Berger-Interview: "Schwierigste Aufgabe meiner Karriere" - DER SPIEGEL
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Berger-Interview "Schwierigste Aufgabe meiner Karriere"

Nur mit einem Sieg am Samstag gegen Mönchengladbach kann sich der Tabellenletzte Hansa Rostock noch Hoffnungen auf den Bundesliga-Klassenerhalt machen. Mit SPIEGEL ONLINE spricht Coach Jörg Berger über den skandalösen Discobesuch einiger Spieler, fehlende Alternativen bei der Mannschaftsaufstellung und die Gefahren des Abstiegs.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Berger, sind Sie in Rostock dabei, Ihren guten Ruf als Retter zu verspielen?

Berger: Wieso? Das sehe ich anders. Die Saison ist ja noch nicht zu Ende.

SPIEGEL ONLINE: Auf den rettenden 15. Platz hat der FC Hansa aber mittlerweile schon zehn Punkte Rückstand. Da glauben Sie noch ernsthaft an den Klassenerhalt?

Berger: Wenn ich nicht mehr daran glauben würde, wäre ich jetzt nicht mehr hier. Aber ich muss zugeben, dass das hier die schwierigste Aufgabe meiner Karriere ist. Doch ich bin ein Kämpfer und schaue nur nach vorn getreu dem Spruch: Am liebsten erinnere ich mich an die Zukunft.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Mannschaft allerdings scheint den Glauben an die Rettung bereits verloren zu haben. Nach der desolaten Vorstellung beim 0:4 in Wolfsburg am vergangenen Wochenende erklärte René Rydlewicz: "In der Bundesliga haben wir so nichts zu suchen."

Berger: Das war nur eine realistische Einschätzung auf dieses Spiel bezogen. Ich finde es sogar gut, wenn man nach so einer Partie nichts beschönigt. Es war mit Abstand unsere schlechteste Leistung. In der Mehrzahl der Spiele aber waren wir gleichwertig oder sogar besser. Uns fehlte einige Male einfach nur das nötige Glück.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit Hansa Rostock seit Ihrem Amtsantritt im November keine einzige Begegnung gewonnen.

Berger: In drei, vier Spielen sind wir von den Schiedsrichtern stark benachteiligt worden. Das ist etwas untergegangen, weil wir nicht die Lobby eines Spitzenclubs haben. Ich habe noch nie so eine lange Strecke ohne Sieg erlebt. Unterm Strich ist das meine schlechteste Bilanz. Da frage ich mich dann natürlich auch, ob ich was falsch gemacht habe oder etwas anders machen muss.

SPIEGEL ONLINE: Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen? Was wollen Sie tun?

Berger: Alle nochmal wachrütteln und motivieren. Wir müssen alles versuchen. Ich habe in dieser Woche den Spielern den freien Tag gestrichen, damit die ganze Konzentration auf dem Fußball liegt. Ich habe auch schon eine Reaktion bei meinen Spielern im Training gespürt. Ich kann nur hoffen, dass sich die auf die Partie gegen Mönchengladbach überträgt. Im Spiel ist die Mannschaft bislang sehr ruhig und fast zu anständig gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Schützlinge hatten bislang den Ernst der Lage offenbar nicht erkannt. In der vergangenen Woche sollen einige bis zum frühen Morgen in einer Discothek gefeiert haben.

Berger: Ich wehre mich dagegen, dass man die Verfehlungen einzelner auf die Mannschaft überträgt und diese als Sauhaufen bezeichnet wird, wie es in den Zeitungen stand. Was sich ereignet hat, kann ich nicht dulden. Das habe ich auch zum Ausdruck gebracht. Ich wurde in der Presse sogar mit Trapattoni verglichen. Mit dessen Wutrede. Es ging aber um einzelne wie Razundara Tjikuzu, nicht um die Mannschaft.

SPIEGEL ONLINE: Tjikuzu wurde nach seiner Alkohol-Eskapade gekündigt. Welche Lehren haben Sie ansonsten aus dem Vorfall gezogen?

