Bayern gegen Stuttgart: Nur geträumt - DER SPIEGEL
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Bayern gegen Stuttgart Nur geträumt

Der Höhenflug des VfB Stuttgart ist vorläufig gestoppt, die Geschichte dieser Bundesliga-Saison scheint sich nach dem Sieg des FC Bayern in eine wohlbekannte Richtung zu drehen. Wenn da nicht eine Mannschaft wäre, die sich selbst am meisten überrascht.
Von Jörg Schallenberg
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Es hätte so gut gepasst in die bisherige Dramaturgie dieser Bundesliga-Saison: Die unaufhaltsam nach oben strebenden "jungen Wilden" aus Stuttgart samt ihrem einst als Notlösung geschmähten Trainer Armin Veh drehen den stagnierenden Münchner Bayern unter einem zunehmend ratlos wirkenden Felix Magath in deren Stadion eine Nase und ziehen mit rasender Geschwindigkeit an der Spitze davon. Ungefähr in jenen Tempo also, in dem Mario Gomez heute in der achten Minute nach brillantem Pass von Cacau davonzog, drei Bayern-Spieler abschüttelte und in vollem Lauf noch die Zeit fand, zu schauen und genau in jene Lücke im langen Eck zu treffen, die der eigentlich gut postierte Oliver Kahn freigelassen hatte.

Einen Moment lang sah es so aus, als würden an diesem Nachmittag aufgedrehte Turbo-Schwaben die betulich nach vorn kombinierenden Bayern vorführen können - und man mag sich ungefähr vorstellen, welche Häme wohl auf die Münchner niedergeprasselt wäre, die am Abend zuvor auf ihrer Jahreshauptversammlung noch stolz den Bundesliga-Rekordumsatz von 204,7 Millionen Euro verkündet hatten: Viel Kasse, aber wenig Klasse, hähä.

Doch nachdem vor allem der bislang als Mitläufer gescholtene Mark van Bommel die Initiative übernommen hatte, Roy Makaay sein längst wieder in jedem Spiel übliches Tor erzielt hatte und sich die VfB-Abwehr zweitweise vom Bayern-Druck überfordert sah, hatten sich alle Träume (aus Stuttgarter Sicht), Horrorvisionen (aus dem Bayern-Blickwinkel) und im Geiste vorformulierten Leitartikel (aus Journalisten-Sicht) zur Lage der Fußball-Nation und des FC Bayern im Besonderen erledigt. Magath kommentierte gewohnt lässig: "Das Gute an dem 1:0 war, dass es zu so einem frühen Zeitpunkt gefallen ist. Die Mannschaft hat wie in Leverkusen Moral gezeigt, das Heft in die Hand genommen, ist marschiert und hat das verdiente 2:1 gemacht. Wir gehen zufrieden ins Wochenende".

Wenn eine Formulierung den Unterschied zwischen den verwöhnten Bayern und den hungrigen Stuttgartern auf den Punkt bringen konnte, dann diese: Zufrieden ins Wochenende. In Schwaben wäre bei einem Sieg ein Fass aufgemacht worden. Oder auch zwei. So aber droht der Bundesliga ein altbekanntes Problem: Während Teams wie der VfB oder Werder Bremen schon einige Feuerwerke abgebrannt haben, kann man sich an kein richtig begeisterndes Spiel des FC Bayern in dieser Bundesliga-Saison erinnern. Nur phasenweise wie in Schalke, Leverkusen oder heute gegen Stuttgart lässt das Team seine mutmaßlich vorhandene Klasse aufblitzen - das reicht, um in der Tabelle nur einen Punkt hinter dem VfB und Werder zu stehen. Die ihr Pulver vielleicht schon verschossen haben.

Doch während Werder beim schmeichelhaften 2:2 in Aachen bewies, dass die Mannschaft ins Stolpern geraten ist, schiebt sich ein Club zum Bayern-Konkurrenten Nummer eins nach vorne, dem niemand so richtig zugetraut hat, in dieser Saison eine entscheidende Rolle zu spielen. Ganz abgesehen von allem Trubel im Umfeld wirkte Schalke 04 viel zu instabil, um eine tragende Rolle im Kampf um die deutsche Meisterschaft zu spielen. Ein Beispiel? Gern - heute zum Beispiel führte die Elf von Mirko Slomka (also jenem Trainer, dem man lange Zeit ungefähr so wenig zugetraut hat wie Armin Veh) schon nach 15 Minuten 2:0 in Cottbus. Und ließ sich die sichere Führung ratzfatz wieder aus der Hand nehmen. In der 31. Minute stand es 2:2 und nichts deutete darauf hin, dass die mal wieder unglaublich verblüfft ob der eigenen Planlosigkeit dreinschauenden Schalker das Spiel noch einmal würden drehen können.

Dass die Spieler in Königsblau dann mit einer Souveränität in die zweite Hälfte starteten, die man sonst von einer Mannschaft ganz in Rot gewohnt ist, überraschte wohl niemanden mehr als die Akteure selbst. Nur so lässt sich das Zitat von Slomka nach dem 4:2-Sieg deuten: "Alle, die mit uns gezittert haben, haben es verdient, das genießen zu dürfen, vor allem die Mannschaft." Fast schon obligatorisch war das Team zwischenzeitlich noch ins Straucheln geraten und musste froh sein, dass Schiedsrichter Fandel nach einem Foul an Kioyo auf den fälligen Strafstoß für Cottbus verzichtete. Doch am Ende des Tages, in dem die Spiele aller vier Spitzenmannschaften hin und her gewogt waren wie selten, sahen die Schalker auf die Tabelle und sich an der Spitze.

Das verwundert, weil Slomkas zum Chaos neigende Spielgruppe nicht im Verdacht steht, schon annähernd das gezeigt zu haben, zu dem sie angesichts ihres insbesondere technisch hochklassigen Personals in der Lage sein müsste. Wenn es irgendetwas gibt, dass die Verantwortlichen beim FC Bayern an diesem Wochenende in Sorge versetzen müsste, dann ist es diese Erkenntnis.

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