Mirko Slomka: Löw auf Niedersächsisch
96-Trainer Slomka Der Ungeliebte
Mit stockenden Vertragsverhandlungen hat Harun Arslan so seine Erfahrungen. Der Türke ist der Berater von Bundestrainer Joachim Löw, der im Vorjahr monatelang auf die Verlängerung seines Kontrakts beim DFB warten musste. Seit neuerem gehört auch Mirko Slomka zu Arslans Kundschaft, und auch beim 96-Coach wird der Abschluss des neuen Vertrags zur Hängepartie. Im Unterschied zum Fall Löw ist es allerdings diesmal der Trainer selbst, der die Angelegenheit bis an die Grenze des Belastbaren verzögert. Der Erfolgstrainer der vergangenen Monate testet seinen Marktwert.
Hannover 96 hat die beste Hinrunde seiner Bundesliga-Geschichte hingelegt, nach dem Sieg in Frankfurt zum Rückrundenauftakt steht der Club auf Platz zwei der Tabelle - bei vielen anderen Vereinen und einem anderen Trainer wäre die Vertragsverlängerung unter diesen Umständen längst erfolgt. Aber Slomka hat in Hannover zu viel Skepsis der Vereinsverantwortlichen erfahren, als dass er jetzt auf den ganz persönlichen Triumph verzichten würde. Der Coach kostet es aus, das Gefühl, Sportdirektor Jörg Schmadtke und den allmächtigen Vorstand Martin Kind warten zu lassen.
Slomka und Hannover 96 - auf den ersten Blick scheint es eine geborene Zweierbeziehung zu sein. Slomka wohnt in Hannover, er hat seine Trainerkarriere als Jugendcoach bei 96 begonnen, es gibt wenige im Geschäft, die die Binnenverhältnisse des Hannoveraner Milieus so gut kennen wie er. Dennoch haben der 43-Jährige und der Verein von Beginn an gefremdelt.
Slomka war kein Wunschkandidat, Hannover kein Wunschverein
Slomka wäre lieber zum Hamburger SV oder zum VfL Wolfsburg gegangen, als dort Trainerposten frei waren. Beide Clubs wollten ihn damals nicht haben. Hannover war nicht der Wunschverein Slomkas, Slomka war nicht der Wunschkandidat von 96.
Als Slomka, der nach seinem Abgang bei Schalke 04 fast zwei Jahre ohne Beschäftigung war, dann doch bei den Niedersachsen einstieg, waren sein Entree sechs Auftaktniederlagen. Bei einem Großteil der Fans galt er da schon als Trainerflop. Auch Kind und Schmadtke taten damals alles andere, als dem Coach den Rücken zu stärken und gaben bestenfalls windelweiche Bekenntnisse zu Slomka ab. Der Trainer hat das nicht vergessen.
Dazu kommt, dass der gelernte Lehrer für Mathematik und Sport niemand ist, der Fanherzen im Sturm erobert. Immer bewahrt er sich einen Rest Distanz, oft steht er mit einem leicht ironischen Lächeln an der Seitenlinie, als ginge ihn das alles nur am Rande an.
Am Ende der vergangenen Spielzeit schaffte Slomka mit dem Team zwar den Klassenerhalt in letzter Minute, aber im Sommer verstrickte sich der Coach erst in kleinliches Hickhack mit dem Sportdirektor um Neuverpflichtungen, dann kassierte die Elf zum Saisonstart das schnelle Pokal-Aus beim Amateurligisten Elversberg. In diesem Moment war die Trennung vom Trainer fast schon beschlossene Sache.
Danach folgten 18 Bundesliga-Spiele, von denen Hannover elf gewann.
Heute ist Slomka unangefochten. Er kann sich erlauben, den überaus soliden Stammkeeper Florian Fromlowitz zum Rückrundenstart aus der Startelf zu entfernen und stattdessen mit Ron-Robert Zieler einen bis dahin komplett unbekannten 21-Jährigen aufzustellen. Ein Spielchen, das Slomka schon als damaliger Coach von Schalke 04 durchgezogen hat. Anstelle des erfahrenen Frank Rost bot Slomka von jetzt auf gleich einen jungen Mann gegen den FC Bayern auf, der bis dahin fast gar keine Erstliga-Erfahrung hatte. Manuel Neuer ist heute Nationaltorwart und wurde am Wochenende von Franz Beckenbauer zum besten Torwart der Welt geadelt.
Slomka ist wieder wer im Trainergeschäft
Slomka genießt seinen jetzigen Status, die überregionalen Zeitungen widmen ihm große Personalgeschichten. Er ist wieder wer im Trainergeschäft. Und da kommt es ihm recht, dass ausgerechnet beim Hamburger SV und in Wolfsburg, den Clubs, die ihn einst verschmähten, wieder heftig über Trainerwechsel diskutiert wird und auch sein Name als Nachfolger ins Gespräch gebracht wird. Slomka kokettiert mit der Situation, und er kann sich das erlauben. Wiederholt hat er durchblicken lassen, dass er die Wertschätzung, die er seiner Ansicht verdiene, bei 96 vermisse.
Am Ende wird er selbstverständlich in Hannover verlängern, viel zu gut läuft es derzeit bei den Niedersachsen, viel zu ehrgeizig ist der 43-Jährige, als sich durch einen vorzeitigen Abgang um die Möglichkeit zu bringen, sich bei dem Verein unsterblich zu machen. "Ich will schon mal wieder Champions League spielen", hat Slomka vor Monaten gesagt. Wenn er dies in der kommenden Saison erleben will, dann geht das nach dem derzeitigen Tabellenstand ohnehin eher mit 96 als mit Wolfsburg oder dem HSV.
Slomka hat sein Erstliga-Handwerk als Assistent von Ralf Rangnick gelernt, unter anderem in Hannover, wo Rangnick und Slomka von 2001 bis 2004 als Duo tätig waren. Präsident Kind hat der "Neuen Presse" dieser Tage erzählt, dass auch "Rangnick, wenn er mal mit irgendwas nicht einverstanden war, angekündigt hat, den Verein zu verlassen. Ich habe das nur zur Kenntnis genommen - und weitergemacht." So soll, so wird es auch bei Slomka laufen.
Am Samstag spielt Hannover sein Heimspiel gegen Slomkas Ex-Club Schalke 04, der ungefähr da in der Tabelle steht, wo man 96 ungefähr erwartet hätte - und umgekehrt. Schalke steckt in der Liga im Mittelmaß fest, und Hannover träumt von Europapokal-Abenden gegen Real Madrid.
Es sind die Wochen des persönlichen Triumphs für Mirko Slomka. Er hat so lange darauf gewartet.