Ballack-Vertrag Pokern im Paradies
Die Zahlen, die der FC Bayern München auf seiner Jahreshauptversammlung präsentierte, waren beeindruckend. Ein Umsatz von 189,5 Millionen Euro, Gewinn nach Steuern 6,6 Millionen, 104.720 Mitglieder, 2189 organisierte Fanclubs. Alles Werte, die in der Bundesliga selbstverständlich ihresgleichen suchen. Doch gemessen am Applaus war eine schlechte Nachricht offenbar die beste: Unter tosendem Beifall verkündete Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, man habe das Angebot an Michael Ballack für eine Vertragsverlängerung bis 2010 "offiziell zurückgezogen".
Finanziell geht es den Bayern gut wie nie, warum also der überraschende Rückzieher im Fall des begehrten Nationalmannschaftskapitäns? Das Angebot an den besten Profi des Kaders war mit etwa 36 Millionen Euro für vier weitere Jahre endgültig, das haben Rummenigge und Manager Uli Hoeneß bei der Abgabe vor vier Wochen klargestellt und die Offerte explizit mit dem Zusatz "nicht verhandelbar und gültig bis 14. November" versehen.
Die Intention ist klar: Mit jeder weiteren Million, mit jedem weiteren Zugehen auf Ballack würden die Begehrlichkeiten unter den ohnehin bestens bezahlten Bayern-Profis wohl ins Maßlose wachsen. Und: Es war bisher die einzige schriftliche Offerte, die Ballack bekommen hat. Bis zum 1. Januar 2006 wird sich daran auch nichts ändern, denn laut Fifa-Statuten dürfen interessierte Vereine erst dann mit dem Spieler verhandeln - und ihrerseits den Wunschspieler mit Millionen locken.
Ballacks Hoffnung auf Real
Diese Situation ist den Bayern-Verantwortlichen natürlich bekannt, und sie erklärt auch, warum der Rekordmeister andere Profis, deren Verträge ebenfalls am Saisonende auslaufen, nicht derart unter Druck gesetzt hat. Die Leistungsträger Sebastian Deisler und Oliver Kahn zum Beispiel bekamen von Anfang an eine Frist bis Januar, bei den beiden Nationalspielern rechnet intern niemand mit einem Angebot eines finanzstärkeren Topclubs - von denen es ja weltweit keine Hand voll gibt.
Ballack-Interessenten: Königlich und bitter nötig
Bei Ballack aber saßen die Bayern in einer Zwickmühle. Sie mussten ihm auf der einen Seite ein Angebot machen, das ihn zumindest zum Nachdenken bringt. Und das im Wissen um das Interesse von Vereinen wie Real Madrid, Manchester United, Juventus Turin oder dem FC Barcelona konkurrenzfähig ist. Aber weiß man, wie viel Ballack dort verdienen könnte? 10 Millionen pro Jahr? 15? Immer noch hält sich hartnäckig das Gerücht, er hoffe auf eine Offerte Real Madrids und habe nur deshalb in München noch nicht seine Zusage gegeben. Die Königlichen regeln ihre Neuverpflichtungen traditionell aber erst im Frühjahr.
Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge wollte bis dahin nicht mehr warten und hat sich gestern entschieden, selbst in die Offensive zu gehen. Er wird begriffen haben, dass man einen Spieler schlecht davon überzeugen kann, München sei das Paradies, wenn der Spieler glaubt, es könnte anderswo noch paradiesischer sein. Und wer weiß, werden sich die Bayern-Verantwortlichen gedacht haben, vielleicht könnte die in den vergangenen Jahren gewachsene Mannschaft sogar den Verlust des Leaders verkraften, wenn man den Markt rechtzeitig nach Alternativen sondiert.
Was macht Ballack? Und wer könnte ihn ersetzen?
Und Ballack? Es ist ein Irrglaube, dass die monatelangen Diskussionen um seinen Verbleib in München seine psychische Konstitution irgendwie angegriffen hätten. Seine Leistungen in der Nationalmannschaft und der Bundesliga sprechen für sich, sie sind konstant wie vielleicht noch nie zuvor in der Karriere des 29-Jährigen. Gerade hat der Regisseur beim Testspiel in Frankreich bewiesen, wozu er fähig ist.
Warum sich also dem Druck der Bayern-Verantwortlichen beugen und sich zu früh entscheiden? Es kann als gesichert gelten, dass sich sein Postfach ab 1. Januar 2006 mit vielen exklusiven Angeboten füllen wird, die der Begehrte dann in aller Ruhe sondieren kann. Seine bereits angesprochene und bisweilen unverhohlen geäußerte Sympathie für den spanischen Giganten Real Madrid könnte bei einem möglichen Vereinswechsel den Ausschlag geben - ein vervielfachtes Gehalt inbegriffen.
Ballack-Nachfolge: Heiße und kalte Kandidaten
Auch England wäre für den Mittelfeldspieler eine interessante Adresse. Sein herausragendes Kopfballspiel und die - bei aller Eleganz - körperliche Robustheit würden zur Premier League passen. Interessenten soll es auch hier geben, allen voran von Manchester United. Der ehemalige Champions-League-Sieger dümpelt in der Liga so erfolglos herum wie selten, die Mannschaft braucht dringend personelle Veränderung. Da trifft es sich gut, dass ManU-Legende Roy Keane vor dem Abschied steht und die Ballack-Position frei würde. In Italien wäre Rekordmeister Juventus Turin ein Kandidat. Dort könnte er die Rolle des alternden Pavel Nedved im offensiven Mittelfeld übernehmen.
Mehr als 8 Millionen im Jahr
Aber der wahrscheinlichste von allen neuen Vereinen bleibt trotz aller Diskussionen nach wie vor der alte. In München kann Ballack für deutsche Verhältnisse ein unglaubliches Gehalt von mehr als 8 Millionen Euro pro Jahr einstreichen. Seine Führungsrolle, die er sich anderswo erst noch erarbeiten müsste, ist zementiert, sportlicher Erfolg sowieso garantiert. Und niemand will ernsthaft daran zweifeln, dass die Türen in München immer noch sehr weit offen stehen. Es liegt eben nur an Ballack, sie ganz aufzustoßen.
Für den Fall, dass sich der Mittelfeldmann doch für das Schließen selbiger entscheiden und München nach vier Jahren verlassen sollte, hat man sich bei Bayern schon Gedanken über die Nachfolge gemacht. Als heißester Kandidat gilt der Kroate Niko Kranjcar von Hajduk Split. Der 21-Jährige ist bereits der Regisseur der Nationalmannschaft und gilt als großes Talent. Ebenfalls auf der Liste stehen soll Herthas Brasilianer Marcelinho, den Manager Hoeneß schon als "interessanten Spieler" bezeichnet hat. Weitere Spieler, die das Potenzial hätten, Ballack zu ersetzen: Johan Micoud (Werder Bremen) oder Raphael van der Vaart (HSV). Der Holländer hat aber gerade erklärt, Bayern komme noch zu früh.