Allianz-Arena: Der dunkle Schatten des Supertempels - DER SPIEGEL
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Allianz-Arena Der dunkle Schatten des Supertempels

Am Abend wird die Allianz-Arena in München mit dem Spiel des TSV 1860 gegen den 1. FC Nürnberg offiziell eröffnet. Doch das Stadion der Superlative erhielt in den vergangenen Jahren nicht nur Beifall. Und dann wäre da auch noch ein legendärer Vorgänger: das Olympiastadion.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der modernste, möglicherweise schönste und in jedem Fall am aufwändigsten beleuchtete Fußballtempel in Deutschland, die Allianz-Arena in München, ist schon vor dem ersten Anpfiff so umstritten wie kein anderes der in den vergangenen Jahren neu gebauten Stadien hierzulande.

Es begann bereits mit der Entscheidung zum Bau im Jahr 2001. Der Welt-Fußballverband Fifa zeigte sich von der friedlich-gelösten Stimmung im weiten Rund begeistert und klassifizierte das Olympiastadion, damals Heimstatt des FC Bayern München und Aushängeschild der bayerischen Landeshauptstadt, als voll WM-tauglich. Zum Ärger von Bayern-Funktionären wie Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer, die ihre eigene Heimspielstätte im Bezug auf die Weltmeisterschaft zuvor als völlig unbrauchbar verdammt hatten.

Ebenso folgerichtig wie plötzlich schwenkte die Argumentation der einflussreichen Fußballfunktionäre um: Ein reines Fußballstadion ohne lästige Leichtathletikanlagen musste nun her, schließlich hatten die meisten Konkurrenten auch eines, vor allem der FC Schalke 04. Ein moderater und mit 140 Millionen Mark vergleichsweise preisgünstiger Umbau des Olympiastadions unter dem denkmalgeschützten Zeltdach wurde aus diesem Grund verworfen.

Steuerzahler kommen für Verkehrsanbindung auf

Stattdessen drückten die beteiligten Vereine FC Bayern und 1860 München mit Unterstützung der Stadt München einen Bürgerentscheid durch, bei dem nach einer beispiellosen Medienkampagne zwei Drittel der Bevölkerung für einen Neubau stimmten. Wer in jenen Tagen Kritik an dieser Idee äußerte, galt vor allem den drei Boulevardblättern der bayerischen Landeshauptstadt schnell als eine Art Fußballverräter.

Bestechend schien damals das Argument, dass die beiden großen Münchner Fußballvereine - im Gegensatz zu den Modellen in anderen Städten - die Baukosten in Höhe von 340 Millionen Euro für die Arena selbst tragen würden. Gern ignoriert wurde dagegen, dass die Steuerzahler über die Stadt, das Land Bayern und der Bund eine umfassende Verkehrserschließung in Höhe von rund 200 Millionen Euro aufgebrummt bekamen.

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33 Jahre Olympiastadion: Eine runde Geschichte

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Die Möglichkeit, im bestens erreichbaren und mit ausreichend Parkplätzen versehenen Olympiapark zu bauen und damit viel Geld zu sparen, verhinderte die Koalition aus Rot-Weißen, Blau-Weißen und Rot-Grünen im Rathaus mit fadenscheinigen Argumenten: Man hätte dort zuviel Rücksicht auf die architektonischen Besonderheiten der Anlage nehmen müssen.

Die Motive für dieses Vorgehen waren unterschiedlich: Wo sich die Stadt größere Attraktivität für Touristen durch ein neues, sportliches Wunderwerk erhoffte, versprach man sich beim FC Bayern endlich ein eigenes, hochmodernes und perfekt vermarktbares Stadion, mit dem man weltweit konkurrieren kann - und das zu verblüffend günstigen Konditionen. Denn neben Stadt, Land und Bund saß auch der Lokalrivale 1860 dank der hochfliegenden Pläne von Karl-Heinz Wildmoser, senior wohlgemerkt, finanziell mit im Boot.

Fanszene der Löwen tief gespalten

Was ein Verein, der in der Bundesliga zuletzt einen Zuschauerschnitt von 28.500 erreichte und mittlerweile auf unabsehbare Zeit in der zweiten Liga spiel, in einem Luxusstadion für 66.000 Zuschauern will, weiß bis heute niemand. Die Fanszene ist tief gespalten. Viele kritische Löwen-Anhänger sind frustriert, weil ein vom früheren Spieler Manfred Schwabl präsentierter Umbau-Entwurf des traditionellen Sechziger-Stadions an der Grünwalder Straße im Stammviertel Giesing ohne ernsthafte Diskussion verworfen wurde.

