Abräumer Ernst Nummer 6b in der Warteschleife
Es muss eine Antwort geben. "Momentan ist es eine schwierige Situation", sagt Fabian Ernst. Er sitzt auf einer roten Couch im noblen Hotel "Herzogspark" in Herzogenaurach. Draußen brennt die Sonne unerbittlich über der Stadt, in der Adidas und Lothar Matthäus groß wurden und die in diesen Tagen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft beherbergt. Drinnen geht Ernst der Frage nach, warum er derzeit nur ein unbedeutender Teil dieses Teams ist, denn "die wichtigen Spiele habe ich nicht mitgemacht".
Ernst spricht, wie er spielt: Unaufgeregt, direkt, abgeklärt. "Manchmal kommt man eben nicht richtig zum Zug. Dann muss man geduldig sein und auf seine Chance warten", sagt er. In diesem Moment wirkt er nicht so, als hätte er die Antwort schon gefunden.
Die wichtigen Spiele, das waren die ersten beiden Partien des Konföderationen-Cups, und Ernst hat von 180 möglichen Minuten ganze acht auf dem Platz verbracht. Am Abend spielt die DFB-Elf gegen Argentinien (ab 21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), und keiner weiß so recht, ob es ein wichtiges Spiel ist. Beide Teams sind schon fürs Halbfinale qualifiziert, eine gute Möglichkeit für die Trainer beider Mannschaften, etwas auszuprobieren. Viel spricht deshalb dafür, dass es ein Freundschaftsspiel wird. Ernst aber hofft, "dass ich gegen Argentinien spiele".
Was ist passiert? Vor wenigen Wochen noch schien eine Diskussion um die Besetzung der Position des defensiven Mittelfeldspielers im Nationalteam ganz und gar abwegig. Jürgen Klinsmann hatte ein Interview gegeben und Ernst darin in den Rang einer unverzichtbaren Kraft erhoben. "Bernd Schneider, Torsten Frings und Fabian Ernst sind gesetzte Spieler", ließ der Bundestrainer wissen.
Mit Werder Bremen hatte der 26-Jährige gerade die beste Bundesliga-Saison seines Lebens gespielt, sein Team als Kapitän auf den dritten Tabellenplatz und ins Halbfinale des DFB-Pokals geführt. Er hatte den vielleicht besten Abräumer der Liga gegeben, mit Organisationstalent und Offensivdrang. Einen, um den ganz Deutschland die Bremer beneidete - und dessen Dienste sich Schalke 04 mit einem gut dotierten Fünf-Jahres-Rentenvertrag sicherte. Dann kam der Konföderationen-Cup.
Kurz reingeschnuppert
Seither hat der gesetzte Ex-Bayer und Neu-Bremer Torsten Frings zwei volle Schichten vor der Abwehr geleistet - und der gesetzte Ex-Bremer und Neu-Schalker Ernst mal kurz reingeschnuppert. Was daran liegt, dass im Rauten-System des Bundestrainers einfach kein Platz für zwei gesetzte "Sechser" ist. Die Außen vor der Viererkette sind offensiv besetzt, links mit dem Bayern-Rastelli Bastian Schweinsteiger, rechts wahlweise mit Schneider oder Sebastian Deisler (FC Bayern). Und zentral offensiv spielt der unantastbare Kapitän Michael Ballack, ebenfalls in München beschäftigt.
Dabei ist es nicht mal so, dass Ernst unzufrieden wäre. "Meine Situation hat sich unter Jürgen Klinsmann verbessert", sagt er. Seit der Bundestrainer im Amt ist, habe er viele Partien von Anfang an gespielt, ganz im Gegensatz zu Klinsmanns Vorgänger. "Bei Rudi Völler war das nicht so, da hatte ich nur ein paar Kurzeinsätze und konnte mich nicht wirklich empfehlen. Das 1:5 in Rumänien war schlecht und später bei der EM lief auch das Holland-Spiel nicht für mich. Das waren die beiden Chancen, die ich hatte - und ich muss mir selbst ankreiden, dass ich die damals vergeigt habe."
Mit solchen Fehlleistungen ist der 26-Jährige in der Ära Klinsmann dagegen bisher nicht aufgefallen. Im Gegenteil: "Ich bin immer näher an die Mannschaft rangerückt, so dass ich mittlerweile auch Ansprüche stellen kann, von Beginn an zu spielen", sagt er. Trotzdem besetzte der Bundestrainer auch im zweiten Spiel des Konföderationen-Cups gegen Tunesien (3:0) die Position des defensiven Mittelmanns mit Frings und nicht mit Ernst. Womit aber immer noch nicht die Frage beantwortet wäre, warum. "Letztendlich hängt alles von den Ideen des Trainers ab", sagt Ernst. Er hätte auch sagen können: "Ich weiß es nicht."
Die deutsche Mannschaft hat zwei Spiele bei diesem Konföderationen-Cup absolviert, das zweite besser als das erste. Sie hat beide gewonnen (gegen Australien gab es zum Auftakt des Turniers einen 4:3-Sieg) und dabei sieben Tore geschossen. "Der Kampf stimmt, der Einsatz stimmt, wir treten in jedem Spiel als Team auf - und darüber hinaus spielen wir ziemlich erfolgreich", sagt Ernst. Es ist ehrliche Freude über das Auftreten des Teams, das er so gern auf dem Platz unterstützen würde. Er, der die ruhigen Töne pflegt, hat sich ansonsten zurückgehalten in den vergangenen Tagen, nicht die Öffentlichkeit gesucht oder sich über seine Situation beschwert. Ernst ist loyal - er nennt das eine seiner wichtigsten Charaktereigenschaften.
Vielleicht ist auch gar nicht Fabian Ernst der Grund dafür, warum Fabian Ernst derzeit kein Stammspieler der deutschen Nationalmannschaft ist. Vielleicht fehlt ihm, der mit 17 Jahren mit Franz Beckenbauer verglichen wurde, mit 19 beim Hamburger SV sein Debüt in der ersten Liga gab und mit 26 bereits 200 Bundesligaspiele absolviert hat, in der DFB-Elf einfach die Lobby. Er selbst würde so etwas wahrscheinlich nie sagen, aber als Spieler des FC Bayern München wäre Ernst wohl der Platz in der ersten Elf sicher.
So aber bleibt der Nummer 6b im Klinsmann-Kader nur die Hoffnung auf den Abend und ein Zeichen des Bundestrainers, dass es tatsächlich zwei gesetzte defensive Mittelfeldspieler gibt. "Die Argentinier sind individuell sehr stark. Aber wir haben schon gegen sie gespielt und wissen, was wir tun müssen", sagt Ernst auf der roten Couch im noblen Hotel "Herzogspark". Damals, im Februar 2005, lieferte das DFB-Team eine seiner besten Leistungen unter Klinsmann ab. Am Ende stand ein 2:2 gegen die Südamerikaner und man sprach von einem Neuanfang für die junge Mannschaft. Vor der Abwehr spielte übrigens 90 Minuten lang ein gewisser Fabian Ernst.