Bierhoff-Interview "Nur die halbe Revolution"
Frage:
Herr Bierhoff, der Konföderationen-Cup war auch für Sie und die DFB-Organisation die WM-Generalprobe. Wie fällt ihr Fazit vor dem Spiel um Platz drei aus?
Bierhoff: Wir haben den Testlauf bestanden. Es hat alles gut geklappt. Wir haben ein besseres Gefühl für so ein Turnier entwickelt. Für die WM überlegen wir, ob wir nicht direkt nach den Spielen in der Nacht noch nach Berlin zurückfliegen. Diese Variante ist sehr wahrscheinlich.
Frage: Es gab Kritik, dass die Mannschaft in der Vorrunde kein öffentliches Training veranstaltet hat.
Bierhoff: Das haben wir registriert und werden die Erkenntnisse in Zukunft verwerten. Bei der WM werden wir ein öffentliches Training wohl gleich am Anfang veranstalten und dann viel größer aufziehen. Das kann dann eigentlich ein Familientag werden.
Frage: Gibt es in Richtung WM weitere Planspiele?
Bierhoff: Ich habe noch einige Sachen im Kopf. Zum Beispiel, dass wir für die Spieler den ein oder anderen Vortrag organisieren. Es gibt etwa Überlegungen, einen Michael Schumacher oder einen Dirk Nowitzki einzuladen. Die könnten erzählen, wie es in ihrem Sport zugeht, sie könnten Erfahrungen weitergeben. Oder man lässt Wirtschaftsbosse vorsprechen.
Frage: Die Trainer haben sich darüber geärgert, dass in der Beurteilung der Nationalmannschaft eine große Diskrepanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung besteht. Wie sehen Sie die Problematik?
Bierhoff: Die Deutschen sind bekannt dafür, nicht reformfreudig zu sein. Man wollte hier auch die französische Revolution haben und hat sie nur halb nachgemacht. Es wurden in der Vergangenheit im deutschen Fußball immer wieder Veränderungen gefordert. Jetzt haben wir die Dinge geändert, jetzt wird aber von einigen Seiten Polemik aufgebaut, alles gleich ins Negative gezogen. Das ärgert uns.
Frage: Wie gehen die Spieler damit um?
Bierhoff: Ich habe die Spieler aufgefordert, eine gewisse Offenheit und ein gewisses Vertrauen gegenüber Sponsoren und Medien zu zeigen. Im Fußball geht es noch sehr verspannt zu. Ich möchte mündige Spieler, die Persönlichkeiten sind und auch mal anecken. Ich habe bei vielen noch den Eindruck, dass sie Angst davor haben, etwas Falsches zu sagen.
Frage: Wollen Sie ihren Weg gegebenenfalls überdenken?
Bierhoff: Nein. Wir sind überzeugt von unserem Weg. Der ist gut, und davon lassen wir uns auch nicht abbringen. Wir sehen, dass eine Entwicklung stattfindet. Letztendlich wissen wir aber, dass es bei der WM auf das Ergebnis ankommt.
Frage: Wie sehen Sie das Bild der Nationalmannschaft?
Bierhoff: Die Mannschaft hat auf und außerhalb des Platzes eine Identität bekommen. Spieler wie Schweinsteiger oder Podolski vermitteln einen gewissen Spaß am Fußball. Es sind absolut positive Typen, die klasse mit ihrer Rolle umgehen. Sie verkörpern auch das Bild dieser Nationalmannschaft. Und dieses Bild ist nach außen hin sehr gut. Dafür sorgt auch ein Michael Ballack als Kapitän.
Frage: Die jungen Spieler bei der Nationalmannschaft wirken schon erstaunlich gefestigt und nicht abgehoben. Täuscht dieser Eindruck?
Bierhoff: Das gängige Klischee über die jungen Spieler passt bei uns überhaupt nicht. Die wissen genau, was sie wollen. Die Spieler haben zum Teil eine gewisse Bauernschläue, sie haben verstanden, wie das Spiel funktioniert.
Frage: Ihr Vertrag läuft bis zur WM 2006. Machen Sie ihre Zukunft nach der WM von der Person Jürgen Klinsmann abhängig?
Bierhoff: Der Job des Managers hängt nicht mit Jürgen Klinsmann zusammen. Man hat schnell gesehen, dass der Posten Sinn macht und in Zukunft besetzt sein sollte. Generell muss aber die Chemie zwischen Trainer und Manager stimmen. Wenn es nicht so ist, wird es sehr schwer.
Frage: Das heißt, dass Sie ohne Jürgen Klinsmann nicht mehr Manager sein werden?
Bierhoff: Das heißt es nicht. Aber wie gesagt, es muss die Nähe und das absolute Vertrauen zum Trainer da sein. Grundsätzlich ist bei dieser Diskussion ganz wichtig: Alle Dinge, die wir initiiert haben, sind auf 2006 ausgerichtet. Der DFB hat nur Kosten bis zur WM 2006, ob es Manager, Trainer, Chefscout oder die Fitnesstrainer betrifft. Wenn der DFB sagt, die sind alle schlecht, die wollen wir nach der WM nicht mehr, dann kommt keine Abfindung auf den DFB zu.
Frage: Haben Sie das Gefühl, dass der DFB ihre Philosophie mitträgt?
Bierhoff: Ich habe schon das Gefühl. Es gab viele Veränderungen, es bedurfte einiger Überzeugungskraft. Aber alles, was wir vorgelegt haben, war auch sinnvoll. Das hat der DFB bestätigt. Viele Dinge, die am Anfang heiß diskutiert wurden, sind jetzt eine Selbstverständlichkeit.
Frage: Sehen Sie weiteren Reformbedarf?
Bierhoff: Man muss nur den Chefscout nehmen: Dessen Wissen über den internationalen Fußball muss der DFB irgendwie nutzen, in die Trainer- und Jugendausbildung einfließen lassen. Es muss eine größere Verknüpfung der einzelnen Bereiche geben. Bei der A-Nationalmannschaft haben wir Topleute, und dieses Topwissen müssen wir nach unten weitergeben. Da muss ein Gesamtkonzept für die Zeit nach der WM entwickelt werden.
Aufgezeichnet von Thomas Nicklaus und Thomas Häberlein, sid