Augenthaler-Interview "Ich bin nur das Hilfsmittel"
Frage:
Herr Augenthaler, wir möchten mit Ihnen über das Thema Kommunikation sprechen.
Augenthaler: Wieso das?
Frage: Weil wir finden, dass Sie auf diesem Gebiet sich von anderen Trainern deutlich unterscheiden.
Augenthaler: Wer? Ich? Wer sagt das?
Frage: Nun ja, Sie behandeln offenkundig alle Journalisten gleich, das ist in den intimen Milieus der meisten Bundesligaclubs anders. Häufig schmieden Trainer und Vereinsführung doch Allianzen mit dem Boulevard, der dann gegenüber der Konkurrenz einen Informationsvorsprung besitzt. Auch in Leverkusen war das bisher so, ob nun unter Christoph Daum oder Klaus Toppmöller. Ist es ein Prinzip von Ihnen, die Journalisten gleich zu behandeln?
Augenthaler: Jetzt ja. Ich habe das auch zuerst mit dem Boulevard versucht, daran bin ich vielleicht gescheitert. Auf jeden Fall habe ich, was das angeht, schlechte Erfahrungen gemacht. Jetzt ist mir egal, für welches Medium der Journalist arbeitet.
Frage: Sogar die Kollegen von der "Bild"-Zeitung und vom "Express" siezen Sie respektvoll, auch das ist ziemlich ungewöhnlich.
Augenthaler: Als ich noch ein junger Trainer war, bin ich noch öfter geduzt worden, ich habe das nicht abgeblockt. Aber es ist doch so: Wenn man sich duzt, ist da automatisch eine größere Nähe zwischen Trainer und Journalist. Dann sagt man manchmal auch Dinge im Vertrauen, die man eigentlich nicht sagen wollte. Aber dann bin ich halt enttäuscht worden.
Frage: Wann? Oder war das ein Prozess?
Augenthaler: Das war in Graz schon ein bisschen so, aber richtig schlimm war es in Nürnberg.
Frage: Warum fühlten Sie sich ungerecht behandelt? Gab es da einen konkreten Vorfall?
Augenthaler: Ja, den gab es in der Tat, als ich in Nürnberg entlassen wurde. Ich habe, als ich dann dort weg war, von dem entsprechenden Journalisten ein Fax bekommen, darin hat er sich für die ganzen Schlagzeilen und die Kampagne entschuldigt. Es täte ihm Leid, das alles geschrieben zu haben, all das würde sich in Nürnberg nie ändern. Aber er müsse, da er in Nürnberg arbeitet, nun einmal die Schiene des Präsidenten einschlagen.
Frage: Weil er sonst seine wichtigste Quelle verliert und nicht weiterarbeiten kann?
Augenthaler: So ungefähr.
Frage: Haben Sie als Spieler auch schon darüber nachgedacht, wie man mit der Öffentlichkeit zu arbeiten hat?
Augenthaler: Ich habe 14 Jahre bei den Bayern gespielt. Da ist es ganz natürlich, dass man zu den Journalisten, die genauso lange dabei sind, einen beinahe freundschaftlichen Kontakt aufbaut, irgendwann kennt man sich halt. Aber als Spieler ist das nun einmal was völlig anderes: Da ist man einer unter vielen. Als Trainer bin ich für alles verantwortlich. Und wenn man dann von Club zu Club geht, muss man immer wieder neue Leute kennen lernen, sie einschätzen und zuordnen. Dann wird man automatisch vorsichtiger.
Frage: Aber die öffentliche Wirkung war Ihnen als Spieler schon bewusst. Sie haben sich damals als Einziger geweigert, für ein Mannschaftsfoto des FC Bayern zu posieren, das die CSU vor einem Landtagswahlkampf nutzen wollte. Fühlten Sie sich missbraucht?
Augenthaler: Nicht missbraucht. Aber es war damals Mode, dass die Parteien versucht haben, namhafte Spieler für sich einzuspannen. Paul Breitner hat sich für Mao entschieden, Uli Hoeneß war CSU und so weiter. Auch ich habe meine politische Meinung, vielleicht schon vom Schwiegervater her, aber ich habe das nie nach außen dargestellt, meine politische Überzeugung spielt im Fußball keine Rolle. Schon gar nicht vor Wahlkämpfen.
Frage: Wenn Sie sich heutzutage die Berichterstattung angucken. Entspricht die Aufbereitung des Fußballs Ihrem Blick, finden Sie die journalistische Umsetzung angemessen?
