Bayern-Einkauf Toni: Dynamit statt Rasierklinge - DER SPIEGEL
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Bayern-Einkauf Toni Dynamit statt Rasierklinge

Luca Toni war lange eine tragische Figur, heute trifft er im Sitzen, Stehen und Liegen. Jetzt soll er Bayerns Gegnern das Fürchten lehren - das dürfte für den Sprengmeister der Abwehrketten kein Problem sein.
Von Vito Avantario
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Sprint, den Ball am Fuß, wirkt er wie ein Gaul mit Bügeleisen an den Hufen. Galoppiert er auf das gegnerische Tor zu, sind die Verteidiger alarmiert. Insgesamt 67 Mal traf Luca Toni in den vergangenen drei Jahren in der Serie A, als er für Palermo und Florenz spielte. Seine Treffer sind nie bloß Tore. Sie sind wie die unbedingten Willensbekundungen eines jahrelang unterschätzten Nachzüglers.

Ihm sich widersetzende Abwehrreihen seziert er nicht wie mit einer Rasierklinge, er sprengt diese quasi mit seinem extrem physischen Spiel. Bald soll Toni die Abwehrreihen der Bundesliga in Angst und Schrecken versetzen. Der FC Bayern hat sich die Dienste des Italieners für vier Jahre gesichert. Elf Millionen Euro betrug die Ablösesumme, etwa halb so viel soll Toni pro Jahr an Gehalt verdienen. Im Mai ist Toni 30 geworden. Seit 1994 ist er Profi, auf den Durchbruch musste er jedoch lange warten. Vor sieben Jahren hat er mit Vicenza sein erstes Spiel in der italienischen Serie A gemacht. "Als ich ihn damals kennen lernte, war er ein Unglücksrabe", sagt seine Lebensgefährtin Marta Cecchetto, ein Model. Sie nennt ihn einen "Sfigato", was im Deutschen mehr bedeutet, als nur ein Pechvogel zu sein. Tonis gesamte Aura als Stürmer war gewissermaßen in Unglück getränkt. Das Tor traf er selten, die Vereine wechselte er häufig. In Brescia spielte Toni dann mit dem Buddhisten Roberto Baggio zusammen. "Roberto hat mir damals viel gegeben", sagte Toni später. Es war merkwürdig, aber seine italienische Fußball-Heiligkeit muss ihn damals gesegnet haben: Toni schien ab jenem Jahr erwacht zu sein und seine Fähigkeiten erkannt zu haben.

Er wechselte zum US Palermo, damals ein Zweitligist. Mit seinem freiwilligen Abstieg begann Tonis Aufstieg. Erst schoss er die Sizilianer in die Serie A und wurde Torschützenkönig der zweiten Liga. In der folgenden Erstligasaison erzielte der Hüne (1,94 Meter) aus der norditalienischen Region Emiglia-Romagna 20 Treffer in 35 Spielen. Nach seinem Wechsel zum AC Florenz folgten in zwei Jahren 47 Treffer in 67 Spielen. In der vergangenen Saison schoss Toni 16 Tore (fünf mit links, sechs mit rechts, fünf mit dem Kopf). Bayern München könnte mit Toni die Lufthoheit im gegnerischen Strafraum zurückerlangen, die das bisherige Stammpersonal Makaay, Pizarro und Podolski aus der Hand gegeben hat.

Toni ist auf den letzten Metern zum Tor einer der zurzeit unwiderstehlichsten Stürmer Europas. Ist das Spiel auf ihn zugeschnitten wie in Palermo und Florenz, zahlt er mit Toren zurück. Dennoch wird er von Fußball-Experten wie dem deutschen Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff nicht zu den zehn weltbesten Stürmern gezählt. Wahrscheinlich liegt das an der Art, wie Tonis Tore fallen. Er trifft im Stolpern, im Fliegen, im Liegen und im Fallen. Verteidiger, die sich gegen ihn stellen, treten immer auch gegen die Schmerzen an, die er ihnen zufügt. Meist liegen seine Gegenspieler noch auf dem Rasen, wenn Toni schon zum Jubel abdreht und mit der rechten Hand diese Bewegung am Ohr macht, als drehte er eine Glühbirne in seinen Kopf. "Ist es bei euch angekommen?", will er den Fans bedeuten.

Seine Antworten gegenüber der Presse sind staubtrocken. Von einem italienischen Journalisten kürzlich nach dem Rezept für seine Torgarantie angesprochen, schaute er ihn irritiert an. "Ich berühre den Ball und er geht rein", sagte er. Besser kann man seine Tore nicht beschreiben als er selbst. So denkt er, so spielt er.

Toni stammt aus sehr bodenständigen Verhältnissen. Seine Mutter ist Hausmeisterin einer Schule, sein Vater Anstreicher. In dem Ort in der Nähe von Modena, in dem seine Familie wohnt, haben sie in der "Bar Angela" die Zuckertütchen mit einem Porträt seines Gesichts bedruckt. Die Gäste dort, Landwirte und Handwerker, haben Toni nicht vergessen. Ihn habe es im Urlaub immer nach Nordeuropa gezogen, hat er einmal gesagt. Nun ist er beruflich bis über die Alpen gekommen. Nach Ruggiero Rizzitelli vom AS Rom ist Luca Toni erst der zweite Italiener aus der Serie A, der in die Bundesliga gewechselt ist.

Auch Rizzittelli spielte für die Bayern (von 1996 bis 1998 traf er in 45 Spielen elf Mal), ein Star wurde er nicht. Das ist Toni schon. Aber wird er in Deutschland so erfolgreich sein wie in Italien? Der italienische Fußball ist hier zu Lande nicht sehr beliebt. Da war der Manipulationsskandal mit Italiens Rekordmeister Juventus Turin im Mittelpunkt, zudem hat das verlorene WM-Halbfinale tiefe Spuren hinterlassen. Keine einfache Situation für Toni, vielleicht sogar eine echte Herausforderung.

Doch auch in Florenz hat Toni nicht nur Freunde hinterlassen. Auf eine Mauer haben enttäuschte Fans der Fiorentina geschrieben: "Nenne mir drei Wörter: Luca - Toni - stirbt." In Italien beklagt man sich, dass ein Stürmer dem Werben eines reichen deutschen Clubs erliegt. Verkehrte Welt. Wenn dieser Trend anhält, ist Toni einmal kein Spätzünder. Sondern der Vorreiter.