecke.
SPIEGEL: Dafür hat sich ein neuer Idealtyp herausgebildet: der Spieler, der auf vielen Positionen einsetzbar ist.
Valdano: Das ist die größte Lüge des modernen Fußballs. Denn selbstverständlich hat jeder Spieler seinen festen Platz. Eine der auffälligsten Entwicklungen in unserer Gesellschaft ist die Spezialisierung. Und ausgerechnet der Fußball soll der Bereich sein, in dem die Dinge in die andere Richtung laufen?
SPIEGEL: Wenn der Einzelne auf dem Platz die Bedeutung besäße, die Sie ihm beimessen, dann dürfte es auch das Rotationsprinzip nicht geben. Mittlerweile leisten sich die großen Vereine zwei Mannschaften - und je nach Bedarf spielt mal der, mal jener.
Valdano: Natürlich haben die Vereine größere Kader. Aber es sind doch nicht alle Spieler gleich gut. Die Trainer irren, wenn sie glauben, alle seien austauschbar. Nehmen Sie als Beispiel den Brasilianer Romário. Es scheint, als ob man Angst hat vor Typen wie ihm. Er gliedert sich nicht ein. Er ist so anders, und das macht ihn zu einem Verdächtigen. Das Bemerkenswerte aber ist: Romário schoss ungefähr 700 Tore im Laufe seiner Karriere. Es ist Terror, wenn man gegen ihn spielen muss. Und es ist Terror, ihn in seiner eigenen Mannschaft zu haben.
SPIEGEL: Und diesen Terror sollte ein Trainer ertragen?
Valdano: Wenn ein Individualist uns der Vollendung einen Schritt näher bringt, kann man auf ihn nicht verzichten. Es geht nicht darum, einem Individualisten beizubringen, wie er mit der Mannschaft klarkommt. Es geht darum, der Mannschaft beizubringen, wie sie mit einem Individualisten umgeht. César Luis Menotti hat es so gesagt: Fußball ohne Abenteurer ist wie ein Land ohne Poeten.
SPIEGEL: Wie sollen die Spieler ihre Eigenart bewahren, wenn überall das Credo gilt: Der Star ist die Mannschaft?
Valdano: Die Uniformität des Fußballs ist auch die Schuld der Spieler. Sie werden immer fügsamer, zahmer und gelehriger. Aber ein wirklich großer Fußballer ist nicht angepasst. Man kann die anderen nicht mitreißen, ohne sich aufzulehnen.
SPIEGEL: Sie bescheinigen dem Fußball eine Art kreativer Starre. Sehen Sie denn gar keine neuen Impulse?
Valdano: Es hätte der allgemeinen Entwicklung sehr gut getan, wenn Holland vor zwei Jahren Weltmeister geworden wäre. Das ist wie ein Naturgesetz: Dem jüngsten Sieger wird gehuldigt. Wenn eine Mannschaft, die wirklich gut Fußball spielt, den Titel holt, dann gewinnt der Fußball dadurch fünf Jahre.
SPIEGEL: Hat Ihnen der Auftritt der Franzosen bei der WM nicht imponiert?
Valdano: Frankreich war die erste Mannschaft, die ohne Stürmer spielte und eine WM gewann. Das halte ich nicht für besonders originell.
SPIEGEL: Und was bringt Sie an den Holländern so in Verzückung?
Valdano: Für sie ist es wichtiger, anzugreifen als zu verteidigen. Sie legen größten Wert darauf, den Ball zu haben. Und wenn sie ihn nicht haben, besetzen sie höchst intelligent die Räume, um ihre Gegenspieler anzugreifen. Sie vereinen Kraft und Kreativität. Das ist wie bei einem Mosaik: Ohne Zement wird das schöne Bild nicht zusammengehalten. Mit dieser Philosophie heben sie sich deutlich ab vom weltweiten Trend.
SPIEGEL: Aus ganz Europa sind seit Mitte der neunziger Jahre Scharen von Vereinsbossen und Trainern nach Amsterdam gefahren, um sich von der Ajax-Schule Anregungen zu holen. Warum gelingt keinem eine brauchbare Kopie?
Valdano: Man hat immer nur Bruchteile davon zu imitieren versucht. Diese Arbeit braucht Jahre, um zu reifen. Der Triumph Italiens bei der WM 1982 hat zudem der unsinnigen Theorie Vorschub geleistet, dass sich Schönspielen und Gewinnen nicht vereinbaren lassen. Diese Idee hat sich verfestigt. Mittlerweile ist in Italien die taktische Intelligenz, ein Spiel zu unterbinden, am ausgeprägtesten. Auch die zweite wichtige Strömung im europäischen Fußball, die deutsche, vernachlässigt die Phantasie.
SPIEGEL: In Ihrem Buch über die Europameisterschaft vor vier Jahren beschreiben Sie den deutschen Fußball wie folgt: »hart wie Granit, langweilig, systematisch, eintönig«. Ist das nicht etwas zu viel der Klischees?
Valdano: Die Deutschen haben schon immer geglaubt, dass sie ihre Probleme auf dem Platz am besten so lösen: laufen, laufen, laufen. Obwohl Spieler wie Beckenbauer, Overath oder Schuster sich viel eleganter aus der Affäre gezogen haben, hat sich die Kreativität nicht durchgesetzt.
SPIEGEL: Spieler der jetzigen Generation fallen Ihnen nicht ein?
Valdano: Ich beobachte diesen Trend, alle Aufgaben auf dem Platz körperlich zu bewältigen, bei den Deutschen seit 20 Jahren. Das ist eine sehr gefährliche Haltung. Es ist ja kein genetisches Problem: Deutschland hatte großartige Spieler. Die Phantasie auf dem Platz fehlt ihnen wegen ihrer Auswahlkriterien. Sie legen keinen besonderen Wert darauf.
SPIEGEL: Das klingt alles sehr pessimistisch. Müssen wir uns um den Fußball ernsthaft Sorgen machen?
Valdano: Mit dem Fußball ist es wie mit allen anderen Dingen. Wenn er eines Tages stirbt, dann an seiner Ernsthaftigkeit. Das Spiel ist dazu da, der Wirklichkeit zu entfliehen. Wenn der Fußball zu einer Frage von Leben und Tod ausartet, dann zerren wir ihn zurück in die Realität. Das ist das Ende des Spiels.
SPIEGEL: Señor Valdano, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Beim Länderspiel Niederlande gegen Deutschland vergangenenMittwoch in Amsterdam mit Dariusz Wosz und Jens Jeremies.Das Gespräch führten die Redakteure Jörg Kramer und MichaelWulzinger.