Bayern-Kommentar: Der letzte Schuss Dusel-Droge - DER SPIEGEL
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Bayern-Kommentar Der letzte Schuss Dusel-Droge

Den FC Bayern kann man lieben oder hassen - dazwischen gibt es nichts. Der 17. Meistertitel der Münchner und die Art und Weise, wie dieser zustande kam, sorgte dafür, dass sich an diesen Einstellungen für alle Ewigkeiten nichts ändern wird.
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Zehn Minuten nach Spielschluss hatte Karl-Heinz Rummenigge seine Nerven in den Katakomben des Hamburger Volksparkstadions so langsam wieder im Griff. Gerade hatte der Bayern-Vizepräsident erlebt, mit wieviel Glück sein Team beim 1:1 gegen den Hamburger SV die Deutsche Meisterschaft verteidigte: "Was wir in Barcelona erlebt haben, wird uns nun offenbar scheibchenweise zurückgezahlt."

Auch nach dem unglaublichsten Finish einer Bundesliga-Saison überhaupt scheint die Tragik jenes schaurigen Abends am 26. Mai 1999 im Stadion Nou Camp, als Manchester United ihnen in der Nachspielzeit den Champions-League-Titel raubte, immer noch stärker zu sein als alles, was Effenberg, Scholl, Kahn und ihre Kollegen vorher und nachher erlebt haben. Der Alptraum lässt sie nicht los.

Womit man eigentlich quitt gewesen wäre

Deshalb reichte es offenbar nicht, sich zwei Jahre später an eben diesem Manchester zu rächen und als Zugabe auch noch Real Madrid aus dem laufenden Wettbewerb zu werfen - womit man eigentlich quitt gewesen wäre. Und auch der vorletzte Bundesliga-Spieltag, als durch das Sieben-Sekunden-Drama in München und in Stuttgart der Rivale Schalke 04 mit Glück von der Spitze verdrängt wurde, konnte die Wunden anscheinend nicht stillen, die jene Tore von Sheringham und Solskjaer vor fast zwei Jahren rissen. Damals hatten die Anti-Bayern-Fans sogar für kurze Zeit aufgehört, wie üblich von den "Dusel-Bazis" zu sprechen, wenn es wieder einmal einen scheinbar glücklichen Sieg der Roten zu diskutieren gab.

Doch die Münchner scheinen süchtig nach dieser Droge zu sein, sie können offenbar nicht genug von ihr bekommen, scheinen ihr Glück immer wieder bestätigt sehen zu müssen. Wahrscheinlich passte es den Bayern auch gar nicht, scheinbar so einfach zum dritten Meistertitel in Folge zu kommen. Aber zum Glück meinte es das Schicksal ja gut mit den Münchnern und bescherte ihnen wieder einmal eine Nachspielzeit mit einem wieder einmal triumphalen Ausgang.

Die Dummheit der Konkurrenten

Die, die Bayern hassen, werden sagen, dass dieser 17. Titel der unverdienteste von allen ist. Neun Niederlagen, und dennoch hat's am Ende wegen der Dummheit der Konkurrenten wieder einmal zum Triumphzug gelangt. Und so traten die Münchner auch am letzten Spieltag im Volksparkstadion auf: Selbstsicher, nur soviel wie nötig agierend und darauf bauend, dass entweder Schalke nicht gewinnt oder man das eigene 0:0 schon über die Bühne bringt. Und als sie dann endlich verdientermaßen für diese Arroganz bestraft zu werden schienen, kam es einfach innerhalb von drei Minuten zurück: das unverschämte Bayern-Glück. Dass man aber auch stahlharte Nerven und Selbstbewusstsein ohne Ende braucht, wird von Kritikern bisweilen vergessen.

Eine Rockgruppe löst bei einem Konzert durch ihr Posing Begeisterung aus. Kaum eine Band kann zurzeit mehr Emotionen wecken als diese Bayern mit ihren Glücks-Auftritten. Man darf gespannt sein, wenn am Mittwoch der nächste Gig für Deutschlands wahrhaftigste Popband steigt: Um 20.45 Uhr in Mailand, beim Finale der Champions League gegen den FC Valencia. Holen sich die Münchner in der Zugabe dann den letzten Schuss ihrer Dusel-Droge, um das Grauen von Nou Camp endlich zu vergessen?

Alwin Schröder, 41, ist Politikredakteur bei SPIEGEL ONLINE und Bayern-Mitglied Nr. 29838.