Bayers neuer Chef "Am besten immer geradeaus"
Leverkusen - Da standen sie nun nach einer guten halben Stunde voller Erklärungen im überfüllten Presseraum der Leverkusener BayArena und versuchten, es den Fotografen recht zu machen. Links Berti Vogts, der neue Cheftrainer von Bayer 04 Leverkusen, rechts Rudi Völler, der wieder wird, was er schon vor dem Rücktritt Christoph Daums war: Teamchef der Nationalmannschaft und Sportdirektor bei Bayer.
Es zeigte sich, dass es nicht so einfach ist, sich die Hand zu geben und gegenseitig anzulächeln und dann gleichzeitig auch noch der Aufforderung von allen Seiten nachzukommen: "Würden Sie mal zu mir schauen". Rudi Völler nahm den Rummel gelassen. Denn die Wünsche von einem Dutzend Fotografen zu erfüllen, war eine leichte Übung verglichen mit der, die er in den vergangenen Wochen als doppelter Teamchef von Bayers Bundesliga- und der Nationalmannschaft zu absolvieren hatte. Der Stress der Dauerbefragung über seine Befindlichkeit und Zukunft hatte das sonnige Gemüt bisweilen trotz der makellosen sportlichen Bilanz von neun Einsätzen ohne Niederlage beschattet.
Schnell hatte Völler durchblicken lassen, dass er den doppelten Einsatz nicht lange mitmachen und am liebsten nur noch DFB-Teamchef sein wolle. Nun haben Bayer und der DFB beschlossen, dass er ihnen abwechselnd zur Verfügung stehen soll: Bis zum Februar wird Völler schwerpunktmäßig als Bayers Sportdirektor auftreten, anschließend sich als DFB-Teamchef um die WM-Qualifikation und bei Gelingen um das Turnier im Jahr 2002 selbst kümmern. Danach, so der Plan, kehrt er wieder zu Bayer zurück. Das Ergebnis, sagte der geschäftsführende DFB-Chef Gerhard Mayer-Vorfelder, sei "ein Kompromiss, der die Interessen des DFB wahrt und die von Bayer berücksichtigt". Völler selbst sagte, die doppelte Verortung bei DFB und einem Bundesligisten sei "ein ähnlicher Fall wie bei unser aller Vorbild Franz Beckenbauer". Weil er gerade so guter Dinge war, den stressigsten seiner Jobs los zu sein, ergänzte Völler noch in der Gelassenheit des "neuen Kaisers" (Calmund über Völler): "Ich hoffe, dass meine Arbeit für beide Parteien so erfolgreich weitergehen wird."
Derweil genoss Berti Vogts die ungewohnte Aufmerksamkeit und lächelte, zufrieden endlich wieder im Mittelpunkt zu stehen, gewogen in die Runde. Am Samstag in Freiburg wird Völler letztmals auf der Bayer-Bank sitzen, ab Dienstag wird Vogts das Training der Mannschaft übernehmen. "Ich freue mich, nach zwei Jahren wieder arbeiten zu können", sagte der ehemalige Bundestrainer. Seit seiner Demission im Herbst 1998 war Vogts angelegentlich als Trainerkandidat für Posten zwischen Dubai und London ins Gespräch gebracht worden oder hatte sich selbst ins Gespräch gebracht. In jüngster Zeit vertrieb er sich die Zeit mit Analysen der Champions League für RTL.
Dass nun er und nicht der in den letzten Tagen hoch gehandelte Klaus Toppmöller einen, im übrigen bis 2003 laufenden, Vertrag bei Leverkusen unterschrieben hat, war durchaus überraschend. Möglich, dass sich Leverkusen mit Toppmöllers Club, dem 1. FC Saarbrücken, nicht auf eine Ablöse einigen konnte. Calmund mochte das nicht bestätigen. Er betonte vielmehr, die Bayer-Verantwortlichen hätten sich "auf Grund des besseren Konzepts und des Trainerteams für Berti Vogts entschieden". Wer allerdings zu diesem Team gehören wird, soll laut Calmund erst bei Vollzug und vermutlich zum Jahreswechsel vermeldet werden. Spekuliert wird derweil schon über Wolfgang Rolff als Assistenten, wahrscheinlich scheint, dass der derzeitige Co-Trainer Roland Koch (Calmund: "Er ist fachlich und charakterlich erstklassig"), der seit Jahren im Team mit Christoph Daum gearbeitet hat, nicht in Leverkusen bleiben wird.
"Menschliche Integrität und fachliche Qualität" lobte Calmund auch an Vogts. Es ist kein Geheimnis, dass der Leverkusener Anhang diese Begeisterung nicht teilt. "Calli, bitte, bitte nicht den Vogts!" flehten Fans unlängst auf einem Plakat. Um die mangelnde Akzeptanz des Mannes aus Korschenbroich weiß auch Rudi Völler, der zugleich um Nachsicht warb, indem er lobte, Vogts habe durchaus "seine Qualitäten" und: "Was die meisten vergessen, er ist Europameister geworden."
Allerdings ist Leverkusen für den 53-jährigen Vogts die erste Station als Vereinstrainer. Übermäßiges Lampenfieber scheint er trotz der späten Premiere nicht zu haben. Er sagte, gewohnt spröde: "Man übernimmt eine intakte Mannschaft." Dann ergänzte er recht forsch und von seiner gemeinhin favorisierten unpersönlichen Rede zu kollektiver Selbstverpflichtung wechselnd erstens: "Wir wollen die Bayern jagen." Und zweitens: "Wir wollen einen Titel - welcher es sein wird? Aber Ziele muss man haben." Insofern ist für Vogts der beste Tipp von allen vermutlich der letzte, den es beim Händeschütteln mit Rudi Völler für die Fotografen gab. Die Blickrichtung für den Erfolg , war da zu hören, sei "am besten immer geradeaus."