Bayern-Krise: Das Klinsmann-Trauma - DER SPIEGEL
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Bayern-Krise Das Klinsmann-Trauma

Pfiffe und "Klinsmann raus!"-Rufe bei der Heimniederlage gegen Schalke: Das Projekt Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann scheint zu scheitern. Der Club steht an der Schwelle zu einer neuen Zeit - es könnte der Moment sein, in dem die jahrzehntelange Dominanz des Vereins zu Ende geht.
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Manuel Neuer hat ein feines Gefühl für historische Momente. Als die Partie seiner Schalker beim FC Bayern abgepfiffen war, sprintete der Torhüter zur Eckfahne, zog die Stange aus der Verankerung, warf sich auf den Rücken und schüttelte sie wie einst Oliver Kahn im Sommer 2001. Damals hatten die Bayern Schalke in der letzten Sekunde der Saison den Titel entrissen, es ist das schlimmste Trauma der Schalker Clubgeschichte.

Zu einem Trauma ähnlicher Dimension scheint sich nun die Ära des Trainers Jürgen Klinsmann beim FC Bayern zu entwickeln. Wenn die Einschätzungen aus dem Umfeld des Clubs stimmen, ging es schon vor dem schwachen 0:1 gegen Schalke 04 nicht mehr um die Frage, ob Klinsmann in der kommenden Saison noch Trainer sein wird. Die Ergebnisse stimmen nicht, und jeder kann sehen, dass das Verhältnis zwischen den Fans und dem Trainer gestört ist. Sie haben wieder ausdauernd "Klinsmann raus!" gerufen. Außerdem ist zu hören, dass wichtige Wortführer aus der Mannschaft sich von Klinsmann distanzieren - nur was Manager Uli Hoeneß und der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge wirklich denken, bleibt selbst den intimsten Bayern-Kennern verborgen.

Die Herren verließen das Stadion wortlos, und sie schweigen aus gutem Grund. Denn auf viele der Fragen, die sich derzeit stellen, gibt es im Augenblick einfach keine Antworten. Das Scheitern des Projektes Klinsmann ist nämlich mehr als ein korrigierbarer Fehlgriff auf der Trainerposition. Die Bayern sind nach ihrem Sieg in der Champions League 2001 nie wieder ins Halbfinale dieses Wettbewerbs vorgedrungen, sie haben unterschiedliche Trainer ausprobiert, teure Spieler aus dem Ausland verpflichtet und die besten deutschen Nationalspieler geholt. Alles vergeblich.

Zuletzt kamen die Herren Hoeneß, Rummenigge und ihr Aufsichtsratsvorsitzender Franz Beckenbauer zu der Erkenntnis, dass nur "unverbrauchte Kräfte" (Hoeneß) von außen, den Club weiterbringen können. Da ist ihnen dann Klinsmann eingefallen. "Wir hatten, ähnlich wie derzeit in Amerika, den Willen zu einem Change", hat der Manager jüngst in einem Interview der "Neuen Zürcher Zeitung" gesagt.

Nun scheint das Projekt zu scheitern, ebenso schlimm ist jedoch, dass ein Trainerwechsel keine Lösung für das Grundproblem darstellt. Es ist völlig unklar, welchen anderen Weg es für den FC Bayern gibt, den vorerst misslungenen Schritt auf ein neues Niveau doch noch zu schaffen. "Der Jürgen hat so viel investiert, der FC Bayern hat so viel investiert, es wäre jammerschade, wenn das nicht funktioniert", sagte Beckenbauer nach der Niederlage gegen Schalke etwas ratlos. Sie waren überzeugt von Klinsmanns Ideen und rätseln, ob die Neuerungen aufgrund ihrer Inhalte scheitern, aufgrund von Fehlern in der Umsetzung oder weil München ein Standort ist, an dem sich sinnvolle Veränderungen nicht so einfach einführen lassen.

Einer Tatsache sind die Münchner Verantwortlichen sich aber ganz sicher bewusst: Alle Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, sind von enormer Bedeutung für die mittelfristige Zukunft des Clubs. Derzeit droht sogar das Worst-Case-Szenario: das Verpassen der Qualifikation für die Champions League. Das würde eine sinnvolle Weiterentwicklung der Mannschaft mit ihren vielen Schwachstellen (Sturm, rechte Position in der Viererkette, Torhüter, Auswechselbank) enorm erschweren.

Neben der Überlegung, ob sich diese Katastrophe mit einer sofortigen Trainerentlassung verhindern lässt, müssen die Clubchefs viele weitere Fragen beantworten. Hoeneß möchte seinen Posten ja eigentlich am Ende des Jahres abgeben, doch ist das sinnvoll nach solch einem missratenen Jahr? Oder sollte sich der Manager eingestehen, dass Veränderungen nicht von der Trainerposition ausgehen sollten und seinen Posten schon jetzt an einen jüngeren Nachfolger mit vielen Ideen übergeben? Was sollte bewahrt werden von Klinsmanns Wirken? Muss noch einmal in europäische Top-Spieler investiert werden, vielleicht auch mit Geld, das erst in der Zukunft eingenommen wird?

Der FC Bayern steht an der Schwelle zu einer neuen Zeit, und vielleicht ist dies der Moment, an dem die jahrzehntelange Vorherrschaft des Rekordmeisters zu Ende geht. Historische Wendepunkte gibt es schließlich immer wieder, und warum sollte es Naturgesetz sein, dass beim FC Bayern mittelfristig besser gearbeitet wird, als an allen anderen großen Fußballstandorten dieses Landes?

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