Allofs-Interview "Einmal hat es richtig geknallt"
Frage: Herr Allofs, Sie machen lange schon keinen so angespannten Eindruck mehr, wie in Ihrer Anfangszeit in Bremen. Wirkt Erfolg beruhigend?
Allofs: Natürlich. Am Anfang meiner Arbeit bei Werder stand ich unter totaler Beobachtung. Jedes Spiel, jeder Fehler hätte dazu führen können, dass das Pendel in die falsche Richtung ausschlägt. Dass man sagt: Es war doch nicht die richtige Entscheidung. Als Spieler konnte ich unmittelbar auf dem Platz Antworten geben. In meiner Position ist das schon schwieriger. Vielleicht muss man deshalb mit Kritik auch mal anders umgehen. Einmal hatte es ja richtig geknallt.
Frage: Sie meinen die Situation, als Sie einen Reporter bei einem Spiel gegen eine Journalistenauswahl zunächst rüde abgegrätscht und ihm dann noch eine Ohrfeige verpasst haben? Ist Ihnen das heute noch peinlich?
Allofs: Na ja, es war ja eher harmlos. Auf der einen Seite fand ich es blöd, dass ich die Kontrolle verloren hatte. Auf der anderen Seite ist es auch mal auch ganz gut, wenn man zeigt, dass man nicht immer kontrolliert ist. Wichtig war, dass wir uns zusammengesetzt und es aus der Welt geschafft haben, dass ich aus Überzeugung sagen konnte: Sorry, das war eine falsche Reaktion von mir. Auch unsere Spieler wissen übrigens ganz genau, dass ich eigentlich gemäßigt bin, aber dass es Tage gibt, an denen ich ganz anderes sein kann.
Frage: Erzählen Sie, wann werden Sie lauter?
Allofs: Grundsätzlich wenn jemand unter seinen Möglichkeiten bleibt. Wenn jemand unprofessionell ist. Wenn er leichtfertig unseren Erfolg aufs Spiel setzt und unser Gefüge in Gefahr bringt. Die Spieler müssen nicht wie Marionetten sein, aber Thomas Schaaf und ich haben schon eine klare Vorstellung, wie das ablaufen soll. Okay, manchmal muss jemand auch übers Ziel hinausschießen dürfen. Da kann man schon mal ein Auge zudrücken. Nur wenn Dinge aus persönlicher Eitelkeit oder Bequemlichkeit geschehen, dann muss es krachen.
Frage: Dann muss Johan Micoud Sie das eine oder andere Mal zur Weißglut gebracht haben?
Allofs: Ja, klar. Beim Abschied habe ich ihm gesagt: "Joe, das war anstrengend mit dir." Aber man konnte ihm nie vorwerfen, dass er unprofessionell war. Obwohl, das stimmt nicht ganz. Im Kontakt zu den Medien fand ich ihn unprofessionell. Da war er nur schwer zu beeinflussen, und ich habe viel mit ihm geredet. Aber sonst war Johan immer pünktlich, immer fit, hat sich immer Gedanken gemacht, wie wir weiterkommen können. Das ist das Wichtigste, und darum ist es das auch wert, sich mit den anderen Dingen auseinanderzusetzen. Nur wenn einer sportlich nichts drauf hat und dann noch anstrengend ist das muss nicht sein.
Frage: Sie und Thomas Schaaf gelten als kongeniale Partner. Hat es auch zwischen Ihnen mal richtig gekracht?
Allofs: Gekracht nicht. Aber ich sage ganz offen, dass wir schon mehrfach Fälle hatten, wo wir unterschiedlicher Meinung waren. Dann verdreht der Trainer die Augen, oder ich sage: Ach, hör auf. Aber dann gucken wir noch mal genauer hin. Über Gespräche sind wir doch noch zusammengekommen und waren schließlich der Überzeugung, dass wir das Richtige tun.
Frage: Wer hat denn in Sachen Transfers das letzte Wort?
Allofs: Ich, denn ich muss sie hinterher verantworten. Der Trainer muss es umsetzen und trägt da die Verantwortung. Aber die Situation hat sich noch nicht einmal angedeutet, dass ich einem Transfer zustimme und der Trainer außen vor ist.
Frage: Sind Sie mit Thomas Schaaf befreundet?
Allofs: Na ja, jetzt kann ich daraus ein großes Ding machen. Aber ja, es ist Freundschaft. Wir fahren nicht gemeinsam in Urlaub. Wenn ich mir ein Auto kaufe, dann frage ich ihn auch nicht, welches das richtige ist. Ich habe Freunde, mit denen ich selten über Fußball, sondern eher über andere Dinge rede. Dass ich mit Thomas Schaaf meistens über Fußball rede, ist auch klar. Aber wir haben absolutes Vertrauen zueinander. Vielleicht ist das schon mehr als Freundschaft. Ich weiß, dass nie etwas hinter meinem Rücken geschieht. Und das weiß er umgekehrt auch.
Frage: Sie sind oft gemeinsam unterwegs. Wer fährt zum Beispiel, wenn Sie mit dem Auto zu Gesprächen mit Spielern fahren?
