Ballack-Verletzung: Ein bisschen wadenscheinig - DER SPIEGEL
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Ballack-Verletzung Ein bisschen wadenscheinig

Michael Ballack hat wieder trainiert. Auch sein Einsatz im WM-Eröffnungsspiel gilt als sicher. Doch schon einmal irrte der DFB in Bezug auf die Genesung des Kapitäns. Diesmal allerdings bauen die Verantwortlichen für den Fall der Fälle vor.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zuletzt hatte die deutsche Nationalmannschaft eigentlich nur ein Problem: das Abwehrverhalten. Immer wieder wurde an der Abstimmung in der Wachsamkeit gefeilt, im Genfer Trainingslager und auch in Berlin. Die Vorsicht sollte zurückkehren in das offensive Team - doch gerade abseits des Platzes ist es um die Zurückhaltung noch nicht so gut bestellt. Der Fall Michael Ballack zeigt das gerade sehr deutlich.

"Es gibt nichts entscheidend Neues über die Verletzung zu berichten", sagte DFB-Mediendirektor Harald Stenger heute. Ballack ist nach wie vor angeschlagen, "eine Verhärtung in der Wade", wie Stenger noch einmal diagnostizierte.

Aber: es gebe "Fortschritte im Genesungsprozess", nach Rücksprache mit Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt stehe fest, dass der wichtigste Spieler am Nachmittagstraining teilnehmen werde. Die noch wichtigere Nachricht war aber, zwischen den Zeilen, dass der DFB-Kapitän wohl im WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica am Freitag ins Team zurückkehren werde.

Die Situation erinnert bedenklich an einen Tag im Schweizer Trainingscamp vor gut zwei Wochen, als Bundestrainer Jürgen Klinsmann vor die Presse trat und verkündete, dass Ballack im Test gegen Luxemburg (7:0) in Freiburg auflaufen werde. Damals litt der Mittelfeldstar an einer Kapselverletzung im Knöchel - und fehlte am Abend. Zu voreilig war man gewesen, und auch diesmal ist es alles andere als sicher, dass Ballack in zwei Tagen auflaufen wird.

Die Aussagen der Kollegen lassen jedenfalls darauf schließen, dass sich die Mannschaft für die Costa-Rica-Partie schon auf einen Ausfall Ballacks eingestellt hat. "Solche außergewöhnlichen Spieler kann man in einem Spiel ersetzen, aber nicht in einem Turnier. Gegen Costa Rica würde ihn vielleicht Tim Borowski ersetzen können", sagte Torwart Jens Lehmann. Dann schob der Stammtorwart noch einen Satz hinterher, der aufhorchen ließ: "Bitter wäre es, wenn Michael für zwei, drei oder vier Spiele ausfallen würde."

Familie statt Arztbesuch

Die WM-Vorrunde ohne Ballack? "Wie kaputt ist unser Kapitän wirklich", fragt schon die "Bild"-Zeitung, von der "Wade der Nation" schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Knapp 48 Stunden vor der ersten Partie des Turniers steht nicht mehr die Form der Mannschaft im Mittelpunkt, sondern die Verletzung des wichtigsten Spielers. Das ist keine gute Nachricht für den DFB, denn auch wenn Ballack sicher nicht die gesamte Vorrunde verpassen wird - schon eine Partie Pause könnte zum Stimmungsdämpfer für das Team und eine ganze Nation werden.

So ist es auch zu erklären, dass die Verantwortlichen schon mal vorbauen, falls Ballack dann doch nicht gegen Costa Rica dabei sein sollte. Alles gar nicht so schlimm, das ist mittlerweile die Linie des DFB. Jeder Spieler sei zu ersetzen, erklärte Co-Trainer Joachim Löw. Ballacks Vereinskollege Bastian Schweinsteiger betont, wie viele erfahrene Akteure noch in den eigenen Reihen stünden. Lukas Podolski berichtet, dass die Verletzung des Kapitäns die Stimmung teamintern nicht verändert habe.

Dann gibt es auch noch die Statistik, dass die DFB-Elf in der Klinsmann-Ära nur ein Spiel ohne den 29-Jährigen Ballack verloren habe (1:2 in der Türkei). So ungefähr sprachen auch die Bosse des FC Bayern München, als der Abgang Ballacks zum FC Chelsea immer wahrscheinlicher wurde. Der deutsche Meister hatte dessen verletzungsbedingte Pausen sogar ohne eine einzige Pleite überstanden. Doch für das deutsche Nationalteam ist der Mittelfeldspieler mehr als ein gut bezahlter Profi, er ist die Vorzeigefigur und objektiv der einzige Grund, warum der Mannschaft überhaupt Chancen auf den WM-Titel eingeräumt werden.

Zu wichtig ist Ballack, weshalb ihm durch den DFB auch keine Vorwürfe gemacht werden, zumindest nicht öffentlich. Es gibt keinen unpassenderen Zeitpunkt für eine Diskussion um ein mögliches Fehlverhalten des Mittelfeldregisseurs. Beobachter der Nationalmannschaft rätseln: Wieso dauerte es drei Tage, bis sich Ballack nach dem Spiel gegen Kolumbien (beim 3:0 bekam er einen Schlag gegen die Wade) behandeln ließ. Er habe lieber die freie Zeit mit der Familie verbringen wollen, sagte Ballack. Seither muss er auf die Künste der medizinischen Abteilung hoffen.

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