Bayern-Fehlstart Meister des Mittelmaßes
Bayern-Trainer van Gaal (2.v.r.), Sportchef Nerlinger (l.): Gegen die herrschende Lehre
Foto: Christof Koepsel/ Bongarts/Getty ImagesUm zu wissen, wie schlecht es wirklich um den FC Bayern München bestellt ist, reicht ein kurzer Blick auf die Tabelle. Zwei Punkte, eins zu neun Tore, letzter Platz. Vier Spiele hat es nur gebraucht, den Respekt der gegnerischen Teams schrumpfen zu lassen wie einen aufgeschlitzten Reifen. Dabei braucht ein neuer Trainer Zeit, seine Ideen umzusetzen. Und außerdem mussten die Bayern gleich nach Ingolstadt. Und dann nach Jena. Das Auftaktprogramm war nun wirklich nicht ohne.
Für Mehmet Scholl und Bayern II.
Weil man es von der zweiten Mannschaft des Rekordmeisters anders gewohnt ist und von den Elite-Kickern der Münchner sowieso, entbehrt das Drama nicht einer gewissen Ironie, das sie beim FC Bayern gerade aufführen. Drittliga- und Erstligateam scheinen sich einen clubinternen Wettbewerb darin zu liefern, wer schlechter in die Saison startet. Die großen Bayern stehen noch ein wenig besser da mit zwei Punkten, drei zu vier Toren und Tabellenplatz 14, nur die Rote Laterne hat sich das Team von Trainer Louis van Gaal noch nicht abgeholt. Allerdings kommt am nächsten Spieltag der VfL Wolfsburg in die Münchner Arena.
So miserabel ist dieser Saisonstart, dass selbst die Superlative aus der Klinsmann-Ära nicht mehr auszureichen scheinen, das vermeintliche Elend in Worte zu fassen. Was soll man eigentlich nach einer Niederlage gegen Wolfsburg noch schreiben?
Wäre es der VfL Bochum oder Eintracht Frankfurt, ein Fehlstart wie dieser würde milde weggelächelt werden. Bochum muss schon in Rosa verlieren, damit überhaupt jemand drüber schreibt. Doch gewinnt der FC Bayern mal drei Spiele in Folge nicht, werden Strategien für Jahre innerhalb von Tagen geprüft und zerpflückt. Öffentlich. Sogar von den eigenen Leuten. Uli Hoeneß gibt dann der "Sportbild" ein Interview, Karl-Heinz Rummenigge der "AZ" - und Franz Beckenbauer schreibt in der "Bild". Ganz aktuell tritt er der Vermutung entgegen, der FC Bayern sei "untrainierbar". Seine Antwort ist so schlicht wie einleuchtend: "Felix Magath, Ottmar Hitzfeld und Jupp Heynckes haben es doch auch geschafft."
Selten lagen die Gründe für einen Fehlstart so deutlich auf der Hand
Der Zusatz, Louis van Gaal habe noch einen Vertrag bis 2011, darf an der Stelle natürlich nicht fehlen. Und Mario Gomez muss in der "tz" die Frage beantworten, ob die Mannschaft gegen den Trainer spiele.
Ist es wirklich so einfach? Natürlich müsste man die Zurechnungsfähigkeit jedes Analysten in Frage stellen, der nicht auch die Arbeit des neuen Trainers hinterfragte. Aber selten lagen die Gründe für einen Fehlstart so deutlich auf der Hand, und noch seltener war die Verantwortlichkeit derer klarer, die jetzt Interviews geben.
- Die Besetzung der Torhüterposition wirkt im Vergleich zu den Ansprüchen der Bayern wie ein Paradoxon. Michael Rensing ist ein 25-jähriges Talent und Hans-Jörg Butt ein 35-jähriger Ersatztorwart. Das Problem besteht seit einem Jahr.
- Die Abwehr der Münchner ist ebenfalls seit einem Jahr ein Problem, die Position des rechten Verteidigers schon viel länger. Martin Demichelis hat Schnelligkeitsdefizite und ist zudem verletzt, Lucio wurde weggeschickt und nicht adäquat ersetzt. Für rechts hinten verschmähte man Uefa-Cup-Sieger Dario Srna und bemühte sich vergeblich um José Bosingwa vom FC Chelsea. Philipp Lahm auf links hat immer noch keine Konkurrenz.
