Bayern-Pleite Lachnummer mit "Schrottenfußball"
Nicht nur die Zuschauer hatten genug vom FC Bayern, sondern sogar das Videoband, das für Trainer Felix Magath das Katastrophenspiel gegen Hannover 96 aufzeichnen sollte. "Die Kassette war kaputt", berichtete Magath am Tag nach dem Spiel. Allerdings musste der Coach das Spiel auch nicht noch einmal sehen, um zu erkennen, warum das Videoband entnervt den Geist aufgegeben hatte. Die Wahrheit lag zwar nicht auf dem Tape, aber mal wieder auf dem Platz. Neu war, dass sie vom Trainer auch ausgesprochen wurde. "Die spielerischen Mittel gegen gut organisierte Gegner fehlen uns", sagte Magath nach der 0:1-Pleite gegen Hannover 96, das vor dem Anpfiff Tabellenletzter war.
Es war eine Bankrotterklärung, die fast unterging, weil Magath nach dem Spiel über eine Grippewelle referierte, die seine Spieler Roy Makaay, Claudio Pizarro und Philipp Lahm geschwächt habe. Das wurde ihm in den Münchner Zeitungen als schwache Ausrede ausgelegt - dabei hatte er das große Manko der Mannschaft doch explizit angesprochen: Sein Team hat enorme Probleme mit dem kreativen Part, den das Münchner Publikum aus Gewohnheit erwartet; der FC Bayern hat den Abgang von Michael Ballack nicht verkraftet.
Ein Spielmacher wie Diego bei Werder Bremen fehlt - darüber wurde schon nach dem 1:3 der Münchner in Bremen vor drei Wochen heftig diskutiert. Franz Beckenbauer befand : "Diego macht den Unterschied". Magath konterte: "Wir brauchen keinen Diego." Manager Uli Hoeneß jammerte: "Der FC Bayern muss wegen seines Namens für die gleichen Spieler immer mehr bezahlen als Werder!" Magath wollte Ballack aus dem Teamgefüge heraus ersetzen; eine Idee, die noch längst nicht funktioniert.
Ali Karimi versuchte an seinem 28. Geburtstag vergeblich, gegen Hannover seinen lang nicht mehr besichtigten Spielwitz einzubringen; auch Bastian Schweinsteiger oder Mark van Bommel gelang nichts Geistreiches. Ein Nummer zehn im Sinne eines Spielmachers ist nicht in Sicht, die Version mit drei Spitzen, von denen eine zurückhängt, gab Magath gegen Hannover wieder auf. Zündende Ideen aus dem zentralen hinteren Mittelfeld fehlen auch. Dort rackert Andreas Ottl - wegen seiner kostenfreien Herkunft aus der eigenen Jugend von den Münchner Blättern als "Billig-Ottl" verspottet - zuverlässig, aber die großen Geistesblitze vermag er dem Team auch nicht zu geben.
Ein "Übergangsjahr" wollte sich der Verein ursprünglich gönnen, aber es ist das Schicksal des FC Bayern, dass er auch in einem Übergangsjahr Meister werden sollte oder zumindest stets vorne dabei sein muss. Die Zeitungen nannten den Auftritt "Lachnummer" oder "historische Blamage", Mark van Bommel sprach von "Schrottenfußball". Eine Formulierung, die weitaus kreativer war als sein Spiel. "Es ist schwierig, wenn der Gegner den Bus vor das Tor fährt", sagte der Holländer, der von Hoeneß als Ballack-Ersatz angekündigt worden war und dann gleich erklärt hatte, so sehe er seine Rolle nicht - was sich als zutreffend herausgestellt hat. "Aber dann müssen wir den Ball laufen lassen, links, rechts, und eine Lücke suchen." Leider schafft es auch van Bommel ganz und gar nicht, das Spiel schnell zu machen.
"Eine Krise sehe ich noch nicht", sagte Magath heute, wobei die Frage erlaubt sein muss, was Schlimmeres passieren soll als eine Heimniederlage gegen den Tabellenletzten. Vielleicht noch die Aussage: "Das Trikot muss schön nass sein, das ist bei uns heute nicht der Fall gewesen." So äußerte sich Verteidiger Daniel van Buyten über die kämpferische Moral der Bayern und lieferte die nächste Bankrotterklärung. Kein Spiel, kein Kampf und bereits sechs Punkte Rückstand auf den Tabellenführer Werder Bremen, die selbst Magath als "viel Holz" empfindet. Eine prekäre Situation. Aber schließlich verweisen die Bayernspieler seit Wochen gebetsmühlenartig darauf, dass sie ihr wahres Gesicht erst 2007 zeigen. Ob man darauf gespannt sein sollte, wie das dann aussieht?
Ob sich die Verantwortlichen so lange gedulden wollen, ist ohnehin fraglich. Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge verteilt seit Wochen immer wieder unterschwellige Hinweise an Magath, zuletzt kritisierte er die unattraktive Spielweise sogar öffentlich im Vereinsmagazin. Das ist bemerkenswert beim FC Bayern, wo jedes Wort vor der Veröffentlichung auf die Goldwaage gelegt wird. Sollte auch das Spiel am kommenden Samstag in Leverkusen (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) verloren gehen, dürften im Bayern-Hauptquartier an der Säbener Straße schwere Stürme losbrechen. Der ohnehin grippegeschwächte Magath muss aufpassen, dass es ihn nicht unversehens umweht.