Athletic Bilbao: Das baskische Prinzip - DER SPIEGEL
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Athletic Bilbao Das baskische Prinzip

Der baskische Athletic Club de Bilbao leistet sich seit vielen Jahren einen Anachronismus der besonderen Sorte. In seinen Teams dürfen nur Spieler aus der Region eingesetzt werden. Eine konsequente Standortpolitik, die der Verein schon seit Anfang der achtziger Jahre mit sportlicher Erfolglosigkeit bezahlt.
Von Thomas Reyero Radler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Ufer des Flusses Nervion ist schwarz vor Menschen, sie jubeln und schwenken rot-weiße Fahnen, an diesem Sommertag im Jahre 1984. Ihre Freude gilt einem Schiff, das auf dem Nervion von der Meeresmündung zur Stadt fährt. Auf diesem Schiff steht die Mannschaft von Athletic de Bilbao und winkt herüber zu den Zuschauern, ein Strahlen auf allen Gesichtern. Denn Bilbao ist soeben spanischer Meister geworden, der Trainer Javier Clemente hat ein Team geformt, das den Großen aus Madrid und Barcelona Paroli geboten hat, schon im zweiten Jahr nacheinander. Nun fahren sie auf dem Schiff zurück in ihre Heimatstadt, wie es ein alter Brauch nach Meisterschaften vorschreibt. Es ist ein großer Tag von Bilbao und er wird in der Rückschau noch viel größer. Weil es der letzte Titel sein wird, den der Verein in den nächsten 20 Jahren holt.

Bilbao im Februar 2004. Athletic spielt eine gute Saison, die Mannschaft belegt einen Uefa-Cup-Platz und schielt sogar hinauf zur Champions League. Alles scheint möglich unter dem jungen Trainer Ernesto Valverde, der bei Athletic gespielt hat, zusammen mit einigen Spielern, die er jetzt trainiert. Es ist sein erster Job. Valverde ist Baske. Was ziemlich wichtig ist, weil er nicht irgendeinen spanischen Erstligisten trainiert, sondern den Club, der sich seit jeher den Luxus leistet, nur baskische Spieler in seinen Mannschaften spielen zu lassen oder solche, die durch die Jugendmannschaften des Clubs geformt wurden. Eine Regel, ebenso romantisch wie hoffnungslos aus der Zeit gefallen.

Und sie macht nur Sinn, weil Athletic mehr als nur ein Verein ist. Er, der vor über 100 Jahren von englischen Seeleuten gegründet wurde, ist der Stolz einer Region, die seit jeher mit der Zentralregierung in Madrid um ihre Eigenständigkeit ringt und die auf Werte und Traditionen baskischer Kultur achtet, einer Region aber auch, die seit vielen Jahren unter dem Terror der Separatisten leidet. Der Fußball kann nicht flüchten aus seiner Umgebung, auch er ist immer ein Statement in einer Gegend, in der an einem Tag 100.000 Menschen gegen das Verbot der Eta-nahen Partei "Herri Batasuna" demonstrieren und am anderen Tag ebensoviele Menschen gegen das Morden der Eta.

Und so scheucht Trainer Valverde jeden Morgen seinen ausnahmslos baskischen Kader über den Trainingsplatz. Daniel Aranzubia, der junge Torwart, der die Tradition bekannter Torhüter bei Athletic fortführt, Zubizarreta und Iribar hatten hier einst im Tor gestanden. Neben ihm laufen die Mittelfeldspieler Carlos Gurpegui und Joseba Etxeberria, der trotz seiner Jugend schon eine feste Größe in den Planungen von Nationalcoach Iñaki Saez ist. Und weiter hinten dreht Julen Guerrero seine Runden. Ihn jagen seit Jahren die großen Vereine, der FC Barcelona will ihn, Real Madrid ebenso und auch die großen italienischen Vereine wurden bereits in Bilbao vorstellig und wedelten mit dem Scheckheft. Guerrero hätte sehr schnell sehr reich werden können. "Ein einziger Titel mit Athletic ist genauso viel wert wie zehn Titel mit Real Madrid", sagte er und blieb.

