Berthold-Interview: "Ich bin ins kalte Wasser gesprungen" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Berthold-Interview "Ich bin ins kalte Wasser gesprungen"

Mit Deutschland wurde Thomas Berthold 1990 Fußball-Weltmeister, seit dem Sommer ist er Teammanager des Viertligisten Fortuna Düsseldorf. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der ehemalige Bundesligaprofi über große Pläne am Rhein, Teams aus der Retorte, Stagnation im deutschen Fußball und die EM-Chancen der DFB-Auswahl.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Ihr Engagement bei Fortuna Düsseldorf hat viele Beobachter überrascht. Was reizt einen Fußball-Weltmeister an einem Oberligisten?

Thomas Berthold: Der Kontakt ergab sich im Zusammenhang mit dem Umbau des Rheinstadions. Hier entsteht eine der modernsten Arenen Europas, und in der soll natürlich auch Fußball gespielt werden. Rein sportlich bin ich der Meinung, dass die Liga zunächst einmal keine Rolle spielt. Für mich ist die Perspektive sehr viel entscheidender.

SPIEGEL ONLINE: Welche Situation haben Sie in Düsseldorf angetroffen?

Berthold: Die Stimmung war hier auf dem Tiefpunkt. Wenn solch ein Verein in die vierte Liga abrutscht, bedeutet das eine echte Katastrophe, denn ein großer Name ist schließlich das einzige, was man sich im Fußball nicht kaufen kann. Mit dem nötigen Kleingeld lässt sich schnell eine Retortenmannschaft zusammenbasteln, aber die Fortuna hat immerhin 100 Jahre Tradition auf dem Buckel. Aus dieser zum Teil sehr erfolgreichen Geschichte erwächst natürlich eine besondere Verpflichtung.

SPIEGEL ONLINE: Die Sie aber offenbar nicht abgeschreckt hat.

Berthold: Nein, aber ich hatte auch gar keine Zeit, darüber lange nachzudenken. Mitte Juni kam der Kontakt zustande, Planungszeit gab es überhaupt nicht, und ich kannte weder die Mannschaft noch das Umfeld. Da bin ich dann eben ins kalte Wasser gesprungen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre mittel- und langfristigen Ziele mit der Fortuna?

Berthold: Die Vorgabe ist ganz eindeutig: Wir wollen in spätestens drei Jahren in der zweiten Bundesliga sein.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn das nicht klappt?

Berthold: Es gibt kein Worst-Case-Szenario. Die Planungen für die Arena hängen auch nicht davon ab, ob in Düsseldorf wieder Profifußball gespielt wird. Klar ist aber, dass sich für die Mannschaft und den ganzen Verein hier eine Riesenchance ergibt, denn die Fortuna ist nicht in das Finanzierungskonzept des Stadions eingebunden und kann sich - wenn alles gut läuft - praktisch in ein gemachtes Nest setzen. Das sollte für jeden Einzelnen Motivation genug sein.

SPIEGEL ONLINE: Aktuell ist Düsseldorf Spitzenreiter der Oberliga Nordrhein, aber besitzt der Kader genügend Substanz, um Ihre Vorstellungen umzusetzen? Mit Ausnahme von Michael Zeyer, der immerhin schon 35 Jahre alt ist, fehlen Ihnen die großen Namen.

Berthold: Im Fußball ist doch laufend Bewegung. Ich bin zunächst einmal sicher, dass wir mit dieser Mannschaft in die Regionalliga aufsteigen können. Aber dann müssen wir uns natürlich auch um Verstärkungen kümmern, um die nächsten Ziele anzugehen, und das werden wir auch rechtzeitig tun.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eigentlich ein angenehmer Verhandlungspartner, wenn es um Vertragsabschlüsse geht? Für den Wunsch, während der aktiven Zeit so viel wie möglich zu verdienen, müssten Sie doch Verständnis haben.

Berthold: Das habe ich durchaus, aber ich kann im Moment auch nicht mehr Geld ausgeben, als in der Kasse ist. Wer hier vorwiegend finanzielle Interessen im Auge hat, ist bei uns sicher an der falschen Adresse. Wir bieten allerdings sehr gute Rahmenbedingungen und haben auch ein Modell entwickelt, durch das die Spieler am Erfolg partizipieren können. Wenn wir also aufsteigen, verdienen sie auch viel Geld.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich bei den in der letzten Spielzeit bitter enttäuschten Fans schon herumgesprochen, dass die Fortuna wieder auf dem Weg nach oben ist?

Berthold: Auf jeden Fall. Die Fans haben sofort gemerkt, dass hier jetzt ein anderer Wind weht. Unser Zuschauerschnitt nähert sich der 6000er-Marke. Ich glaube nicht, dass ein anderer Oberligist da mithalten kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nicht nur Sportmanager, sondern auch "Kicker"-Kolumnist. Wie schätzen Sie das aktuelle Niveau des deutschen Fußballs ein?

Berthold: Eine negative Tendenz ist schon seit einiger Zeit zu erkennen, die hat sich in dieser Saison fortgesetzt. Dass die deutschen Mannschaften so früh aus den internationalen Wettbewerben ausscheiden, ist natürlich kein gutes Zeichen. Ähnliches gilt für die Nationalmannschaft, die gegen spielstarke Gegner große Probleme hat.

SPIEGEL ONLINE: Der Nationalmannschaft fehlen wohl auch Typen und Charaktere.

Berthold: Stimmt, aber Rudi Völler kann auch nur die Spieler aufstellen, die er zur Verfügung hat. Und die Vereine sind doch oft gar nicht bereit, unbequeme Leute zu verpflichten. Ganz davon abgesehen, dass solche Profis von den Medien schnell als Stinkstiefel und Eigenbrötler abgestempelt werden. Noch bedenklicher finde ich es allerdings, dass in der Nationalmannschaft Spieler eingesetzt werden mussten, die im eigenen Verein keinen Stammplatz haben. So etwas gab es früher nicht, und diese Situation ist auf Dauer untragbar.

SPIEGEL ONLINE: Da sind dann aber auch die Trainer gefragt.

Berthold: Stimmt genau, und auch in diesem Bereich haben wir viel zu wenig Bewegung und Innovation. In den letzten Jahren sind doch immer nur die üblichen Verdächtigen gegeneinander ausgetauscht worden. Das gab es überhaupt keine neuen Impulse. Greuther Fürth hat jetzt mal einen Nobody auf die Trainerbank gesetzt (Thomas Kost, den ehemaligen Scout des FC Arsenal; die Red.), aber das ist leider die große Ausnahme. Zu meiner Zeit waren sehr viel mehr ausländische Trainer in der Bundesliga aktiv, die internationale Erfahrungen, neue Denkansätze und Trainingsstrategien eingebracht haben. Im Moment kommt einfach kein frischer Wind rein, und das zeigt sich dann eben an allen Ecken und Enden.

SPIEGEL ONLINE: Trauen Sie der deutschen Mannschaft bei der EM in Portugal trotzdem etwas zu?

Berthold: Allzu optimistisch bin ich nicht, aber es kann natürlich ein Vorteil sein, dass die Deutschen nicht als Favoriten in das Turnier gehen. Es besteht auch die Möglichkeit, an starken Gegnern zu wachsen. Aber in dieser Vorrundengruppe wird es sehr, sehr schwer.


Die Fragen stellte Thorsten Stegemann