Achilles' Spezial: Sorry, Jürgen Klinsmann - DER SPIEGEL
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Achilles' Spezial Sorry, Jürgen Klinsmann

Es ist Zeit, sich zu entschuldigen. Zeit, sich für drei unvergleichlich leichte Wochen zu bedanken, die er uns, dem Land der Motzkis, geschenkt hat. Weil er seinen Weg gegangen ist - den richtigen. Verzeih, Bundestrainer!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In einem der wenigen ruhigen Momente, die uns diese spannenden Tage lassen, da sollte der hiesige Fußballfan ganz leise aber sehr inständig um Verzeihung bitten. Ja, Fußball-Deutschland lag komplett daneben. 80 Millionen Bundestrainer haben geirrt. Fast alle haben wir einem Menschen Unrecht getan. Und wie.

Erinnern wir uns: Was wurde gespottet, als die Spieler mit den dicken Gummibändern um die Waden über den Platz schlurften. Was soll denn der Heckmeck? Ein Fitness-Trainer aus Amerika? So ein Unsinn. Kostet doch nur Geld. Und einen Psycho-Heini noch dazu? Psycho ist für Frauen. Die Jungs sollen sich die Seele aus dem Leib rennen und fertig.

Nach den Vorbereitungsspielen sahen wir uns bestätigt. Und dann auch noch diese Nominierungen. Mit einem Kader aus Unbekannten und Halbverletzten haben wir doch keine Chance gegen die Großen der Fußballwelt. Was war vor vier Wochen die geläufigste Prognose hierzulande? Na, mal ehrlich? Es gab drei Fraktionen: die einen raunten, dass die deutsche Elf nicht mal die Vorrunde überstehe, die anderen gaben der Mannschaft bis zum Achtelfinale, nur die Mega-Optimisten wagten die Prognose: Vielleicht Viertelfinale. Das war die Minderheit.

Die größte Leistung von Klinsmann, Löw und Bierhoff war es, dass sie die vergangenen beiden Jahre Kurs gehalten haben in einem Sturm von Skepsis, Zynismus und Ablehnung. Die tapferen Drei haben sich nicht beirren lassen von den Mumien im DFB, nicht von der Boulevardpresse, nicht von der ganzen mäkeligen Stimmung im Lande. Sie haben gegen viele herrschende Regeln verstoßen, auch auf die Gefahr hin, zwischendurch mal auf die Nase zu fallen.

Das 1:4 gegen Italien war so ein Moment, an dem wir am liebsten den Bundestrainer ausgetauscht hätten, wenn es einen Kandidaten gegeben hätte. Gleich danach wurde Klinsmann gegeißelt, weil er zum Todestag seines Vaters mit seiner Mutter zu den Enkeln nach Kalifornien geflogen war. Dafür hat er doch tatsächlich eine Sitzung mit DFB-Funktionären sausen lassen. Wir alle waren bereit, das skandalös zu finden. Und Jürgen Klinsmann war der einsamste Mensch im Land.

Heute müssen selbst die schärfsten Kritiker eingestehen, dass diese Mannschaft auf den Punkt fit ist und motiviert. Niederlande raus, Spanien raus. Aber wir noch drin. Und die Welt ist so verzückt wie lange nicht über das deutsche Spiel. Wer das im Mai prophezeit hätte, wäre ausgelacht worden.

Der Sturkopf Klinsmann ist volles Risiko gegangen. Er hatte einen Plan, seinen Plan, und den hat er durchgezogen. Niemand weiß, wie oft er an dem Punkt war, hinzuschmeißen. Aber er hat weitergemacht. Egal, wie weit unsere Jungs noch kommen, sie haben dem Land der Motzkis schon mal drei unvergleichlich leichte Wochen geschenkt. Dieses Verdienst gebührt einem allein: dem Bundestrainer Jürgen Klinsmann.