Berger: Ich weiß jetzt, auf wen ich zählen kann und bei wem ich genauer hinschauen muss. Klar ist, dass ich Spieler habe, die wollen und auch voll mitziehen, auch wenn sie das vielleicht nicht so lautstark an die Öffentlichkeit tragen.

SPIEGEL ONLINE: Gegen Mönchengladbach wird die Mannschaftsaufstellung also ganz anders als zuletzt aussehen?

Berger: Nein. Unser Kader ist nicht so groß. Wenn man nur wenige Alternativen hat, ist es besonders schwer, etwas zu verändern. Wenn ich auf jeder Position einen Konkurrenzkampf hätte, wäre es leichter für mich. Ich kann nicht damit drohen, Spieler auszutauschen, und dann bleibt doch alles wie immer.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie 1997 beim FC Basel entlassen wurden, sagte ihr damaliger Chef René C. Jäggi: "Soll ich denn 15 Spieler entlassen, was ich eigentlich müsste?" War die Lage in Rostock ähnlich, als Ihr Vorgänger Juri Schlünz entlassen wurde?

Berger: Herr Jäggi, mit dem ich heute noch befreundet bin, hatte die Lage damals richtig erkannt. Aber über Juri Schlünz und die Vergangenheit von Hansa Rostock werde ich mich nicht äußern.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Mannschaft denn das Potenzial, in der Bundesliga oberhalb eines Abstiegsplatzes zu spielen?

Berger: Spielerisch hat sie es. Aber für den Kampf gegen den Abstieg - es geht ja ums Kämpfen und nicht ums Spielen - ist die Zusammensetzung der Mannschaft nicht unbedingt ideal.

SPIEGEL ONLINE: Weil es vor Torwart und Kapitän Mathias Schober an Führungsspielern mangelt?

Berger: Ich werde nicht in die Vergangenheit schauen und fragen: Warum gibt es keine Führungsspieler? Wenn ich nicht die drei, vier Leader auf dem Feld habe, muss jeder einzelne mehr tun. Von dem Tag an, an dem ich die Mannschaft übernehme, trage ich die Verantwortung. Ich suche kein Alibi.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Eindruck, dass es mittlerweile zu viele Spieler gibt, die sich nicht mit Hansa Rostock identifizieren?

Berger: Der Verein muss jetzt ganz genau aufpassen, wer einen neuen Vertrag bekommt und wer nicht. Da man nicht weiß, ob Hansa in der Bundesliga bleibt oder in die Zweite Liga muss, ist das eine gefährliche Angelegenheit. Als ich in Karlsruhe Trainer war, waren eine Menge Spieler beim Abstieg die großen Gewinner.

SPIEGEL ONLINE: Tut es Ihnen, der seine Karriere bei Lok Leipzig begann, besonders weh, dass dem letzten Ost-Bundesligisten der Abstieg droht?

Berger: Doch nicht nur mir! Wir dürfen nicht den Eindruck vermitteln, dass nicht alles getan wird, das zu verhindern. In dieser Region haben wir nicht die Abwechslung und Ablenkung wie in Westdeutschland. Wir haben zwar eine tolle Landschaft, aber der FC Hansa ist die letzte Bastion, die den Menschen hier sehr viel bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit 60 Jahren ältester Bundesliga-Trainer. Erreichen Sie die jungen Spieler noch?

Berger: Ich habe zwei 15-jährige Töchter und glaube, dass ich meine Spieler besser verstehe als vor 10, 15 Jahren. Da wollte ich häufig mit dem Kopf durch die Wand. Da fehlte mir das Diplomatische, die Ausgeglichenheit. Ich habe nur ein Problem: Wenn sich jemand einem Beruf verschreibt, der ein sehr schöner ist und einem viele Möglichkeiten bietet, und dann sein Talent verschleudert. Das tut mir weh. Besonders bei Tjikuzu. Um den habe ich mich mehr gekümmert als um andere. Aber: Der Profifußball ist auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wollen Sie noch Trainer sein?

Berger: Ich brauche und liebe meinen Beruf. Erst wenn es keinen Spaß mehr macht, werde ich eine entsprechende Entscheidung treffen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nächste Saison noch Trainer bei Hansa Rostock?

Berger: Ja. Warum nicht?

Das Interview führte Till Schwertfeger