Das neue Stadion wird in den einschlägigen Internetforen gern als "Arroganz-Arena" verspottet. Da nützte es wenig, dass beim Testspiel zweier Traditionsmannschaften der Ex-Löwe Peter Pacult den ersten Treffer auf dem neuen Rasen erzielte.

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Allianz-Arena: Münchens Sporttempel der Superlative

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Als unsensibel empfinden es zudem sowohl 1860-Fans und mancher in der Vereinsspitze, dass zur bundesweit beachteten offiziellen Eröffnung des neuen Stadions nicht etwa die beiden Clubs gegeneinander antreten, die hier in Zukunft beheimatet sind. Stattdessen steht allein der FC Bayern bei einem Match gegen die Nationalelf im Scheinwerferlicht, während der angeblich gleichrangige Partner TSV 1860 zuvor mit einem bayerischen Derby gegen den 1. FC Nürnberg abgespeist wurde.

Doch auch die Bayern dürfte der Umzug ein gutes Stück Identität kosten: Das Olympiastadion in München, weltweit als eines der bedeutendsten deutschen Bauwerke nach dem Krieg gewürdigt, sollte in seiner weitschweifenden, kantenlosen und sorgsam in die geschwungene Parklandschaft eingepassten Architektur der größtmögliche Gegensatz zum monumentalen Klotz des im Dritten Reich errichteten Berliner Olympiastadion sein.

Diese Einmaligkeit, die den Club auch über den Austragungsort seiner Heimspiele von allen anderen Mannschaften in Deutschland abhob, geht nun verloren. Dafür erhalten Hoeneß & Co. endlich den gewünschten "Hexenkessel", der das Olympiastadion ja gerade nicht sein sollte - mithin einen jener proletarischen Brülltempel mit VIP-Umrandung, der, so ungewöhnlich er auch aussehen mag, letztlich nichts anderes darstellt als eine weitere Variante all der AOL-, AWD-, RheinEnergie-, Veltins- und Commerzbank-Arenen, die in den vergangenen Jahren entstanden sind.

Schmiergeldaffäre belastet das Arena-Image

Was bleibt, ist hingegen der Ruch der Korruption. Im Mittelpunkt des Schmiergeld-Skandals steht ausgerechnet Karl-Heinz Wildmoser junior, einst Geschäftsführer der Münchner Stadionbau GmbH und immer noch Sohn des früher nahezu allmächtigen Präsidenten des TSV 1860 München. Wildmoser junior soll mit einem Komplizen, dem ehemaliger Schulfreund Stefan Dung, rund 2,8 Millionen Schmiergeld kassiert haben, um der österreichischen Baufirma Alpine den Auftrag zum Bau der neuen Allianz-Arena im Münchner Norden zu verschaffen.

Als Wildmoser sich am 13. Mai 2005 von der Anklagebank des Münchner Landgerichts erhob, war er zwar ein freier Mann. Allerdings nur gegen Hinterlegung einer Kaution von 250.000 Euro. Und weil das Urteil gegen ihn noch nicht rechtskräftig ist. Es lautet auf viereinhalb Jahre Gefängnis. Dung kam mit einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren wegen Beihilfe davon.

Über Monate zog sich der Prozess gegen Wildmoser äußerst zäh und mühsam hin - bis ihn das plötzlich ungeduldige Gericht rasant zu einem Urteil trieb. Nicht wenige Beobachter waren überzeugt, dass die Verhandlung schnell noch beendet werden sollte, bevor am 31. Mai die feierliche Eröffnung der Arena mit einem Spiel zwischen dem FC Bayern und der Nationalmannschaft über die Bühne geht.

Zwar ist das Wildmoser-Verfahren bis zur Revision unterbrochen, dafür hat die Staatsanwaltschaft München nun Anklage gegen den Chef des Alpine-Baukonzerns, Dietmar Aluta-Oltyan, erhoben. Er soll Karl-Heinz Wildmoser junior das Schmiergeld gezahlt haben. Aluta-Otlyan bestreitet die Vorwürfe. Er fühle sich "in keiner Weise schuldig", erklärte er.