Leverkusen in der Champions League Irgendeine Kleinigkeit fehlt immer
Eigentlich hätte Roger Schmidt gute Gründe für eine mittelschwere Herbstdepression in diesen grauen Oktobertagen. In der Bundesliga verantwortet der Trainer von Bayer Leverkusen den schwächsten Saisonstart des Klubs seit zehn Jahren, und in der Champions League baute seine Mannschaft mit dem 0:0 gegen Tottenham Hotspur eine wahrlich unangenehme Serie aus: Der Werksklub blickt auf acht sieglose Partien in Folge zurück.
Doch statt sich zu grämen schlenderte Schmidt in der Nacht zum Mittwoch mit einem zufriedenen Lächeln durch die Gänge des Stadions. "Für mich steigt mit jedem Spiel die Wahrscheinlichkeit, dass wir einen der ersten beiden Plätze belegen", sagte der Trainer und geriet sogar ins Schwärmen. "So eine zweite Halbzeit zu spielen, so viel Druck zu machen, so früh zu attackieren, so hoch zu stehen, gegen eine Mannschaft, die so starke Waffen hat, keinen Torschuss in zweiter Halbzeit zuzulassen, das finde ich sehr außergewöhnlich", sagte Schmidt begeistert.
Tatsächlich hatte Leverkusen den englischen Klub am Ende auf beeindruckende Art und Weise dominiert, besonders Angreifer Stefan Kießling, der nach langer Verletzung zurückgekommen war, glänzte als Arbeiter, Vorlagengeber und Zweikampfgewinner. 45 Minuten lang hatte das Publikum Schmidt-Fußball nahe der Perfektion gesehen - jedenfalls wenn man über den Mangel an Effizienz im Torabschluss hinwegsieht.
"Sehr starker Gegner"
Allerdings gab es auch eine erste Hälfte, die ganz anders ausgesehen hatte. Eigentlich hätte Tottenham nach diversen Großchancen "2:0 führen sollen", sagte Gästetrainer Mauricio Pochettino und Schmidt widersprach nicht, wischte diesen Einwand aber schnell von der Agenda. Man muss eben "auch mal anerkennen, dass wir gegen einen sehr starken Gegner gespielt haben". Doch das alte Dilemma, in dem Leverkusen feststeckt, war auch an diesem Abend sichtbar geworden. Bayer bleibt irgendwie unberechenbar. Begeisternde Phasen und holperige Fehlerhaftigkeit wechseln sich ohne erkennbaren Anlass ab, es fehlt die Konstanz. Sogar innerhalb eines Spiels.
An diesem Problem hatte sich nach der 1:2-Niederlage bei Werder Bremen vom vorigen Wochenende ja mal wieder die bestens vertraute Mentalitätsdebatte entzündet. Tollen Spielen wie dem 2:0 gegen Borussia Dortmund folgen seltsam unkonzentrierte Auftritte wie zuletzt der Rückschlag an der Weser. Gegen Moskau in der ersten Partie der Gruppenphase spielte die Werkself zwischenzeitlich einen rauschenden Zauberfußball, brach dann aber urplötzlich ein und fing sich innerhalb von zwei Minuten zwei Gegentore. Die Partie endete 2:2.
Und nun spielten sie eine ernüchternd schwache erste Halbzeit, um später ein kleines Feuerwerk ihrer Balleroberungskunst abzuliefern. Diese Wankelmütigkeit scheint zur DNA dieses Klubs zu gehören, Bayer Leverkusen bleibt die Mannschaft mit den zwei Gesichtern.
"Es ist noch lange nicht vorbei"
Natürlich ist so ein Unentschieden gegen ein englisches Topteam für sich genommen kein schlechtes Ergebnis, aber grundsätzlich bleibt die Frage, warum Bayer Leverkusen, dieses bestens mit internationalen Wettbewerben vertraute Team, nicht endlich stabiler wird. Schmidt arbeitet nun schon das dritte Jahr mit der Mannschaft, alle Leistungsträger konnten im Sommer gehalten werden, es sei an der Zeit, mal etwas Besonderes zu zeigen, hat der Trainer zu Saisonbeginn gesagt.
Schon jetzt ist erkennbar, dass das nicht einfach wird. "Es ist noch lange nicht vorbei und wird auch nicht im nächsten Spiel in Tottenham entschieden", sagte Schmidt zur Situation in der Königsklasse, aber es bleibt das Gefühl, dass die Mannschaft sich schon früh in der Saison verausgaben muss, um in den Wettbewerben den Anschluss zu halten.
"Wir müssen uns halt einfach mal belohnen", sagte Kapitän Lars Bender vor dem Hintergrund von fünf, sechs wunderbaren Torchancen, die das Team am Ende hatte. Aber ein Problem prägte diesen Abend genauso wie alle Europapokalspiele der vergangenen zwölf Monate: Irgendeine Kleinigkeit fehlt immer.