Aufsteiger Mönchengladbach: Wieder zu Hause - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Aufsteiger Mönchengladbach Wieder zu Hause

Sie haben es geschafft. Borussia Mönchengladbach ist zurück in der ersten Bundesliga - genau dort, wo der Club im kollektiven Gedächtnis der Fußballnation auch hingehört. Nach dem Sieg gegen Wehen sprangen feine Damen erschrocken beiseite, als die Spieler in den VIP-Raum kamen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war offensichtlich ein großes Vergnügen für die nach Schweiß und Bier stinkenden Fußballer von Borussia Mönchengladbach, als sie wie eine Horde grölender Proleten in die VIP-Räume ihrer Arena einfielen. Akkurat frisierte Damen sprangen in ihren hochhackigen Schühchen erschrocken zur Seite, die enthemmten Männer hüpften durch den vollen Saal, schubsten sich und schrien "Jaaaaaa!".

Die Fußballer hatten ihre Trikots mit den für diesen Fall vorbereiteten T-Shirts getauscht, große Buchstaben kündeten vom Grund für die große Freude, die selbst die verschreckten Damen aus dem sehr wichtigen Bereich teilten. "Wieder zu Hause" war dort auf den in hundertfacher Ausführung verteilten Textilien zu lesen. Nach dem 3:0-Sieg gegen den SV Wehen-Wiesbaden ist Borussia Mönchengladbach wieder da, wo sie im kollektiven Empfinden der Fußballnation hingehören: in der ersten Bundesliga.

"Wir haben seit dem ersten Spieltag auf diesen Moment gewartet", sagte Oliver Neuville, der recht schnell wieder aus dem Gedrängel der Edelfans flüchtete. Er war auf der Suche nach ein wenig Ruhe, wie auch Christian Ziege, der nach dem Schlusspfiff erstmal die Einsamkeit der verlassenen Trainerbank suchte. "Es ist eine unglaublich große Last abgefallen", sagte der junge Sportdirektor, zu längeren Analysen war er nicht aufgelegt.

Die Tour durch die Provinzen des deutschen Profifußballs war anstrengend. Auch wenn dieser Aufstieg in seiner Gesamtheit ziemlich einfach aussieht. Zwar ist die Borussia seit dem neunten Spieltag Tabellenführer, sie verfügt über die beste Auswärtsbilanz, hat das beste Torverhältnis und hat die meisten Treffer erzielt – es war ein Erfolg, der vor Souveränität nur so strotzt. "Ein Selbstläufer war es aber nicht", betonte Trainer Jos Luhukay.

Der zurückhaltende Holländer hatte zuvor einen alten Wunsch der Fans erfüllt und das "Humba"-Ritual mit ihnen zelebriert. Auch für die "große Unterstützung hier Zuhause und auch Auswärts" hatte er sich bedankt, er bezog den Anhang mit ein in das Erfolgsgeheimnis dieser nun endenden Spielzeit. Die Borussia war in dieser Saison eine Einheit wie seit vielen Jahren nicht. "Ich habe schon nach dem Trainingslager gesagt, dass ich ein gutes Gefühl habe, weil diese Mannschaft unglaublich schnell zusammengewachsen ist", sagte Luhukay, "darauf bin ich unheimlich stolz."

Wo man auch hinhörte an diesem Abend, überall wurde die zwischenmenschliche Magie herausgehoben, die sich offenbar innerhalb dieses Kaders gebildet hat. "Es sind einfach viele Leute dabei, mit denen man super auskommt", sagte Christopher Heimeroth, während ihm sein Zimmergenosse Oliver Neuville von hinten an den Hals sprang. Vor einem Jahr hatten sie versucht, mit dem aufgesetzt wirkenden Slogan "Ein Team" den Klassenerhalt zu erzwingen, nun ist die Harmonie echt. Luhukay und Sportdirektor Christian Ziege haben diese Mannschaft mit viel Gespür fürs soziale Gefüge zusammengestellt, das ist der Mythos, der diesen Erfolg in die Geschichtsbücher begleiten wird.

Ziege hatte aber auch das Glück, dass er nach den Verkäufen von Federico Insua und Marcell Jansen 18 Millionen Euro in den Kader investieren konnte – es ist also nicht nur ein Aufstieg, dem die Dynamik einer funktionierenden Mannschaft zu Grunde liegt, sondern eben auch die Kraft eines wirtschaftlich bestens aufgestellten Großclubs. Trainer und Sportdirektor, die beiden Hauptverantwortlichen, müssen jedoch im kommenden Sommer erst noch beweisen, dass ihr Geschick auf dem Transfermarkt kein einmaliger Glücksfall gewesen ist.

Aber jetzt soll erstmal richtig lange gefeiert werden. Am Sonntag, nach dem Spiel gegen den SC Freiburg, wird es eine große Aufstiegsparty in der Mönchengladbacher Innenstadt geben. Ein buntes Programm, in dem auch der neue Aufstiegshit "Wieder zu Hause" von Mickie Krause ("Zehn nackten Friseusen") zum Besten gegeben wird, ist angekündigt. 100.000 Menschen werden erwartet, und wahrscheinlich wird es sich ein bisschen anfühlen wie am Ballermann. Doch dann wird wenigstens niemand mehr erschrocken zur Seite springen müssen, wenn schwitzende und nach Bier stinkende Männerhorden umherziehen.

Mehr lesen über