Alptraum WM Die Verlierer-Elf
Yokohama - Rudi Völler sagt, er schlafe gut vor dem Traumfinale gegen Brasilien. Ruhige Nächte hatte Völler in den vergangenen vier WM-Wochen selten. Die Kritik und der Erwartungsdruck der Öffentlichkeit hatten beim sympathischen Teamchef sichtbar Spuren hinterlassen. An manchen Tagen war der frühere Stürmer so gereizt und angriffslustig, dass man sich an das vergessene Bundesligaspiel aus den achtziger Jahren erinnerte, als Völler Waldhof-Trainer Klaus Schlappner nach dem Schlusspfiff zornig den Pepita-Hut vom Kopf riss. Unmittelbar vor dem Höhepunkt seiner jungen Teamchefkarriere aber parliert der 42-jährige Hanauer, einst beim AS Rom unter Vertrag, mit der internationalen Presse locker und zuweilen minutenlang in schwungvollem italienisch - um den deutschen Journalisten hinterher augenzwinkernd zu versichern: "Das war nicht unsere Mannschaftsaufstellung. Ich habe nur alle meine Verwandten und Bekannten in Italien gegrüßt." Wie das Finale gegen Brasilien auch ausgehen wird, Rudi Völler geht als Gewinner in die Geschichtsbücher der WM 2002 ein. Für einige Spieler allerdings war die Weltmeisterschaft in Fernost ein Alptraum. Hier die Verlierer-Elf der Titelkämpfe in Korea und Japan:
TOR:
David Seaman, England. Der 38-jährige, schnauzbärtige Keeper schaute einer Freistoßflanke des Brasilianers Ronaldinho staunend wie tatenlos hinterher, bis der Ball über seinen Kopf hinweg in den Torgiebel sauste. Obwohl England durch diesen Treffer im Viertelfinale seine Titelhoffnungen begraben musste, macht der altersschwache Ballfänger noch immer keine Anstalten den Dienst am Vaterland zu quittieren.
VERTEIDIGUNG:
Tomasz Waldoch, Polen. Das polnische Nationalteam hatte die Europa-Qualifikation als erste Mannschaft gemeistert und war ambitioniert nach Fernost gereist. Doch bereits nach zwei Spielen konnten die Osteuropäer die Koffer packen. Dem 0:2 gegen Gastgeber Südkorea folgte ein 0:4 gegen die Portugiesen. Pauleta und Co. degradierten Polens schwerfällige Abwehr um Kapitän Tomasz Waldoch dabei zur Thekentruppe.
Paolo Maldini, Italien. Dass der Kapitän der Squadra Azzurra seinen Zenit überschritten hat, war ein offenes Geheimnis. In seiner 23. WM-Partie über die komplette Spielzeit seit 1990 hintereinander hatten die Defizite des 34-jährigen Fußball-Beaus dann katastrophale Konsequenzen. In der Verlängerung des Achtelfinals gegen Südkorea passte keine Zeitung zwischen Maldinis Stollen und den Rasen, als er zum Kopfballduell mit Jung-hwan Ahn sprang. Der Gegenspieler erzielte das Golden Goal, Italien schied aus.
Jörg Böhme, Deutschland. Nachdem der Schalker von Rudi Völler vor der WM aussortiert worden war, rutschte er auf Grund der Absage von Jörg Heinrich doch noch in den deutschen Kader. Die Gelbsperre des umstrittenen Linksverteidigers Christian Ziege fürs Achtelfinale hätte Böhmes große Chance sein können, doch der 26-jährige hatte wegen eines Muskelfaserrisses ohne eine einzige Spielminute vorzeitig abreisen müssen.
MITTELFELD:
Claudio Caniggia, Argentinien. Mit 35 Jahren kehrte der Vizeweltmeister von 1990 im WM-Jahr in die argentinische Nationalmannschaft zurück. Doch der Maradona-Kumpel kam für den in der Vorrunde gescheiterten Titelfavoriten keine einzige Minute zum Einsatz und sah gegen Schweden wegen Schiedsrichterbeleidigung als erster Spieler der WM-Geschichte auf der Ersatzbank die Rote Karte.
Zinedine Zidane, Frankreich. Der Held des WM-Endspiels 1998 und teuerste Fußballer der Welt war der Werbeträger vor der Weltmeisterschaft in Korea und Japan. Dann aber verletzte sich der 29-jährige Superstar, und Frankreich war zwei Spiele lang ideen- und erfolglos. In der dritten Partie kehrte der vermeintliche Retter ins Team zurück. Die Equipe Tricolore verlor und schied aus. "Uns fehlte das Glück", analysierte Zidane.
Rivaldo, Brasilien. Nachdem er sich beim FC Barcelona angeschlagen durch die Saison geschleppt hatte, zeigte der 30-Jährige bei der WM wieder seine große Klasse. Seine schauspielerische Einlage beim glücklichen 2:1-Auftaktsieg gegen die Türkei allerdings war an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Hakan Unsal hatte ihm den Ball leicht an den Körper geschossen, aber Rivaldo hielt sich die Hände vors Gesicht, brach zusammen und sah zu, wie Unsal die Rote Karte erhielt.
Joao Pinto, Portugal. Wie schon bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren bleiben vom Ausscheiden der Portugiesen hässliche Szenen in Erinnerung. Nach der EM-Halbfinalniederlage gegen Frankreich war Nuno Gomes ausgerastet, diesmal ging Joao Pinto nach seiner Roten Karte im entscheidenden Vorrundspiel gegen Südkorea (0:1) dem Unparteiischen grob an die Wäsche. Dem 30-Jährigen von Sporting Lissabon droht nun von der Fifa eine längere Sperre.
ANGRIFF:
Frankreichs Wundersturm. Der Weltmeister trat zur Titelverteidigung mit drei Torschützenkönigen der europäischen Eliteligen an. Doch trotz Thierry Henry (24 Jahre, Arsenal London, England), David Trezeguet (24, Juventus Turin, Italien) und Djibril Cisse (20, AJ Auxerre, Frankreich) verabschiedete sich die Equipe Tricolore als Gruppenletzter mit null Treffern.