WM-Finale: Locker ins letzte Spiel
Fußball-WM Singen gegen den Endspiel-Stress
Fußball wird in seiner Bedeutung oft überschätzt. Das sagt sinngemäß Pia Sundhage, die vielseitig begabte schwedische Trainerin. 2008 führte sie die Frauen-Nationalmannschaft der USA zu olympischem Gold, nun will sie auch den WM-Titel holen. Allerdings setzt sie nicht auf die aus dem Männerfußball bekannte martialische Rhetorik ("Ihr müsst Gras fressen"), sondern auf die hohe Kunst der filigranen Motivation.
Die 51-Jährige glaubt, dass vor wichtigen Spielen schlichtweg zu viel über Stress, Druck und Anspannung fabuliert wird. Deshalb versuchte sie für Entspannung zu sorgen, indem sie sich selbst als besonders gelassen präsentierte.
Bei einer Pressekonferenz in einem Frankfurter Hotel stimmte Sundhage ganz unerwartet den luftigen Relax-Song "Feelin' Groovy" von Simon & Garfunkel an. Sie traf jeden Ton, phrasierte toll und erreichte ihr Ziel. Die Botschaft an ihre Spielerinnen war raus: "Slow down, you move too fast" ("Komm' runter, du bist zu schnell").
Wenn Sundhage dieser Tage trainieren ließ, konnte es ihr gar nicht schnell genug gehen: Passfolgen, Torabschlüsse und Direktabnahmen, und immer spornte die Trainerin an. Wuchtiges Angriffsspiel scheint unerlässlich, um nach 1991 und 1999 das dritte Mal den WM-Titel zu gewinnen. Die USA sind Weltranglistenerster, aber eine Sieggarantie gibt es nicht.
Deshalb hat die Nationaltrainerin ihren Spielerinnen am Abend vor dem Endspiel gegen Japan (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) "ein langes Video gezeigt, mit all unseren Erfolgen im Angriff und unseren Toren", sagte Sundhage, "ich will einfach ein gutes Gefühl erzeugen". Das ist ihr offensichtlich gelungen.
Torfrau Hope Solo sagt: "Wir gehen nie den leichten Weg, aber wir gehen ihn zu Ende." Und Alex Krieger, die beim 1. FFC Frankfurt spielt und sich deshalb besonders gut in der Main-Metropole auskennt, hat sogar schon etwas im Auge, "wo wir gut feiern könnten".
Frauenfußball: Die WM in Bildern
Die Zuversicht basiert darauf, dass die Amerikanerinnen immer noch einen unnachahmlichen Powerfußball spielen, bei denen ihre unerreichten physischen Fähigkeiten zum Tragen kommen. Keine verkörpert diesen urtypischen Sturm-und-Drang-Stil besser als die 1,81 Meter große Abby Wambach. Gleichzeitig hat sich die 31-jährige Stürmerin auch umstellen müssen: "Früher hieß es immer nur, möglichst hoch und weit nach vorne mit dem Ball. Seit Pia da ist, kombinieren wir viel besser."
Das weiß auch die ehemalige amerikanische Nationaltrainerin April Heinrichs. Die 47-Jährige sitzt in der Technischen Studiengruppe des Weltverbands Fifa. Nicht nur sie sagt ein "hochinteressantes Duell der Systeme" voraus. Sundhage, die das US-Team seit 2008 coacht, habe den amerikanischen Stil weiterentwickelt. Doch zugleich, so Heinrichs, habe Japan unter Nationaltrainer Norio Sasaki noch größere Fortschritte gemacht. "Die Japanerinnen haben ein Angriffsspiel entwickelt, das Maßstäbe setzt. Heute sind sie athletischer und aggressiver. Das ist die mutigste und mitreißendste japanische Mannschaft, die ich je gesehen habe", sagt Heinrichs.
Das japanische Team will der Heimat etwas Gutes tun
Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil in den USA über drei Millionen Frauen und Mädchen Fußball spielen, während es in Japan nur rund 37.000 sind. Bei so viel Lob lächelt Coach Sasaki gerne. Der 53-Jährige hat dem Nationalteam tatsächlich einen beispielhaften Kombinationsfußball gelehrt. Wegen des Größennachteils halten seine Spielerinnen den Ball meist am Boden, passen schnell und direkt.
Auch Sasaki hat es die vergangenen Tagen eher entspannt angehen lassen: Beim Training am Freitag kamen 240 Kinder aus der Internationalen Japanischen Schule in Frankfurt, zudem wurde den Geburtstagskindern Yuki Nagasato (Turbine Potsdam) und Kozue Ando (FCR Duisburg) ein Ständchen gesungen.
"Es ist ganz wichtig, mal runterzukommen", sagte Sasaki in bester Sundhage-Manier. Der kluge Herr hat mit seinem Verbandspräsidenten Junji Ogura nebenbei auch noch eine Titelprämie ausgehandelt hat, die den Spielerinnen mehr als die avisierte Armbanduhr einbringen würde: umgerechnet 13.340 Euro.
Gleichwohl haben beide Finalisten einen geradezu spirituellen Antrieb: Bei der US-Auswahl ist es der patriotische Geist, der sogenannte "American Spirit", den nach Ansicht von Ausnahme-Torfrau Solo "niemand kopieren kann". Das japanische Ensemble wiederum ist davon beseelt, den Menschen in der geplagten Heimat etwas Gutes zu tun. "Wir haben ein starkes Mitleid und Mitgefühl mit den Opfern des Erdbebens, wir spielen auch für sie", sagt Stürmerin Nahomi Kawasumi.
Dass die Japanerinnen in ihrer Länderspiel-Historie noch nie gegen die US-Girls gewonnen und gerade erst vor der WM in zwei Testspielen 0:2 unterlagen, blendet Trainer Sasaki einfach aus. "Ich habe in meiner Zeit schon fünfmal nacheinander gegen sie verloren", sagt der Chefcoach am Tag vor dem Showdown in der mit 48.817 Zuschauern ausverkauften Frankfurter Arena, "jetzt sind die Fußballgötter gefragt, damit es klappt."
Japan gegen USA 20.45 Uhr in Frankfurt am Main
(voraussichtliche Aufstellungen)
Japan: Kaihori - Kinga, Iwashimizu, Kumagai, Sameshima - Sakaguchi, Sawa - Ohno, Miyama - Kawasumi, Ando
USA: Solo - Krieger, Sauerbrunn, Rampone, LePeilbet - Boxx, Lloyd - O'Reilly, Cheney - Wambach, Rodriguez
Schiedsrichterin: Steinhaus (Deutschland)
Zuschauer: 48.817 (ausverkauft)