Doch es ist eben schon ziemlich lange her, seit der letzte Titel errungen wurde, die Ungeduld vieler Fans ist spürbar. Sicher, Bilbao spielt seither ununterbrochen in der ersten spanischen Liga, allein das ist eine große Leistung angesichts des selbst geschaffenen Handicaps. Doch weil die Pokale in den Vitrinen verstauben, finden sich nicht wenige, die eine dezente Abkehr vom strikten baskischen Prinzip befürworten würden. "Das kommt nicht in Frage", bescheidet das Präsidium um Vereinschef Igancio Ugartetxe solches Ansinnen regelmäßig.

Er weiß um die Unzufriedenheit vieler Anhänger, aber auch um den Symbolwert der Regionalauswahl. Eine heikle Diskussion, die immer dann geführt wird, wenn die Mannschaft das Tor länger nicht trifft. Die meisten der Spieler haben wie der Lokalpatriot Guerrero eine lange Geschichte im Verein. Denn weil sich der Zukauf von auswärtigen Spielern verbietet, setzt der Klub konsequent auf den eigenen Nachwuchs und sichtet bereits früh die Talente der Region. "Bilbaos Nachwuchsarbeit ist vorbildlich", lobt dann auch die Sportzeitung "Marca" aus Madrid. "Den Scouts entgeht kaum ein Talent." Wer beim Vorspielen überzeugt, darf in die Jugendmannschaften einrücken, die draußen vor der Stadt in der Kaderschmiede "Lezama" geschult werden.

Der Erfolg ist durchschlagend, rund 80 Prozent der Spieler des Erstligakaders entstammen der "cantera", dem Steinbruch von Lezama. Wenn sie den Sprung geschafft haben, haben die Spieler mit ihren Mannschaftskameraden oft schon die Jugendmannschaften durchlaufen. "Der Zusammenhalt ist groß", sagt Guerrero. Das Bilbao-Gefühl. Es eint Spieler und Fans und wird an Spieltagen greifbar, im Stadion "San Mamés". Seit 1913 spielt der Athletic Club hier, in diesem beinahe britischen Stadion mit Tribünen so nah am Spielfeld, dass die Spieler den Atem der Fans zu spüren glauben. "Die Kathedrale" wird es wegen seines Alters genannt und wegen der beinahe religiösen Verehrung, die den Spielern aus Bilbao zuteil wird.

Teil II - Mit welcher Tradition Athletic Bilbao vielleicht demnächst aus finanziellen Gründen brechen muss

Heute geht es gegen Murcia, den Tabellenletzten, und mit einem Sieg würde sich Bilbao auf dem fünften Platz festsetzen, das reicht für den Uefa-Cup. Bereits Stunden vor dem Anpfiff füllen sich die Straßen rund um das Stadion. Die ganze Stadt scheint auf den Beinen. Rot-weiße Schals und Fahnen beherrschen das Bild in den Gassen, Familien, junge Paare, vielköpfige Cliquen oder einfach nur normale Fußballfans drängen sich an den Ständen, singen und trinken Bier. Wenig ist jetzt zu spüren von der hitzigen Atmosphäre, die später im Stadion herrschen wird. Das Publikum ist bei den Auswärtsteams gefürchtet, weil es bedingungslos hinter seiner Mannschaft steht.

Doch wenn es begeistert wird, unterscheidet es nicht zwischen Freund und Feind. Paulo Futre schoss im "San Mamés" drei Tore für Atletico Madrid, als er ausgewechselt wurde, erhob sich das ganze Stadion und zollte dem Gästestürmer stehenden Beifall. Nun naht der Anpfiff, das Stadion füllt sich rapide, über den Banden hängen nun all die altbekannten Banner, von den "Athletic juvenil" und von "Uriarte". Aber auch die Fahne der Ultras von Herri Batasuna, der radikalen Ultras, wird gezeigt. Kurz vor dem Anpfiff wird es auf einmal sehr still im Stadion, dann erklingt die Hymne, jene Ehrfurcht heischende Hymne, die mit einem Glockenspiel beginnt und dem donnernden Schlachtruf "Athletic, Athletic, eup!"

