Mario Gomez: Tore am Fließband
Auf Gerd Müllers Spuren Alles Gomez, oder was?
Hamburg - Eigentlich hätte man sich das in München nicht vorstellen können. Dass es wieder einmal einen Stürmer im Bayern-Trikot geben könnte, der immer richtig steht. Der Tore schießt wie er will - mit links, rechts, mit dem Kopf und mit jedem anderen erlaubten Körperteil. Kurz: einen wie Gerd Müller. 365 Tore in 427 Bundesligaspielen erzielte der "Bomber der Nation" für die Bayern. Eine auf ewig unerreichbare Traumquote von 0,84 Toren pro Spiel. So dachte man.
Doch spätestens nach der Bayern-Gala gegen den SC Freiburg muss man wohl umdenken. Mit Mario Gomez könnten die Münchener tatsächlich den ersten wirklich legitimen Nachfolger Müllers erleben. Mit seinem ersten Viererpack für den FC Bayern erzielte Gomez seine Treffer fünf, sechs, sieben und acht in dieser Saison. Das ist nach fünf Spieltagen die beste Liga-Bilanz eines Stürmers seit 43 Jahren. Der letzte, der so erfolgreich in die Saison startete, hieß zwar nicht Müller, aber Meyer. Peter Meyer von Borussia Mönchengladbach, heute nur noch den Älteren in Erinnerung.
Insgesamt hat Gomez in jetzt 66 Spielen für München 46 Mal getroffen. Eine phänomenale Bilanz. Das ergibt eine Quote von 0,67. Doch die Tendenz steigt. Lässt man die erste Saison in München weg, in der es für Gomez nicht berauschend lief, kommt Gomez mit seinen 28 Toren in der vergangenen Saison und der Ausbeute in diesem Jahr auf fast ein Tor pro Spiel.
Bayern wollte ihn nach England verkaufen
Dabei ist es gerade einmal ein gutes Jahr her, dass ihn eigentlich alle schon abgeschrieben hatten. In der ersten Saison unter Louis van Gaal kam der Spieler, der 2009 für den Bundesliga-Rekordtransfer von 30 Millionen Euro vom VfB Stuttgart gekommen war, nur wenig zum Einsatz. Am Ende wurde er gar von den eigenen Fans ausgepfiffen. Auswärts war das sowieso Alltag. Die Deutschen hatten ihm im Grunde nicht verziehen, dass er bei der Europameisterschaft 2008 gegen Österreich eine klare Torchance vergab.
Außerdem warfen ihm viele seine vermeintlich arrogante Art vor. "Du hast die Haare schön", schallte es oft durch die Stadien. Wechselnde Frisuren wecken beim Fußballfan Argwohn. Zu Beginn der Saison 2010/11 sollte er zum FC Liverpool abgeschoben werden. "Ich war Stürmer Nummer vier bei Bayern, meine Chance zu spielen war so groß wie die von Österreich, Weltmeister zu werden", sagte Gomez kürzlich der "Süddeutschen Zeitung". Wäre er gegangen, in Deutschland hätte ihm wohl niemand eine Träne nachgeweint.
Doch der Wechsel scheiterte, und Gomez blieb. Zum Glück für ihn. Und zum Glück für den FC Bayern. Der Knoten platzte im Oktober 2010 mit drei Toren gegen Hannover. Das 1:0, sagte Gomez später, sei eine Befreiung gewesen. Von da an lief es.
Gomez hat sein Spiel den Bayern angepasst
Auch weil Gomez sein Spiel dem FC Bayern angepasst hat. Beim VfB Stuttgart brauchte er meist nur an der Mittellinie stehen und auf Konter zu warten. Bei Bayern muss er als Stoßstürmer an der Strafraumgrenze stehen, mit dem Rücken zum Tor, links und rechts ein Verteidiger. Immer wieder betont Gomez, wie hart er täglich an sich arbeitet. Dass er diese Umstellung mittlerweile so perfekt verinnerlicht hat, spricht für ihn.
Doch um in die Nähe eines Gerd Müller zu kommen, fehlt außer einer Menge an Toren noch der endgültige Durchbruch in der Nationalmannschaft. Bisher hat es Gomez nicht geschafft an Miroslav Klose vorbeizuziehen. Kurios war es in der vergangenen Saison, als Gomez für Bayern stürmte und sein Teamkollege Klose für Deutschland. Auch sein negatives Image konnte er im Nationaltrikot noch nicht vollends ablegen, obwohl er in 47 Spielen immerhin 19 Tore erzielte.
Noch im vergangenen März beim EM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan wurde der 26-Jährige ausgepfiffen. Beim nächsten Spiel, ausgerechnet gegen Österreich, schoss er die Mannschaft mit zwei Toren zum Sieg. Eine Chance, über einen längeren Zeitraum von Beginn an zu spielen erhielt er dennoch nicht. Auch weil Klose fast in jedem Spiel überzeugte.
Gomez weiß, dass Tore das beste Argument für ihn sind. Wenn er eins gelernt hat, in den vergangenen Jahren, dann dass einer wie er keine großen Sprüche machen darf. Zu schnell würden die Fans wieder das Bild des arroganten Jungprofis im Kopf haben. So gab er sich auch nach dem Viererpack bescheiden.
"Ich möchte den Ball jetzt flach halten. Es kommen auch wieder andere Tage. Man darf die ersten beiden Spieltage nicht vergessen", sagte er. Nach den zwei torlosen Spielen musste er schon wieder Fragen nach einer möglichen Stürmerkrise beantworten.
Gerd Müller hatte in der Saison 1971/72 nach fünf Spieltagen erst einen Treffer erzielt. Am Ende stand der bis heute gültige Rekord von 40 Toren in einer Saison.