- Das defensive Mittelfeld wurde mit Anatolyi Timoschtschuk ergänzt und nicht verstärkt. Mark van Bommel ist als Teil einer Doppelsechs effektiver. Aber Louis van Gaal will mit einer Raute spielen lassen. Zé Roberto schickte man nach Hamburg. 800 Kilometer entfernt zeigt er, was den Bayern auf seiner Position fehlt: Übersicht, Ballkontrolle, Kreativität, Zweikampfstärke, Torgefahr.
- Das offensive Mittelfeld verdient seinen Namen nicht, jedenfalls dann nicht, wenn Franck Ribéry verletzt ist. Und das ist der Franzose oft. Immer noch ist der FC Bayern München abhängig von einem einzigen Spieler. Bastian Schweinsteiger macht es wie Benjamin Button, er entwickelt sich zurück. Thomas Müller, Ernesto Sosa und Alexander Baumjohann können in Testspielen überzeugen. Hamit Altintop kann hart schießen. Und Uli Hoeneß kann nicht sagen, ob Rafael van der Vaart "ein Stürmer oder ein Zehner" ist. Dabei ist der Holländer von Real Madrid gerade für ein paar Millionen zu haben.
- Schließlich muss die Frage erlaubt sein, warum eine Mannschaft nach zwei Unentschieden zum Start nach Mainz fährt, sich eine Halbzeit vorführen lässt und hinterher in persona Philipp Lahm spekuliert, dass man Mainz vielleicht nicht ernst genug genommen habe.
All diese Probleme sind hausgemacht, und sie sind so offensichtlich, dass die Frage erlaubt sein muss, warum die Bayern sie immer noch nicht behoben haben.
Ist die Dominanz der Bayern vorbei?
Doch es gibt auch eine andere Sicht auf die Dinge. Und diese Sicht stellt nicht die Frage in den Mittelpunkt, warum die Bayern unter ihren Möglichkeiten spielen. Sie lässt die Bayern mal links liegen (macht ja sonst niemand) und betrachtet stattdessen die Konkurrenz. Sie hinterfragt die herrschende Lehre, dass die Stärke der anderen üblicherweise immer bloß eine Schwäche der Münchner ist.
Liga, die in der Spitze so ausgeglichen ist wie nie zuvor
"Die Bayern haben keine Ausnahmestellung in Deutschland mehr. Die Dominanz ist derzeit weg", sagte Felix Magath vor einigen Tagen der Münchner "tz". Was der ehemalige Bayern-Coach da behauptet, hätte vor wenigen Jahren noch zu kollektivem Gelächter geführt. Heute kann sich Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick anschließen. Und es würde wohl auch zustimmend genickt werden, wenn sich Hamburgs Bruno Labbadia, Wolfsburgs Armin Veh, Dortmunds Jürgen Klopp oder Stuttgarts Markus Babbel so äußerten.
Sie alle stehen für eine Liga, die in der Spitze so ausgeglichen ist wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesliga. Für Mannschaften, die gewachsen sind über mehr als eine Saison und sich nun anschicken, die Meisterschaft unter sich auszuspielen. Sie stehen für Systemfußball, der von Automatismen lebt und für den man keine Weltklassespieler braucht, sondern vor allem Zeit und Vertrauen der Vorstände.
Sie stehen für Clubs wie den VfB Stuttgart, der mit Rainer Adrion den besten Jugendtrainer Deutschlands hatte und diese Jugend auch in der Bundesliga zum Zuge kommen lässt. Oder für umsichtiges Transfergebaren wie das immer noch klamme Borussia Dortmund. Oder für schnellen, einfachen, modernen Fußball.
Oder wie Magath für Erfolg.
Doch während die Konkurrenz langfristig arbeitete, leisteten sich die Bayern das Experiment mit einem Trainer ohne Erfahrung und sie leisteten sich Fehler in der Kaderplanung. Vielleicht dachten sie, es würde schon gut gehen. Es war ja ein Gesetz, dass die Bayern immer Erfolg hatten. Bis jetzt.