Blindenfußball Kick im Dunkeln
Serdal Celebi vom FC St. Pauli läuft Richtung Tor, stoppt den Ball mit dem Fuß und hält inne. Er könnte zu einem Mitspieler passen oder aufs Tor schießen. Doch Celebi zögert. Er lauscht den Zurufen seiner Mitspieler und versucht, sich zu orientieren. Der 26-Jährige ist blind.
Seit einem Jahr spielt Celebi bei der Blindenfußball-Mannschaft des FC St. Pauli. Bei der "Coppa di Primavera" - einem Vorbereitungsturnier mit dem Chemnitzer FC und Eintracht Braunschweig - trainierte sein Team zuletzt auf einem Hamburger Kleinfeld-Kunstrasenplatz für die anstehende Bundesliga-Saison.
Die deutsche Blindenfußball-Liga geht am 16. und 17. April ins vierte Jahr, besteht aus neun geschlechtergemischten Teams und endet im Juli nach vier Spieltagen in Hürth, Mannheim, Chemnitz und Hannover. Favorit ist einmal mehr Serienmeister MTV Stuttgart. Die Stützen des Teams sind Spieler, die einst gewöhnlichen Fußball gespielt haben - bis sie ihr Sehvermögen verloren.
Solo zum Erfolg
Wenn man nichts sehen kann, bleiben zwei Wege, den Ball zu beherrschen. Zum einen hilft die Geräuschkulisse: die Rufe der Mitspieler und Trainer sowie das Scheppern der im Ball eingeschlossenen Rasseln. Wenn die Rasseln ruhen, bleibt dann nur noch das Ballgefühl - die Kunst, den Ball am Fuß zu halten und im Alleingang den Abschluss zu suchen. Das Solo ist ein gängiges Mittel, um vor das gegnerische Tor zu kommen. Pässe unter Blinden sind schwierig.
Eine Mannschaft besteht aus vier Feldspielern und einem nichtblinden Torwart, der sich nur in einem zwei Meter tiefen Torraum bewegen darf. Damit unter den unterschiedlich stark sehgeschädigten Spielern gleiche Bedingungen herrschen, müssen sie sich vor dem Anpfiff die Augen mit Pflastern abkleben und zusätzlich mit Dunkelbrillen überdecken.
Blindenfußballspiele dauern zweimal 25 Minuten. Sie sind in Deutschland noch etwas Besonderes. In Spanien und Brasilien, wo Blinde seit 20 Jahren organisiert kicken, ist das anders. Dort kommen bis zu dreitausend Fans in die Stadien.
Nicht so bei der "Coppa", hier herrscht Stille - zumindest auf den Zuschauerrängen. Celebi richtet den Blick ins Nichts hinter die Torauslinie und wartet auf Anweisungen oder auf ein Anspiel, das sich durch die nähernde Ballrassel bemerkbar machen würde. "Richtung Tor!", hört er seinen Trainer Wolf Schmidt brüllen. Allgegenwärtig ist auch das monotone "voy" (spanisch: "Ich komme"). Es ist das Signal, das jeder Spieler regelmäßig rufen muss, um seine Mitspieler zu warnen.
"Noch sechs Meter! Noch vier!"
Dennoch sind Zusammenstöße beim Blindenfußball unvermeidlich, immer wieder kracht jemand in die Bande. Polsterungen zum Schutz des Kopfes sind Pflicht. St. Paulis Spieler tragen individuelle Varianten aus Isolierschläuchen für Heizungsrohre.
Aufgrund der Verletzungsgefahr ist es schwierig, blinde oder sehbehinderte Menschen zu finden, die sich auf das Spiel einlassen. "Der Sport gilt vielen als zu gefährlich, zu kampfbetont. Und man muss sich trauen, schnell zu laufen, was man im Straßenverkehr nicht machen würde", sagt St. Paulis Kapitänin Katja Löffler.
Serdal Celebi dreht sich, dribbelt mit den Ball und nimmt noch einmal Anlauf. Der Helfer hinter dem Tor lotst ihn durch Rufe in Richtung Tor: "Noch sechs Meter! Noch vier!" Doch plötzlich verliert Celebi die Orientierung, weiß nicht mehr genau, wo sich der Ball befindet. Und tritt ins Leere. Das Spiel zwischen St. Pauli und Chemnitz endet torlos.