Argentinier Messi: Schmächtiges Wunderkind - DER SPIEGEL
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Argentinier Messi Schmächtiges Wunderkind

Er ist erst 18, aber schon ein Weltklassespieler. Vielleicht wird Lionel Messi sogar der Star dieser WM. Der Argentinier tritt den Ball nicht, er fühlt ihn. Zur Sicherheit hat sein Club FC Barcelona die Ablösesumme auf 150 Millionen Euro festgeschrieben.
Von Oliver Lück
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt nur wenige Momente, in denen Lionel Messi seine Füße wirklich still halten kann. Auch jetzt nicht, als er in kurzer Sporthose in der Empfangshalle eines Vier-Sterne-Hotels steht und einem argentinischen Radioreporter ein Interview gibt. Während sein Oberkörper fast bewegungslos verharrt und er mit ruhiger Stimme in das Mikrofon spricht, scheint seine untere Hälfte einem anderen Menschen zu gehören. Er schlägt die Beine übereinander. Zunächst das rechte über das linke, dann das linke über das rechte. Und wieder das rechte über das linke.

Immer wieder zieht er dabei die Badelatschen an und aus. An und wieder aus. An und wieder aus. So geht es das gesamte Interview. Genauso, als er wenige Minuten später für das Fernsehen noch einmal dieselben Fragen beantwortet. Schnell streicht er noch einmal seine Haare glatt. Die Aufzeichnung beginnt – und damit auch die Zweiteilung des Lionel Messi: Badelatschen an und wieder aus. An und wieder aus. Oben die Gelassenheit eines erfahrenen Profis, unten die nervöse Spielfreude eines Schulkinds.

Längst ist man sich einig, dass Messi, 1,69 Meter klein, keine 70 Kilogramm schwer und dennoch kaum vom Ball zu trennen, nach Pelé, Franz Beckenbauer, Eusebio oder Michael Owen der nächste sein könnte, der bei einer Weltmeisterschaft zum Superstar aufsteigt. Wenn er es nicht schon längst ist. "Der kleine Gigant", wie ihn Spaniens Presse bereits taufte, ist das Erfrischendste, was die Fußballwelt zurzeit zu bieten hat. "Wir haben einen neuen Maradona", sangen die argentinischen Journalisten ihre Lobeshymnen. "Er fühlt den Ball", sagt Diego Maradona selbst über Messi, "die beiden besten Spieler der Welt? Messi und Ronaldinho, ohne Zweifel!"

So ruhen die WM-Hoffnungen des Landes auch auf den schmächtigen Schultern eines fast 19-Jährigen (am Samstag hat er Geburtstag). "Wir alle in Argentinien sind von seiner Leistung schlicht überwältigt. Eine Zukunft wie er haben nur wenige", äußerte sich José Nestor Pekerman kürzlich in einem RUND-Interview über den Linksfuß, der sowohl im Angriff als auch im offensiven Mittelfeld glänzen kann. Es sei nicht normal, dass ein Spieler in diesem Alter auf einem derart hohen Niveau bei einem Verein wie dem FC Barcelona spiele, so Pekerman. Niemand auf der Welt zeige eine solche Entwicklung. "Es ist ein Triumph und eine Ehre, ein Privileg und absolut himmlisch, der Trainer zu sein, der Messi unter seinen Fittichen hat", schwärmt der Coach der argentinischen Nationalmannschaft, die heute seit um 21 Uhr in Frankfurt am Main auf die Niederlande trifft.

Seine plötzlichen Richtungswechsel in höchstem Tempo. Seine fast magisch erscheinende enge Ballführung. Sein präzises Passspiel. Sein explosiver Antritt. Bei Messi geht alles nicht schnell, es geht furchtbar schnell. So schnell, dass für das bloße Auge oft nicht mehr zu erkennen ist, was er da mit seinen flinken Beinen und dem Ball anstellt. Bewegungen, die regelmäßig auch seine Gegenspieler überfordern, die ihn meist nur mit Fouls zu bremsen wissen. Ein Messi in Ballbesitz in Strafraumnähe bedeutet oft Torgefahr und nicht selten Strafstoß. Vergangenes Jahr entschied er auf diese Weise das Finale der U20-Weltmeisterschaft in den Niederlanden. Zwei explosive Antritte, zwei Fouls, zwei Elfmeter. Beide Male verwandelte er sicher und schoss Argentinien beim 2:1 gegen Nigeria zum WM-Titel. Zudem war er mit sechs Treffern erfolgreichster Torschütze und wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt.

Der FC Barcelona hatte immer gewusst, dass sie einen kommenden Star in ihren Reihen haben. Wie gut Messi wirklich ist, hatte bis zu diesem Zeitpunkt allerdings niemand geahnt. Barças Präsident Joan Laporta reiste Hals über Kopf in die Niederlande, um den Vertrag aufzubessern, bevor andere Vereine lukrativere Offerten machen konnten. Nun haben die Katalanen den Argentinier, der seit einigen Monaten auch einen spanischen Pass besitzt, bis 2014 an sich gebunden und die Ablösesumme auf 150 Millionen Euro festgeschrieben. Messis jährliches Salär wurde kurzerhand von 150.000 Euro auf angeblich 4,4 Millionen erhöht.

"Meine Eltern wollten in Spanien arbeiten", sagt er im Gespräch mit RUND, "und ich war krank." Eine hormonell bedingte Störung behinderte sein Wachstum, er maß mit zwölf Jahren gerade einmal 1,43 Meter. Die Medizin kostete 900 Dollar im Monat, doch seine Familie hatte das Geld nicht. Und kein argentinischer Club wollte für die ärztliche Behandlung aufkommen. "Also versuchten wir unser Glück in Barcelona." Da war er 13. In nur einem Probetraining überzeugte er die Trainer und erhielt einen Vertrag. Barças damaliger Sportdirektor Carles Rexach kritzelte ihn auf das nächstbeste Stück Papier, auf eine Serviette. Messi zog in die Jugendakademie des Clubs. Und das Medikament, das er sich zwei Jahre lang jede Nacht injizierte, wirkte. Er wuchs, jeden Monat einen Zentimeter.

Seine Mitspieler Ronaldinho und Deco sind fasziniert von ihrem "kleinen Bruder", wie sie ihn rufen, und staunen über seine rasante Entwicklung. "Sie unterstützen mich, wo sie nur können", verrät Messi. Da er noch keinen Führerschein hat, holen sie ihn ab und zu zum Training ab. Deco geht mit ihm Einkaufen oder zum Frisör. Sie geben ihm Tipps beim Training. Und sie haben auch dafür gesorgt, dass er in der Umkleidekabine des FC Barcelona neben ihnen sitzt. Etwas was sonst nur Spielern vorbehalten ist, die schon länger im Team sind. Die Neuen müssen weiter vorne am Eingang Platz nehmen.

Messi blickt ungläubig, als er das erzählt. "Manchmal fühle ich mich noch immer wie im Traum, wenn ich mich auf dem Trainingsplatz umsehe und die ganzen Stars sehe." Ganz real sind hingegen einige Argentinierinnen, die draußen vor dem Hotel stehen. Sie tragen T-Shirts mit einem Aufdruck, der die unglaubliche Karriere des jungen Argentiniers und seine Art mit dem Trubel umzugehen treffend beschreibt. "Take it easy", steht da auf den Shirts der weiblichen Fans, und der Spruch geht noch weiter: "Take a Messi!"

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