Absturz des VfB : Stuttgart 18 - DER SPIEGEL
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Absturz des VfB Stuttgart 18

Tabellenschlusslicht VfB Stuttgart macht nach sieben Spieltagen einen trostlosen Eindruck. Der Trainer fühlt sich allein gelassen, der Manager ist ein Leichtgewicht. An Abstieg zu denken, ist bei dem erfolgsorientierten Club aber verboten - genau darin liegt die Gefahr.
VfB-Stürmer Marica: Situation ist zum Verzweifeln
VfB-Stürmer Marica: Situation ist zum Verzweifeln

VfB-Stürmer Marica: Situation ist zum Verzweifeln

Foto: Getty Images
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Der VfB Stuttgart kann heilfroh sein, dass die baden-württembergische Hauptstadt mit dem Bahnhofsbau derzeit ein noch weit heißeres Topthema hat als die Krise ihres Fußballvereins. So konzentrieren sich nicht alle Negativschlagzeilen dieser Tage auf die trübe Situation des Bundesligisten. Allerdings scheint auch der VfB sportlich in einer Art Sackbahnhof eingefahren zu sein.

Wenn rund um den VfB die Namen Christoph Daum und Jürgen Klinsmann ins Gespräch gebracht werden, dann muss es schon sehr schlecht um den Verein stehen. Derzeit ist es wieder soweit: Nach dem Totalabsturz des VfB ans Tabellenende mit sechs Niederlagen in sieben Spielen hat vor allem die Spekulation um Daum als möglicherweise künftigem Coach wieder Konjunktur. Zu groß ist die Sehnsucht nach dem Meistermacher von 1992, vor allem bei dem mächtigen Aufsichtsratschef Dieter Hundt. Daum ist derzeit zudem ohne Verein, das macht das Spekulieren noch ein bisschen reizvoller.

Den jetzigen Trainer Christian Gross hat derzeit die rätselhafte Stuttgarter Krankheit eingeholt: Neue Trainer haben beim VfB erst größten Erfolg, übertreffen die Erwartungen, führen den VfB aus der Dunkelheit ins Licht - um ein Jahr später eine verbrauchte Mannschaft zu haben, die noch weiter unten steht als sie zu Amtsantritt des Trainers war. Bei Armin Veh war das so, bei dessen Nachfolger Markus Babbel, bei dessen Nachfolger Christian Gross. Kontinuität ist kein schwäbischer Ausdruck. Der letzte Trainer, der länger als drei Jahre das Sagen beim VfB hatte, hieß Felix Magath.

Heldts Abgang hat den VfB kalt erwischt

Wer die Ursachen für die derzeitige Krise sucht, muss in die Sommerpause zurückgehen. Der bis dahin amtierende Sportdirektor Horst Heldt, der Gross im Vorjahr aus der Schweiz nach Stuttgart geholt hatte, machte sich äußerst kurzfristig Richtung Schalke 04 davon und erwischte den VfB mitten in den Saisonplanungen. In Stuttgart heißt es seitdem, Heldt habe den Verein mehr oder weniger im Stich gelassen, in der Aussicht am Millionenbingo von Felix Magath in Gelsenkirchen teilhaben zu können.

Mit Fredi Bobic wurde zwar kurz vor dem ersten Spieltag ein neuer Sportdirektor mit VfB-Stallgeruch verpflichtet, Bobic stieg jedoch viel zu spät in die Saisonvorbereitung ein, um sich noch auf die Suche nach schlagkräftigen Verpflichtungen zu machen. Zudem ist der 38-Jährige zwar ein jovialer Typ, der bei den Medien den lockeren Spruch beherrscht, er ist aber ein Novize im Manager-Geschäft, der seine einzigen Erfahrungen der Branche ein Jahr lang in Bulgarien an der Seite seines alten VfB-Kumpels Krassimir Balakow sammelte. Ob Bobic, der sich zuvor vorrangig als TV-Experte für Privatsender verdingt hatte, das Format hat, um einen Club mit internationalen Ansprüchen gerade durch Krisenzeiten zu führen und ihm neue Perspektiven aufzuzeigen, scheint doch überaus fraglich.

Gross darf sich mit gewissem Recht in dieser Situation allein gelassen fühlen. Den abwanderungswilligen Nationalspieler Sami Khedira musste er vor der Saison Richtung Real Madrid ziehen lassen, adäquaten Ersatz hat es nicht gegeben. Torwart Sven Ullreich ersetzt Jens Lehmann nach dessen altersbedingtem Ausscheiden sportlich zwar gleichwertig. Dennoch war Lehmann, so vogelwild er sich manchmal auch benahm, eine Führungsperson des Teams. Auch hier ist ein Vakuum entstanden.

Zu wenig krisentaugliche Profis

Der Mannschaft mangelt es an krisentauglichen Spielern. Cyprian Marica, Pawel Pogrebnjak, Martin Harnik oder Christian Gentner - allesamt begabte Fußballer, die aber an ihre Grenzen stoßen, wenn es gilt, verloren geglaubte Spiele noch durch Einsatz und Siegenswillen umzudrehen.

Als es dem VfB im vergangenen Herbst ähnlich schlecht erging, waren es Leute wie Khedira und Lehmann, die die Richtung vorgaben. Im Verbund mit der richtigen Ansprache durch den bulligen Trainer nahm das Team Schwung auf, der den VfB von einem Abstiegsplatz bis in die Europa League brachte.

All das scheint Lichtjahre her zu sein. Der VfB hat Heimspiele auf eine Weise abgeschenkt, die Angst und Bange machen. Gegen Dortmund und Leverkusen entdeckte der VfB den Kampf erst, als die Spiele nach katastrophalen ersten Halbzeiten schon so gut wie verloren waren. Ein Gegentor zur falschen Zeit wie am Sonntag gegen Eintracht Frankfurt, wahrlich kein Gegner zum Fürchten - und Stuttgart verliert jede Linie, jedes Selbstvertrauen.

Dazu gibt es im Verein eine Mentalität, die den Gedanke an einen möglichen Abstieg als vollkommen abwegig ansieht. Der VfB hat eine Spitzenmannschaft zu sein, gleich, ob das spielende Personal die Qualität dazu hat oder nicht. Ein Denken, für das vor allem Hundt steht. Der Big Boss des Arbeitgeberverbandes wird es nie mit seinem Selbstverständnis vereinbaren, dem Aufsichtsrat eines mittelmäßigen Bundesligisten vorzustehen. Daum gilt seit Jahren als sein Wunschtrainer. Bislang war er allerdings mit seinen Vorstellungen am Veto von Präsident Erwin Staudt gescheitert. Auch Staudt kommt aus der Wirtschaft, als erfolgreicher IBM-Manager. Die Konkurrenz der Egos Staudt und Hundt hat den VfB in den vergangenen zehn Jahren nicht immer voran gebracht.

So kommt es nach der Länderspielpause am achten Spieltag dieser Fußball-Bundesliga zu einer Partie, die vor einem halben Jahr noch das Topspiel des Wochenendes gewesen wäre. Champions-League-Teilnehmer Schalke 04 spielt gegen den Europa-League-Teilnehmer VfB Stuttgart.

Mit anderen Worten: Der 17. spielt gegen den 18. der Tabelle. VfB-Fans können sich zumindest damit trösten, dass sich der im Sommer so überstürzt fahnenflüchtige Sportdirektor Heldt mit der Wahl seines neuen Arbeitgebers nicht wirklich verbessert hat.

Mit Material von dpa und sid