Achilles' Spezial: Alle müssen singen - DER SPIEGEL
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Achilles' Spezial Alle müssen singen

Deutschland gegen Ecuador, Jürgen Klinsmann kämpft mit seiner Elf um den Gruppensieg. Doch es geht um viel mehr. Heute tritt die vaterländische Begeisterung in ihre zweite Phase: Die ganze Republik rückt an zum Hymnensingen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Beim Eröffnungsspiel haben wir uns ja noch zurückgehalten, weil die Welt nur darauf gewartet hatte, dass wir zu laut trompeten. Gegen die Polen macht sich demonstrativer Chauvinismus auch nicht gut. Aber jetzt, gegen diese Anden-Schlingel, da wird die Kehle endlich mal vollgenommen.

Wenn das ganze Land röhrt, ist das psychologisch schon mal die erste Großchance für unsere Jungs. Da kann Ecuadors Hymne schon musikalisch nicht mithalten. Unsere Hymne dagegen wird heute richtig aufgeladen, sie wird zum Intelligenztest für uns Deutschland-Begeisterte. Bunte Lappen an die Antenne knoten oder vom Balkon wehen lassen, das kann ja jeder. Aber das "Lied der Deutschen" fehlerfrei, strophenrichtig und pathosreich zum Vortrage zu bringen, das ist eine Leistung. Immerhin drei Dutzend Wörter muss man sich merken, und auch noch in die richtige Reihenfolge bringen. Man darf gespannt sein auf die Weddinger Variationen. Und auf Christian Ströbeles türkischen Remix.

Dass Text- und Ballsicherheit nicht automatisch zusammenhängen, hat Carsten von Ryssen, der Videoreporter von SPIEGEL ONLINE, erst neulich in der Fanmeile erfahren: Der erstbeste Sachse stimmte fröhlich eine der Strophen an, die nicht mehr gesungen werden sollte ("Deutschland, Deutschland über alles"), der Jung-Berliner sang "Einigkeit und Recht auf Freiheit". Hier trifft die Generation Pisa auf den Fanclub Sarah Connor. Wie sang die Blondine so schön: "Brüh' im Lichte". Das ist ziemlich nah dran an "Blüh' im Glanze" - aber eben nur fast.

Während man in Delmenhorst also mühevoll versucht, die eingeblendeten Textzeilen gleichzeitig zu lesen, zu kapieren und dann auch noch zu singen, überlegt der Neo-Patriot aus bildungsnäheren Schichten, wie er sich angesichts der neuen deutschen Freude an sich selbst zur Hymne vor dem Fernseher verhält. Früher ging man Bier holen. Dann guckte man, wer von den Spielern mitsang.

Doch heute um 15:56 Uhr, im Überschwang, führt kein Weg mehr daran vorbei: Wir müssen singen. Alle. Womit sich gravierende Stilfragen auftun: Im Stehen, so wie bei Schönbohms und Becksteins? Hand aufs Herz, wir wollen es doch auch. Also, Tagesbefehl: Hymne stehend gröhlen. Es ist ja vielleicht schon das vorletzte Mal.