Bayern bei Schalke Triumph des Osterhasen
Gelsenkirchen - Ob es Bluthochdruck war oder Kalkül, war nicht recht auszumachen. Die Befragungen nach dem Spitzenspiel in Schalke aber brachten Uli Hoeneß richtig in Wallung. Über Werder Bremen redete der Manager des FC Bayern und gab zu, dass sie derzeit den schöneren Fußball spielen würden. Beeindruckt war er dennoch nicht. "Zu Weihnachten mag Bremen vorne sein", sagte Hoeneß und in diesem Moment korrespondierte die Röte seines Gesichts mit der seines Vereinsschals, "aber der Nikolaus war noch nie ein Osterhase!"
Nun ist Nikolaus zwar der Patron der Liebenden und Heiratswilligen, bringt seine Geschenke aber nicht erst zum Heiligen Fest, sondern schon am 6. Dezember. Dennoch war die Botschaft des Knecht Ruprecht vom FC Bayern klar: Wenn der Winter vorüber, der Schlitten des Weihnachtsmannes wieder in der Garage geparkt ist und der Osterhase die Eier versteckt, soll sein Club wieder dort sein, wo er für den Manager hingehört: an der Spitze. "Der FC Bayern wird am Ende vorne stehen, wie immer", sagte Hoeneß.
Das Remis beim FC Schalke war nicht unbedingt der Stoff, der solche Träume nährte. "Für die erste halbe Stunde habe ich keine Erklärung", sagte Trainer Felix Magath über den Abschnitt im Spiel, in dem seine Mannschaft so teilnahmslos auftrat, dass sie den Schalkern das Spiel quasi aufdrängte. Dennoch zog der Coach eine insgesamt eher positive Bilanz. "Es gibt nicht viele Mannschaften, die hier aus einem 0:2-Rückstand noch ein Unentschieden machen." Nach drei Auswärtsniederlagen hintereinander und acht Jahren ohne Sieg in Schalke tat das Remis gut. Die dreitägige Vorbereitung vor Ort hatte zwar die vielen losen Fäden nicht miteinander verbunden, trotzdem fuhren die Bayern zufrieden nach Hause. "Wir haben unsere Schwierigkeiten", sagte Torhüter Oliver Kahn, "aber wir sehen das mannschaftsintern nicht so negativ wie die Öffentlichkeit."
Vielleicht trug zu dieser Entspanntheit auch das Wissen bei, dass die Pestfahne der Bundesliga weiter über Schalke wehen wird. Das 2:2 wird keine Diskussion der letzten Tage beenden, dabei hatte es einen Moment gegeben, den Andreas Müller "gigantisch" nannte. "Davon werden die Leute noch in 50 Jahren erzählen", sagte der Manager. In den Tagen vor dem Spiel hatten sich die Fans des FC Schalke von 1904 darauf geeinigt, ihre Mannschaft aus Protest gegen die zuletzt schwachen Leistungen 19:04 Minuten lang nicht zu unterstützen. "Schalke ohne Leidenschaft?! Ihr macht uns sprachlos", hieß es auf einem Transparent über der Nordkurve. An ihr Schweigen hielten sich die Zuschauer selbst nach Peter Lövenkrands' 1:0 in der 13. Minute. Gut 30 Sekunden vor Ablauf des Schweigegelübdes erhoben sie sich und begannen die Zeit herunterzuklatschen. "Ich hatte eine Gänsehaut", sagte Müller, "und danach wurden die Augen feucht, denn so was gibt es nur bei Schalke." Zwei Sekunden nach Ablauf der Frist drosch Levan Kobiashvili nämlich den Ball zum 2:0 in den Winkel des Bayern-Tors.
Ein magischer Moment war das, einmalig in der Geschichte der Bundesliga, doch der große Aufbruch, die Chance auf eine Wende zerrann den Schalkern, als sie den Vorsprung verspielten. Verpufft war auch der Effekt des überraschenden Torwartwechsels. Mirko Slomka setzte den erst 20 Jahre alten Manuel Neuer für Frank Rost ein. "Er hat keine wesentlichen Fehler gemacht, aber ihm ist das Glück etwas abhanden gekommen", sagte der Trainer und dementierte disziplinarische Gründe für den Torwartwechsel. Die Entscheidung war vielleicht verblüffend, aber auch nachvollziehbar und doch kein Erfolg, weil Neuer nicht wie der Fels in der Brandung wirkte. Rost schwieg dazu, denn anders als die Zuschauer brachen die Spieler ihr Schweigen auch nach dem Spiel nicht, mit dem sie am vergangenen Donnerstag begonnen hatten.
"Sie haben auch Gefühle", versuchte Müller deren Silenzio Stampa zu erklären, die Spieler fühlten sich durch die Kritik der Medien und der Fans angeblich verletzt. "Sie wollen sich jetzt darauf konzentrieren, gut Fußball zu spielen", sagte der Manager. Doch es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass gerade in Schalke das Schweigen dieser Tage so hoch in der Gunst steht, weil doch nirgendwo so viel gequasselt wird wie dort. Und vielleicht ist weder ein wenig treffsicherer Nationalstürmer namens Kuranyi das Problem noch ein unerfahrener Trainer. Sondern dass einer fehlt, der sagt, was der Osterhase bringt.