Abdanken der HSV-Ikone: Bin i Rieger, bin i König - DER SPIEGEL
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Abdanken der HSV-Ikone Bin i Rieger, bin i König

Weil ihnen heute Identifikationsfiguren wie Uwe Seeler, Kevin Keegan oder Manni Kaltz fehlen, feiern die Fans des Hamburger SV mittlerweile nur noch den Masseur. Diesen Sommer geht Hermann Rieger nach 26 Jahren in den Ruhestand - und bekommt ein Abschiedsspiel.
Von Andreas Kröner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der letzte Kunde war immer der Kaiser. Jeden zweiten Tag ließ sich Franz Beckenbauer, damals Libero beim Hamburger SV, von Hermann Rieger die Muskeln fit kneten. Danach wurde es "bayerisch-urig", wie der Masseur sich gerne erinnert. In einer engen Kleiderkammer gab es Weißwürste, die Beckenbauer eigens aus München einfliegen ließ - dazu stilecht Brezeln, süßen Senf und Weißbier. Als der Weltstar 1982 nach zwei Jahren beim HSV seine Spielerkarriere beendete, bedankte er sich bei seinem Masseur mit einer Reise nach Hawaii.

Geschichten wie die von der Weißwurst-Connection vermag Hermann Rieger, 62, viele zu erzählen. Sie haben derzeit Konjunktur, denn der gebürtige Mittenwalder geht zum Saisonende in den Ruhestand, nach 26 Jahren. Andernorts ist eine solche Personalie allenfalls einen Blumenstrauß und eine goldene Nadel wert. In Hamburg hingegen wird Riegers Abschied zelebriert, als verlasse eine Fußballfachkraft vom Rang Beckenbauers, Kevin Keegan oder Horst Hrubesch die Bühne. Rieger, so befand die "Frankfurter Rundschau", sei in Personalunion "Star, Idol und Kultfigur" des HSV, die "Süddeutsche Zeitung" sieht in dem Betreuer "die Seele des Vereins", das ZDF widmete dem "ungekrönten König der Masseure" einen Film in der "Sport-Reportage".

Seine Popularität hat viel mit der Entfremdung der Bundesligakicker von ihren Fans zu tun. In Zeiten, in denen 60 Prozent der Profis aus dem Ausland kommen und viele den Club schon wieder verlassen haben, noch ehe sie sich mit den Autogrammjägern halbwegs auf Deutsch unterhalten können, dient der burschikose Fitmacher als letzte Konstante des HSV. Weil unter den Spielern der Archetyp Uwe Seeler ausgestorben ist, feiern die Zuschauer "uns Hermann". Wenn Rieger mit schlabberiger Trainingshose, ausgewaschenem Muskelshirt und Badelatschen durchs Trainingszentrum am Ochsenzoll marschiert, sind für ihn alle gleich - geduzt wird jeder. Mit einem "Servus Burschi" begrüßt er nicht nur Fans und Spieler, sondern auch Ärzte und Vorstandsvorsitzende.



Dass ein ergrauter Bajuware mit leichtem Bauchansatz "einer der wichtigsten Imageträger des HSV" ist, wie Vereinschef Bernd Hoffmann betont, muss bei dem ambitionierten Diplom-Kaufmann gemischte Gefühle auslösen. Wenn Rieger "so beliebt ist", weil er, wie Hoffmann glaubt, "ganz authentisch die Begeisterung und die Leidenschaft für Fußball lebt", dann sagt das eine Menge über den Unterhaltungsbetrieb Bundesliga aus. Der scheidende Masseur, weiß der Vorstandsboss, erfülle "den Wunsch der Fans nach Nähe und Herzlichkeit - Dinge, die möglicherweise im modernen Fußball etwas verloren gegangen sind".

So kommt es, dass der HSV seinem populären Mitarbeiter aus der medizinischen Abteilung Ende August eine Abschieds-Gala mit zwei Prominenten-Spielen veranstalten wird. Schon jetzt gibt es am Trainingsplatz einen nach ihm benannten Weg, trägt das Vereinsmaskottchen seinen Namen, und durfte sich Rieger als Erster auf dem "Walk of fame" rund um das HSV-Museum verewigen. Der Mann mit den Oberarmen eines Schwergewichtsboxers hat eine Kolumne auf der Club-Homepage und im Stadionheft - und seit zehn Jahren einen eigenen Fan-Club.