In diesem Moment ist das Publikum ganz bei sich und seinem Club und auch die Spieler aus Murcia scheinen sich von der Atmosphäre beeindrucken zu lassen. Schon in der elften Minute köpft Urzaiz ein und fortan ist das "San Mamés" ein Tollhaus und Athletic berennt das Gästetor auf der Suche nach der Entscheidung. Druckvoll ist das Spiel der Gastgeber und doch nie hektisch und unüberlegt. Es ist das Erbe des Jupp Heynckes. Denn es ist noch nicht allzu lange her, da waren dem Athletic Club seine englischen Wurzeln allzu deutlich anzumerken. Selten nur berührte der Ball den Rasen, im britischen Stil wurde der Ball hoch und weit geschlagen.

Erst mit der Verpflichtung von Jupp Heynckes im Jahre 1992 sollte sich das ändern. Der deutsche Trainer gab dem Spielaufbau der Mannschaft eine kontinentale Prägung und lehrte das Team, Angriffe mit Geduld und Gefühl für den Ball zu führen. Mit durchschlagendem Erfolg. Hatte Athletic Anfang der neunziger Jahre noch gegen den Abstieg gekämpft, so führte Heynckes die Mannschaft im zweiten Jahr zurück in den Uefa-Cup. "Der Aufbruch in eine neue Ära", verkündet die Bilbao-Homepage noch heute ehrfürchtig.

Seine Nachfolger übernahmen den Systemwechsel und auch der aktuelle Trainer Valverde orientiert sich an Heynckes. Anfangs haben sie den Fähigkeiten des besonnenen Coaches misstraut, zu jung sei er und habe außerdem zu wenig Erfahrung mit der Führung einer Mannschaft, hieß es hinter vorgehaltener Hand, doch seit sich Bilbao hinter dem Spitzenquartett festgesetzt hat, sind kritische Stimmen selten geworden. Und sie rühren sich auch nicht, als Murcia überraschend ausgleicht und die Mannschaft für kurze Zeit außer Tritt gerät. Das Publikum wird alsbald belohnt, Yeste trifft vom Elfmeterpunkt, Murcias Abwehrmann Jensen war der Ball an die Hand gesprungen.

In der zweiten Hälfte begnügt sich Athletic mit der Verwaltung des Heimsieges. Nach dem Schlusspfiff verabschiedet das Publikum seine Mannschaft mit großem Beifall. Es ist alles wie immer, möchte man meinen. Doch die Gesetze des Profifußballs gelten auch in Bilbao. So denkt der Club seit letztem Sommer ernsthaft darüber nach, mit einer ebenfalls lange gepflegten Tradition zu brechen und Werbung auf den bisher blanken Trikots zuzulassen.

Die Begründung klang vertraut. "Unsere wirtschaftliche Situation ist nicht gut, und wir glauben, dass wir damit zusätzliche Einnahmen erzielen und zugleich unsere Fans nicht zu sehr belasten müssen", sprach Präsident Ugartetxe mit belegter Stimme. Die Dauerkartenpreise wurden parallel erhöht. Vielleicht wird Ugartetxe demnächst auch verkünden, dass Spieler ohne baskischen Stammbaum bei Athletic spielen dürfen. Aber nur vielleicht. So oder so. Es wird Zeit, denken die Fans, dass wieder einmal ein Schiff auf dem Nervion nach Bilbao fährt, umtost vom Jubel der Anhänger am Ufer. Wie es ein alter Brauch nach Meisterschaften vorschreibt.

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