Augenthaler: Es ist egal, wie ich das finde, zu ändern ist es sowieso nicht. Ich habe das mal versucht, als ich in langen Gesprächen mit Journalisten erklärte, warum ich in dem einen oder anderen Fall einen Nachwuchsspieler einsetzte. Es hat nicht funktioniert. Deshalb kümmere ich mich nur noch um meine Dinge. Das heißt: Ich habe als Trainer dafür zu sorgen, dass sich meine Spieler von der Öffentlichkeit nicht allzu sehr beeinflussen lassen.
Frage: Leichter gesagt als getan.
Augenthaler: Die Spieler machen doch immer wieder den gleichen Fehler: Die schlagen in der "Bild am Sonntag" oder im "Express" doch immer wieder zuerst die Seite mit den Noten auf und schauen, wie sie da abgeschnitten haben. Da sag ich dann immer: Lass doch die Scheiß-Noten weg. Entscheidend ist, was ich sage. Das müsst ihr kapieren. Aber nein. Wenn einer mal einen Fünfer hat, dann lässt er sich doch davon runterziehen. Dann sag ich: "Du warst nicht so schlecht, wie die Note ist. Du musst mir glauben und nicht der Zeitung."
Frage: Aber die Noten sind doch eine harte Währung heutzutage. Haben Sie als Spieler dem nicht auch vertraut?
Augenthaler: Zuerst ja, aber ich habe meine Leistungen auch so immer gut einschätzen können, ich habe immer den Aussagen des Trainers entnommen, ob ich meine Aufgabe erfüllt habe.
Frage: Wann haben Sie als Spieler aufgehört, auf die Noten zu achten?
Augenthaler: Als ich mir einen gewissen Stellenwert in der Mannschaft erarbeitet hatte, so mit 24 oder 25 Jahren.
Frage: Ein heikles Feld für den Trainer ist heute auch die Kommunikation mit den Spielern. Ihnen ist schon vorgeworfen worden, Sie würden in Leverkusen zu wenig auf die Spieler eingehen.
Augenthaler: Sie müssen wissen: Egal wo ich bin, werde ich in eine Schublade gesteckt: Da war die Rotwein-Schublade in Graz, die Weißbier-Schublade war in Nürnberg, jetzt hier in Leverkusen bin ich der Grantler. Es wird immer gesagt und geschrieben, ich rede zu wenig mit den Spielern, da sei zu wenig Kommunikation. Dabei weiß doch kein Mensch, wie oft und wie lange ich mit den Spielern rede.
Frage: Hatten Sie denn, was den Umgang mit den Spielern angeht, ein Vorbild unter Ihren vielen Trainern?
Augenthaler: In meiner Zeit als Spieler habe ich immer mit einem Riesenrespekt zu Trainern wie Gyula Lorant, Pal Csernai oder Udo Lattek hochgeschaut. Übrigens: Damals haben die überhaupt nicht mit uns geredet. Der Gyula Lorant kannte meinen Namen noch nicht einmal richtig, der hat am Anfang immer "Gurkenthaler" zu mir gesagt.
Frage: So etwas könnten Sie sich heute nicht erlauben.
Augenthaler: Heute will jeder Spieler wissen: Warum spiele ich nicht? Warum bin ich nicht dabei?
Frage: Der Trainer muss sich ständig rechtfertigen.
Augenthaler: Nicht rechtfertigen. Ich kann ja auch nicht permanent mit jedem Spieler essen gehen und ihm seine Situation zwei Stunden lang erklären. Jeder muss wissen: Ich bin kein Gute-Laune-Onkel. Ich bin nur das Hilfsmittel. Spielen müssen sie selbst, und Sympathien spielen bei mir keine Rolle, und auch nicht, ob sie braune oder blaue Augen haben.
Frage: Als das Bosman-Urteil kam, waren Sie Co-Trainer bei Giovanni Trapattoni. Haben Sie damals mit ihm über die veränderte Situation zwischen Trainer und Spieler diskutiert?
Augenthaler: Trapattoni konnte diese Entwicklung auch nicht aufhalten. Aber das habe ich gelernt von ihm: zu versuchen, wirklich gerecht zu sein. Er konnte jeden Tag in den Spiegel schauen und sagen, dass er die Stars nicht anders behandelt hat als die Nummern 23 und 24. Das kann ich auch. Auch ich habe keine Lieblinge.
Das Interview führte Erik Eggers