Auftaktsieger Wolfsburg Infernalische Wucht
Zum Job jedes Stadionsprechers in der Fußball-Bundesliga gehört es, in der Zwiesprache mit dem Publikum ein wenig zu übertreiben. Also dürfen auch die Anhänger des VfL Bochum als beste Fans der Welt bezeichnet werden und das Publikum darf bei der Frage nach den Toren des Gegners immer "null" brüllen, auch wenn es bereits 1:4 steht. Und so muss man es auch dem Wolfsburger Stadionsprecher nachsehen, dass er am Freitagabend vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart stolz verkündete, nun schaue "die ganze Fußballwelt" nach Wolfsburg. Nun sind wir uns nicht ganz sicher, ob sich die Anhänger in Buenos Aires und Tokio tatsächlich den Wecker gestellt haben, um sich den Premieren-Kick der 47.Bundesliga-Saison anzuschauen. Nun, sie hätten es auf jeden Fall nicht bereut. Denn es war ein temporeiches Spiel, in dem beide Mannschaften erstaunlich sicher kombinierten und erfreulich wenig Wert auf allzu konzentrierte Defensivarbeit legten. Landläufig ist in so einem Fall von "beängstigender Frühform" die Rede.
Dass Wolfsburg am Ende durch feine Treffer seines Spielmachers Zvjezdan Misimovic (71. Minute) und des Torschützenkönigs Grafite (82.) 2:0 (0:0) gewann, war glücklich, weil Stuttgarts Angreifer die Abwehr des Meisters vor allem in der ersten Hälfte mehrfach in große Verlegenheit gestürzt hatten.
Der Sieg des VfL war aber auch verdient, weil Wolfsburg offenbar die beinahe schon unheimliche Effektivität der vergangenen Saison in die neue hat hinüberretten können. Ungeachtet des Resultats werden aber beide Trainer - der Neu-Wolfsburger und Ex-Stuttgarter Armin Veh sowie Markus Babbel, dessen Nachfolger beim VfB - über das hohe Niveau der Partie sehr erleichtert gewesen sein. Denn sowohl für Wolfsburg als auch für die Stuttgarter steht in dieser Saison viel auf dem Spiel.
Beide Clubs haben einen Entwicklungssprung vor sich. Aus eher zufälligen Meistern, die sowohl der VfB als auch der VfL waren, könnten ganz selbstverständliche Anwärter auf den Titel werden. Wenn, ja wenn man hier wie dort die Champions League nutzt. Die Königsklasse und das dort zu verdienende Geld sind in einer Zeit stagnierender Fernsehgelder und unverkäuflicher VIP-Logen umso wichtiger.
Der VfB ist dabei ein gebranntes Kind. Als Stuttgart 2007 überraschend Meister wurde, erwies sich das Team in der darauf folgenden Saison als zu unerfahren für die Champions League, obendrein kam der Club mit den gestiegenen Erwartungen nicht zurecht.
Die Chancen, dass es diesmal für den VfB besser läuft, stehen gut. Vor allem deshalb, weil Manager Horst Heldt und Trainer Babbel in der Sommerpause ordentlich gearbeitet haben. Es wäre ein Leichtes gewesen, die gut 30 Millionen aus dem Transfer von Mario Gomez zum FC Bayern auf dem überhitzten Transfermarkt zu versenken.
Stattdessen warteten die Stuttgarter geduldig ab und holten mit dem alten Bekannten Aliaksandr Hleb (Leihgabe des FC Barcelona) und dem Russen Pawel Pogrebnjak (kam aus St. Petersburg) verhältnismäßig preisgünstig hochkarätige Spieler, die der Mannschaft weiterhelfen werden.
Vor allem, weil sie die zuletzt allzu sehr auf Gomez zugeschnittene Offensive weniger berechenbar machen werden. Bei der Partie in Wolfsburg machte zumindest Pogrebnjak deutlich, dass sich die fünf Millionen Euro Ablöse schon bald amortisiert haben dürften.
Klug und umsichtig war es vom VfL Wolfsburg, dass sie vor allem daran gearbeitet haben, die Erfolgsmannschaft der vorigen Saison zusammenzuhalten. Denn es bedurfte nicht einmal des Freitagsspiels, um festzustellen, dass es derzeit nicht einmal in bayerischen Gefilden eine so brillante Offensivabteilung gibt wie in Wolfsburg.
So lax sie beim VfL bisweilen in der Abwehr hantieren, so ungemein dynamisch und dennoch kontrolliert agieren Edin Dzeko, Grafite, Misimovic und Co vor dem gegnerischen Tor.
Natürlich wird abzuwarten sein, ob sich die Abwehrreihen der Liga inzwischen nicht besser auf die infernalische Wucht der Wolfsburger Offensive eingestellt haben. Und man wird schauen, ob der VfL ob des Glamours der Champions League nicht wie so manche Mannschaft zuvor den schnöden Ligabetrieb vernachlässigt.
Meistern die Wolfsburger diese Herausforderungen, können sie in dieser Saison viel erreichen. So wie der VfB Stuttgart übrigens auch. Insofern war es ein würdiges Auftaktspiel zur 47. Bundesliga-Saison. Selbst wenn nicht die ganze Welt zugeschaut haben sollte.
VfL Wolfsburg - VfB Stuttgart 2:0 (0:0)
1:0 Misimovic (71.)
2:0 Grafite (82.)
Wolfsburg: Benaglio - Riether, Madlung, Barzagli, Schäfer - Josue - Ziani (85. Dejagah), Gentner - Misimovic - Grafite (90. Esswein), Dzeko. - Trainer: Veh
Stuttgart: Lehmann - Tasci, Delpierre, Magnin, Träsch - Khedira, Hitzlsperger - Gebhart (75. Elson), Hleb (56. Simak) - Pogrebnjak, Cacau (68. Marica). - Trainer: Babbel
Schiedsrichter: Brych (München)
Zuschauer: 30.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - / -