Biermanns Ballbehandlung Drin oder nicht drin?
In der letzten Ausgabe der Ballbehandlung veröffentlichte ich einen Hinweis des Lesers Thomas Böttchers, dass der Ball nicht mit vollem Umfang über der Linie sein muss, um als Tor anerkannt zu werden, sondern mit vollem Durchmesser. Mir leuchtete das sofort ein, doch das wohl fälschlicherweise, wie etliche Leser nachwiesen.
Hertha-Torwart Fiedler bei Rettungsversuch: Drin oder nicht drin?
Foto: DDP"Meiner Meinung nach ist beides falsch", schrieb Pierre Winkler. Erläuternd führte er dazu aus: "Besonders erstaunt mich, dass Herr Böttcher hier eine eindimensionale Einheit einer zweidimensionalen vorzieht. Auf jeden Fall ist der Ball sowohl mit vollem Umfang als auch mit vollem Durchmesser drüber, wenn sein Mittelpunkt die Linie überquert hat. Das reicht aber leider für einen Torerfolg nicht aus; dafür müsste der Ball mit voller Oberfläche über der Linie sein."
Andreas Pfeffer hingegen meinte: "Die Formulierung 'voller Umfang' wird wohl nur dazu verwendet, um klarzumachen, dass der Ball vollständig die Torlinie überschritten haben muss. Von dem her ist die Formulierung richtig. Wenn der Ball nicht vollständig hinter der Linie ist, dann kann man einen Umfang finden, der eben zumindest noch teilweise auf der Linie ist und somit ist nicht sein voller Umfang hinter der Linie."
Werner Höing war "ziemlich in Rage angesichts Böttchers Korinthenkackerei" und rügt auch mich: "Warum diese defensive Antwort auf Herrn Böttchers Frage? In den DFB-Regeln heißt es, dass der Ball vollständig, dass bedeutet sinngemäß auch 'in vollem Umfang' die Torlinie überschritten haben muss. Genau das hört man von den meisten Reportern: I N vollem Umfang! Zugegebenermaßen ist das mathematisch sicher nicht korrekt, aber wir haben doch erst jüngst von einem der wichtigsten Protagonisten im deutschen Fußball (Karl-Heiz Rummenigge) gelernt, dass Fußball eben keine Mathematik ist!!"
Für etwas mehr Lässigkeit plädierte Mirko Brüger und bringt noch einen weiteren Aspekt ins Spiel: "Die gebräuchliche Kommentatoren-Prosa ist nicht einmal falsch. Wenn der Umfang eines Balles hinter einer Linie ist, dann ist der ganze Ball hinter der Linie. Jawohl, ein Umfang hat nicht nur eine Länge, er kann sich auch an einem Ort befinden! Eine Formulierung wie 'Der Ball muss mit vollem Durchmesser hinter der Linie sein!' ist nebenbei bemerkt auch nicht eindeutig. Wenn sich eine Hälfte eines Balles hinter der Linie befindet, dann befindet sich auch ein kompletter Durchmesser hinter der Linie. Der Ball muss ganz hinter der Linie sein, wie man das formuliert ist doch herzlich egal."
Veit Blümel argumentiert ähnlich: "Lassen Sie sich von Thomas Böttcher nicht so ins Boxhorn jagen. Natürlich ist wahrscheinlich allen Kommentatoren der Unterschied zwischen Durchmesser und Umfang einer Kugel bekannt. Allerdings spielt das für die Tatsachen, wann der Ball 'aus dem Spiel' ist, keine Rolle. Laut Regelwerk gilt: Der Ball ist aus dem Spiel, wenn er auf dem Boden oder in der Luft vollständig eine der Tor- oder Seitenlinien überschritten hat. Ist der Ball also draußen, so ist er sowohl mit dem gesamten Umfang draußen, als auch mit dem gesamten Durchmesser. Umgekehrt genauso. Ist er noch im Spiel, ist also mindestens noch ein Teil des Umfanges (immer von einem Großkreis auf der Kugel gerechnet - und um noch genauer zu sein, muss man denjenigen nehmen, der sich parallel zur Erdoberfläche befindet-) innerhalb des Spielfeldes und genauso noch ein Teil des Durchmessers. Beide Formulierungen sind also richtig und beschreiben die Regel korrekt. Daher können die Fußballkommentatoren sie meines Erachtens auch beide verwenden."
Auch Steve Schrader findet "der Ausdruck 'mit vollem Umfang' ist vollkommen in Ordnung, da es sich hierbei nicht um ein Längenmaß handelt oder den Abstand zur Linie, sondern nur ausdrückt, dass der Ball komplett hinter der Linie sein muss - und zwar mit dem vollem Umfang oder Durchmesser oder dem ganzen Ausmaß des Gegenstandes."
Es sieht also so aus, als ob man doch Umfang sagen dürfte. Doch zur letztendlichen Klärung der Frage habe ich mit Professor Hansjörg Geiges gesprochen. Er ist Mathematiker an der Universität Köln, wo er sich mit Geometrie und Topologie beschäftigt. Geiges hält die Debatte "für einen Streit um des Kaisers Bart". Sie rührt seiner Meinung nach aus der Begriffsverwirrung, "denn bei einem Ball spricht man nicht vom Umfang". Das tut man bei einem Kreis, wo der Umfang die Länge der Kreislinie ist und der Durchmesser die Länge von Kreisrand zu Kreisrand durch den Mittelpunkt gemessen. Wenn man Ball und Umfang zusammenbringen möchte, sagt Geiges, "müsste man den Schattenwurf des Balls vertikalem Lichteinfall betrachten, und der kreisrunde Schatten wiederum müsste komplett hinter der Linie sein". Aber als Freund des Fußballs rät Geiges zum Pragmatismus: "Man kann trotzdem weiter davon sprechen, dass der Ball mit vollem Umfang hinter der Linie ist." Und so soll es nun sein.