Allofs: Meistens er, weil er gerne Auto fährt. Weil ich ebenfalls viel fahren muss, bin ich froh darüber. Und es ist sogar so, dass ich einschlafen kann. Das ist doch ein gutes Zeichen. Oder bin ich vielleicht todesmutig? Nein, er fährt wirklich gut.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie Allofs den Brasilianer Diego an die Weser lockte und ob Miroslav Klose nach der WM wirklich unverkäuflich war
Frage: In Bremen herrscht hanseatische Ruhe und Gelassenheit. Sind Sie der Mann fürs Risiko?
Allofs: Idealerweise sind bei Werder alle Rollen besetzt: der kühle Rechner, der Bedenkenträger und so weiter. Am Ende dieses Rollenspieles werden dann unsere Entscheidungen getroffen. Die erste Entscheidung in meiner Amtszeit war es, Julio Cesar zu holen. Der hatte ein Jahr nicht gespielt und war nur hier, um uns auf einen Spieler aufmerksam zu machen. Im Nachhinein betrachtet, war das ganz schön leichtsinnig. Andererseits hat er kein Grundgehalt verdient, sondern pro Einsatz kassiert. Also war das kein Risiko für uns. Im Zusammenhang mit dem Klose-Transfer habe ich einmal gesagt, dass ich das Privileg habe, unvernünftige Gedanken zu entwickeln. Dinge, die auf den ersten Blick als nicht machbar oder ungewöhnlich erscheinen.
Frage: Haben Sie eine Zockermentalität?
Allofs: Mit dem Begriff Zocker tue ich mich schwer. Aber man muss Risiken eingehen. In letzter Konsequenz darf man keine Angst vor Fehlern haben.
Frage: Was erzählen Sie Spielern wie Klose, Diego oder Micoud, warum es sich lohnt nach Bremen zu wechseln, obwohl es sich finanziell nicht so sehr auszahlt?
Allofs: Die Wahrheit. Damit fährt man am besten.
Frage: Und wie lautet die?
Allofs: Das meine ich ernst. Auch wenn man natürlich versucht, den Verein in den schönsten Farben darzustellen. Aber man darf nicht irgendwas versprechen, was man hinterher nicht einhalten kann. Bevor Micoud und Diego zu uns kamen, war es so, dass es bei ihnen nicht so richtig lief. Da sagte ich ihnen, dass es Zeit wird, in der richtigen Mannschaft zu spielen, damit es ihnen wieder Spaß macht, Fußball zu spielen. Aber es kommt schon hinzu, dass man auch aufzeigt, was man vom Spieler erwartet. Mit Clemens Fritz haben wir ewig lange gequatscht. Wir versuchen immer, uns in den Spieler hinein zu versetzen und fragen uns: Was hättest du damals erwartet? Es ist aber nicht so, dass wir auf den Spieler eindröhnen und unser Programm abspulen. Wir wollen auch etwas von den Spielern erfahren, wollen, dass sie die Dinge auch kritisch beleuchten.
Frage: Gab es Wunschkandidaten, die nicht zu Werder wollten. Empfinden Sie das als eine persönliche Niederlage?
Allofs: Es gibt eine gewisse Enttäuschung. Aber das hält nie lange an. Beim ersten Mal, als Diego noch beim FC Santos spielte, da war ich schon enttäuscht. Das war nicht umzusetzen. Werder war noch zu unbedeutend. Bei seinem Mannschaftskollegen Robinho war die nächste Station Real Madrid und Diegos Stellenwert lag weit über dem von Robinho. Das dürfte alles sagen, oder? Warum er dann erst zu Porto gegangen ist, weiß ich bis heute nicht.
Frage: Träumen Sie von der Verpflichtung eines absoluten Weltstars, der menschlich dann auch noch zu Werder passt?
Allofs: Nein. Wichtig ist, dass Thomas Schaaf und ich immer weiterdenken, aber wir würden nie jemanden verpflichten, der uns die ganze Geschichte hier durcheinanderwürfelt. Das sieht man auch bei Clubs wie Real Madrid, wo nach Namen und Trikotverkauf eingekauft wurde. Das geht nicht. Auch ein José Mourinho bei Chelsea will erst mal ganz nüchtern eine Mannschaft als funktionierende Einheit haben. Dass es auch Topstars sind, bei deren Möglichkeiten, ist selbstverständlich. Aber eben keine Paradiesvögel. Bei uns ist das auch so.
Frage: Jetzt können Sie es doch zugeben: War Miroslav Klose nach der WM wirklich unverkäuflich?
Allofs: Ja. Sportlich sowieso. Aber auch wirtschaftlich war das für uns uninteressant. Es ist ja bekannt, dass Gewinne versteuert werden müssen. Wirtschaftlich hatten wir so eine gute Saison, dass wir jeden Betrag, den wir eingenommen hätten, sofort hätten versteuern müssen. Wenn wir einen neuen Spieler kaufen, können wir ihn nur auf die Vertragslaufzeit abschreiben. Man kann also nicht einen für 20 Millionen verkaufen und für 20 Millionen kaufen und muss keine Steuern zahlen. Das war ein weiterer Grund zu sagen, dass das für uns überhaupt nicht in die Tüte kommt. Natürlich gestützt auf Aussagen von Miro, der gesagt hatte, dass er nach der WM nicht weggeht. Und wir wollten dann auch für klare Verhältnisse sorgen. Es gab auch kein Augenzwinkern, dass er weg wäre, wenn sich Chelsea meldet.
Das Interview führten Sven Bremer und Matthias Greulich