"Hermanns treue Riege" ist mit 650 Mitgliedern der größte Fanclub des HSV. Den Namen an den Masseur, statt etwa an den Torjäger anzulehnen, ist für Fanclub-Vorstand Norbert Hadeler nur eine Konsequenz der Zeit: "Die Fluktuation unter den Spielern ist so groß, dass man sich mit niemanden identifizieren kann. Das sind doch alles nur durchlaufende Posten." Nach der letzten Heimpleite gegen Dortmund mussten acht Ordner den HSV-Kapitän Nico Hoogma beim Verlassen des Stadions gegen aufgebrachte Zuschauer schützen, die anderen Profis verdrückten sich durch einen Nebenausgang. Parallel zur Wut über die "Söldner" und "Scheiß-Millionäre" steigt auch bei vielen Anhängern anderer Bundesligisten die Sehnsucht nach Idolen, die für immaterielle Werte stehen.

Menschen wie Norbert Dickel. Der großgewachsene, etwas hüftsteif wirkende Dortmunder Stürmer war im Juni 1989 sechs Wochen nach einer schweren Knieoperation an sich spielunfähig. Zum DFB-Pokalfinale gegen Bremen ließ er sich fit spritzen, schoss den BVB mit zwei Toren zum Sieg, wurde Sportinvalide und später Stadionsprecher. Heute ruft er die Namen einer zusammengekauften Millionentruppe in die Arena - und wird von der Südkurve vor jedem Spiel mit einer Hymne für seine Heldentat von '89 bedacht.

Die Vorzüge bayerischen Schnupftabaks

Doch Identifikationsfiguren wie Dickel und Rieger sind ein kostbares Gut in der Liga. Beim FC Schalke 04 war Mannschaftsbetreuer Charly Neumann der Typ, der wie die Fans alle Höhen und Tiefen durchlitten hat, bis er sich kürzlich, inzwischen 72 Jahre alt, in den Hintergrund zurückgezogen hat. In Mönchengladbach jubelten sie mit dem Trommler Ethem Özerenler, den alle nur unter seinem Künstlernamen "Manolo" kannten. 25 Jahre lang haute der gebürtige Türke in der Nordkurve auf die Pauke, im Dezember 2002 musste er wegen Diabetes aufhören und seine Trommel mit Tränen in den Augen in der Borussen-Geschäftsstelle abgeben.

Allein beim 1. FC Köln kennt man solche Probleme nicht: Sein Vereinsmaskottchen, Geißbock Hennes der (inzwischen) VII., pinkelt Spiel für Spiel aufs Seitengrün des "Rhein Energie"-Stadions und wird von den FC-Anhängern dafür so geliebt, dass man ihn auf der Club-Homepage per Webcam nun sogar 24 Stunden live in seinem Stall in Köln-Widdersdorf beobachten kann. In manchem Bundesligaclub sind ganze Stabsabteilungen bemüht, nicht nur das Geld, sondern auch das Herz des Publikums zu erobern - mit Gewinnspielen, Fanhymnen oder Freifahrten zu Auswärtsspielen. Die meisten Aktionen sind zu durchschaubar, um vom Kunden ernst genommen zu werden.

Wie Nähe und Popularität wirklich entstehen, ist an einer Pinnwand in Riegers Massageraum zu erkennen. Ein Foto zeigt das HSV-Unikum Arm in Arm mit der Großfamilie des Mittelstürmers Bernardo Romeo im sonnigen La Plata, einem Vorort von Buenos Aires. Nach einer Bandscheiben-Operation musste der Hamburger Profi im Dezember 2002 umfangreiche Reha-Maßnahmen durchführen, wollte Heiligabend aber unbedingt zu Hause verbringen. Also flog Rieger kurzerhand mit nach Buenos Aires, pflegte den Spieler rund fünf Stunden täglich - und brachte am Silvesterabend Romeos Verwandtschaft die Vorzüge bayerischen Schnupftabaks näher.

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