Atli Edvaldsson: Wie ein Wikinger Deutschland eroberte - DER SPIEGEL
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Atli Edvaldsson Wie ein Wikinger Deutschland eroberte

Ein Isländer in Dortmund: Atli Edvaldsson mischte in den achtziger Jahren die Bundesliga auf. Mit dem Fußball-Magazin "11 FREUNDE" sprach der Stürmer über problematische Winter, seinen Status als Exot und das Spiel, in dem er fünf Tore erzielte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frage: Herr Edvaldsson, Island gilt vielen als Fußballzwerg. Für eine Einwohnerzahl von etwa 300.000 hat das Land jedoch erstaunlich viele gute Fußballer hervorgebracht. Wie kommt das?

Edvaldsson: Das kommt da her, dass wir hier exzessiv Fußball spielen – wie die Verrückten! Im Sommer, wenn die Mitternachtssonne am Himmel steht, spielen die Kinder, bis sie vor Erschöpfung umfallen. Früher wurden sie im Winter in ihrer Leistungsstärke zurückgeworfen, weil sie nicht trainieren konnten. Aber mittlerweile haben wir hier genug Sporthallen, damit auch in der kalten Jahreszeit gekickt werden kann. Heute ist Fußball mit Abstand die wichtigste und beliebteste Sportart hier bei uns in Island.

Frage: Als sie vor über 30 Jahren anfingen zu spielen, war Island aber tatsächlich noch ein Fußballentwicklungsland.

Edvaldsson: Ja, das stimmt. Wir hatten so gut wie keine Hallen, und wenn, dann waren sie gerade groß genug für ein Spiel Vier gegen Vier. Wir standen mit 60, 70 Jungs in der Halle – Sie können sich also ausrechnen, wie oft man da an den Ball kam! Zum Glück ist der Winter durch den Golfstrom hier nicht so hart, wie Sie in Deutschland sich das vielleicht vorstellen. Wir konnten also ab und zu auch mal raus und dort Fußball spielen, meistens auf der Straße.

Frage: Kinder in Deutschland hatten Uwe Seeler oder Gerd Müller als Helden. Welchen Idolen haben Sie damals nachgeeifert?

Edvaldsson: Vor allem Hermann Gunnarsson. Er war eines unserer größten Talente, ein wahrer Alleskönner. Er war nicht nur Fußball-, sondern auch Basketball- und Handballnationalspieler. Er war ein Riesenvorbild für uns alle.

Frage: Nahmen Sie auch die Stars vom europäischen Festland wahr, etwa Franz Beckenbauer, George Best oder der Portugiese Eusebio?

Edvaldsson: Na, klar! 1966 war Eusebio der große Star der WM in England, und kurz darauf spielte Valur Reykjavik im Europapokal gegen Benfica Lissabon. Alle waren in heller Aufregung. Im Stadion, das eigentlich nur 5.000 Zuschauer fasst, waren plötzlich viermal so viele Menschen!

Frage: Sie selbst wechselten 1980 im Alter von 23 Jahren nach Deutschland - und heuerten beim Bundesligisten Borussia Dortmund an. Wie kam der Kontakt zustande?

Edvaldsson: Es gab schon vorher Anfragen aus Belgien und Holland, ich wollte aber erst meine Ausbildung zum Diplom-Sportlehrer beenden. Durch den Spielerberater Willy Reinke, der auch schon Karl-Heinz Rummenigge nach München vermittelt hatte, kam ich dann in die Bundesliga. Er sah mich 1978 bei einem Länderspiel gegen Deutschland und ein Jahr später bei einem Europapokalspiel gegen den HSV. In beiden Partien schoss ich je ein Tor und spielte ziemlich gut. Also lud mich Reinke nach Dortmund ein. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zwar wegen des dunklen Winters auf Island seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr gegen den Ball getreten und mich nur mit Volleyball fit gehalten, aber das Probetraining lief trotzdem perfekt. Udo Lattek fragte mich hinterher: "Wenn du jetzt nicht fit bist, wie bist du dann, wenn du fit bist?" Kurz danach habe ich meinen Vertrag unterzeichnet.

Frage: Lattek war damals schon einer der erfolgreichsten Trainer der Welt.

Edvaldsson: Ah, Udo war einmalig! Wie er mit den Spielern umging, mit ihnen sprach, wie er sie motivierte! Am Spieltag hatte man keine Geduld, auf den Anpfiff zu warten, man wäre am liebsten zum Stadion gelaufen, so motiviert war man. Fantastisch, dieser Udo Lattek!

Frage: Sie waren der erste Isländer in der Bundesliga. Waren Sie ein Exot?

Edvaldsson: In gewisser Weise schon. Mein Vater schenkte mir damals zum Abschied ein Riesengemälde von einem isländischen Künstler. Es heißt "Die Invasion Germanias" und zeigt einen Wikinger mit Helm, Rüstung und allem. So ungefähr sah ich auch aus, als ich nach Deutschland kam.

Frage: Haben Sie Ihre Mannschaftskollegen auch einmal nach Island eingeladen?

Edvaldsson: Hin und wieder kommt einmal ein ehemaliger Mitspieler nach Island. Dann ist es in diesem kleinen Land ganz einfach, er braucht nur zu fragen: "Wo ist denn der Atli", und schon weist ihm jemand den Weg(lacht).

Frage: Auch in Deutschland sind Sie noch bekannt – vor allem wegen eines Spiels: Am 6. Juni 1983 schossen Sie für Fortuna Düsseldorf fünf Tore gegen Eintracht Frankfurt.

Edvaldsson: Das war ein toller Tag. Ich hatte schon zwei Tore geschossen und dachte, jetzt könnte ich ja der Abwehr ein bisschen helfen. Hin und her, vor und zurück – das war ja ohnehin meine Art zu spielen. Aber Willibert Kremer, der Trainer, schrie mich an: "Atli! Ab nach vorne!" Ich war also mehr oder weniger gezwungen, noch mehr Tore zu machen. Und Sie haben Recht: Ich werde vor allem mit diesem Spiel in Verbindung gebracht. Gerade neulich war ich in Düsseldorf im Stadion, und da sprach mich ein kleiner Junge an: "Bist du der, der fünf Tore geschossen hat?"

Anmerkung der Redaktion: Die Dokumentationsabteilung des SPIEGEL hat sich diesen Text nach Hinweisen auf mögliche Manipulationen Anfang 2019 noch einmal vorgenommen, aber keine Auffälligkeiten festgestellt.

Die Fragen stellte Dirk Gieselmann