Ali Daei Das Denkmal bröckelt
Hamburg - Die Überschriften in den Tageszeitungen waren euphorisch. Acht Jahre hatten die Fans im fußballbegeisterten Iran auf eine erneute WM-Teilnahme warten müssen. 110.000 Zuschauer hatten das vorentscheidende Qualifikationsspiel gegen Japan im Teheraner Stadion verfolgt - ein Besucherrekord. Als sich die Mannschaft von Chefrainer Branko Ivankovic mit einem 1:0-Erfolg über Bahrain im Juni vergangenen Jahres endgültig für die Endrunde in Deutschland qualifizierte, zog sich der Jubel über das ganze Land. Doch nur wenige Tage nach Beginn dieser Weltmeisterschaft ist die Stimmung umgeschlagen.
Nach der 1:3-Niederlage zum WM-Auftakt gegen Mexiko sparen die heimischen Medien nicht mit Kritik. Vor allem Irans Kapitän Ali Daei ist bei seiner letzten Weltmeisterschaft zunehmend umstritten, dabei zählt der 37-Jährige im Iran als die Fußball-Ikone schlechthin. Aufgrund seines Engagements bei Arminia Bielefeld, Bayern München und Hertha BSC Berlin gilt er bei seinen Landsleuten als Vorreiter in Sachen Fußball. Aus der aktuellen Nationalmannschaft etablierten sich mit Mehdi Mahdavikia (Hamburg), Ferydoon Zandi (Kaiserslautern), Ali Karimi (Bayern München) und Vahid Hashemian (Hannover) nach Daei noch vier weiter Iraner in der Bundesliga.
Dazu kommt: Als einziger Stürmer der Welt hat er für sein Nationalteam mehr als 100 Tore erzielt. Selbst die erfolgreichen Torjäger der Vergangenheit wie Puskas (84 Tore) oder Pelé (77) kommen nicht auf eine derart hohe Trefferanzahl. Kritiker behaupten allerdings, Daei stände lediglich aufgrund seiner vergangenen Erfolge im Kader.
"Daei ist nicht WM-tauglich", titelte die Tageszeitung "Irane Varzeshi" und bemängelte den körperlichen Zustand des Stürmers und das Konkurrenzblatt "Khabare Varzeshi" schreibt, Daei "hätte schon vor vier Jahren aufhören sollen. Sein Einsatz geht auf Kosten des iranischen Fußballs." Diese Meinung macht sich zunehmend auch innerhalb der iranischen Mannschaft breit. Im Spiel gegen Mexiko hätte der iranische Sturm eine personelle Belebung dringen nötig gehabt. Trainer Ivankovic nahm Daei allerdings erst vom Feld, als dieser über Rückenschmerzen klagte. Zuvor war das Idol nur müde über den Platz getrabt.
Bereits einen Tag später meldete sich Daei, der als Besitzer einer Sportartikelfirma die meisten heimischen Clubs ausrüstet, wieder einsatzbereit: "Die Probleme sind abgeklungen. Ich bin fit und kann am Samstag gegen Portugal spielen", so Daei. In der Mannschaft wird dagegen spekuliert ob der in die Jahre gekommene Kapitän mit seinen Rückenproblemen von seiner schwachen Leistung gegen die laufstarken Mexikaner ablenken wollte.
"Es ist nicht richtig, ihn als Sündenbock abzustempeln. Er ist für uns nach wie vor ein wichtiger Spieler", sagte Ivankovic. Auch der iranische Verbandspräsident Mohammad Dadgan will von Mißstimmung im Team nichts wissen. "Wir haben uns noch längst nicht aufgegeben. Die Mannschaft wird eine Trotzreaktion zeigen", sagte Dadgan. Am Samstag gegen Portugal (15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist für Iran allerdings ein Sieg Pflicht, will das Team nicht wie 1998 in der Vorrunde scheitern. "Mit einer neu geschaffenen Einheit werden wir Portugal schlagen", kündigt Dadgan großspurig an. Bis auf Zandi wird es beim Iran aber keine personellen Änderungen geben. Ali Daei hat auch in der vermeintlich neuen Einheit noch seinen festen Platz.
sid