Borussia Dortmund gegen Bayern München in der Bundesliga - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Dortmund und Bayern: Zweimal der zweite Anzug

Foto: INA FASSBENDER/ REUTERS

Bundesliga-Gipfel Bayern vs. BVB Was kann die B-Besetzung?

Von wegen Generalprobe: Die beiden Champions-League-Finalisten Borussia Dortmund und Bayern München treffen an diesem Spieltag in der Bundesliga aufeinander - und werden wohl mit ihren B-Mannschaften auflaufen. Zeit, die zweite Reihe beider Großclubs zu vergleichen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Bundesliga staunte nicht schlecht. Auf zehn Positionen hatten die Trainer Jupp Heynckes und Jürgen Klopp ihre Mannschaften am vergangenen Wochenende verändert. Rotation extrem - mit Erfolg. Bayern und Dortmund gewannen nicht nur ihre Partien in der Liga, sondern schafften danach in Bestbesetzung den Finaleinzug in die Königsklasse.

Auch für das Aufeinandertreffen der Giganten am Samstag (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) kündigten beide Seiten an, Spieler zu schonen. "Es werden sicher beide Teams kräftig rotieren", sagt Heynckes, der, so viel ist sicher, mindestens ohne Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Franck Ribéry und Arjen Robben antreten wird. Beim BVB dürften die angeschlagenen Lukasz Piszczek, Sven Bender, Ilkay Gündogan und Marco Reus pausieren. Zudem fehlt Mario Götze.

"Wenn bei den Bayern zehn oder elf rotieren, haben sie immer noch eine Mannschaft, die Deutscher Meister werden kann", sagt Klopp. Was er nicht sagt, ist: Wie gut sitzt der eigene zweite Anzug, wenn es auf ihn ankommt? SPIEGEL ONLINE hat die B-Teams beider Großclubs verglichen.

B-Elf von Bayern München: Mehr Zeit für die Ballverarbeitung

B-Elf von Bayern München: Mehr Zeit für die Ballverarbeitung

Foto: SPIEGEL ONLINE, Fotos: imago

Bei den Bayern verändert sich die Spielweise radikal, zumindest bei einer Komplettrotation.

  • Beispiel Spielaufbau: Szenen wie in Barcelona bleiben aus. Mehrfach kombinierten sich Schweinsteiger, Alaba und Boateng aus der Abwehr nach vorne. Funktionierte das nicht, weil Barça gut presste, kam Manuel Neuer ins Spiel. Mit hart gespielten Pässen brachten seine Vorderleute Bälle zurück zum Torwart, der diese dank seiner Technik schnell annehmen und das Spiel verlagern konnte. Barcelonas Pressing war umspielt. Eine Fähigkeit, die Neuer über Paraden hinaus wertvoll macht. Diese Fähigkeit fehlt Tom Starke.

  • Beispiel Mittelfeld: Ein defensives Mittelfeld wie gegen Freiburg, also mit Luiz Gustavo und Anatoliy Tymoshchuk, verändert die Ausrichtung in zweierlei Hinsicht. Es fehlen die Diagonalbälle von Schweinsteiger und Martínez, die wahlweise Ribéry oder Robben in Eins-gegen-eins-Duelle bringen und das Bayern-Spiel prägen. Weder Tymoshchuk noch Gustavo beherrschen solche Verlagerungen. Bayerns Offensivspiel wird schwerfällig, ist abhängig vom Spielmacher. Weil Gustavo und Timoschtschuk mehr Zeit bei der Ballverarbeitung benötigen, können sie gezielt gepresst werden. So machte es der BVB im Pokalfinale 2012 mit Gustavo. Zunächst ließen sie ihn frei, um dann, wenn ein Ball zum Brasilianer unterwegs war, zu attackieren. Die Folge: Gustavo spielte entweder zurück dorthin, von wo der Ball gekommen war - oder verlor ihn.

Lesen Sie im zweiten Teil: Warum der zweite Anzug Dortmunds nicht mit dem der Bayern mithalten kann - und doch Vorteile hat

Die Bank von Dortmund hält mit der des FC Bayern in Bezug auf die individuelle Klasse nicht Schritt. Das kann sie nicht, weil die Clubs unterschiedliche Summen in die Breite des Kaders investieren. Spieler wie Oliver Kirch oder Julian Schieber, beide in der Startelf gegen Düsseldorf, besitzen nicht die Qualität, wie sie Ersatzspieler eines CL-Finalisten normalerweise haben. Allerdings schneidet selbst die A-Elf der Borussia nicht gut ab, vergleicht man sie mit europäischen Schwergewichten wie Real Madrid oder Manchester City. Dass Mann-gegen-Mann-Vergleiche kaum Sinn machen, zeigt der Turnierverlauf. Dortmund hat beide Mannschaften ausgeschaltet und greift nach dem Titel.

B-Elf von Borussia Dortmund: Kollektiv schlägt Spitze - manchmal

B-Elf von Borussia Dortmund: Kollektiv schlägt Spitze - manchmal

Foto: SPIEGEL ONLINE, Fotos: imago

Der Grund dafür ist die Spielweise: Die Elf von Trainer Klopp funktioniert als Kollektiv wie wenige andere auf dem Kontinent. Jeder weiß, wie die Mitspieler ticken, weil es klare Vorgaben gibt. Einstudierte Lauf- und Passmuster ermöglichen, dass das Prinzip BVB erfolgreich sein kann, selbst wenn ein Götze ausfällt.

Voraussetzung dabei ist Disziplin. In Düsseldorf wirkte die Defensive unsicher. Daran hatte etwa Bittencourt seinen Anteil. Mit seiner starken Ballführung in höchstem Tempo verfügt er über enormes Potential. Deshalb wurde er geholt. Noch aber hat er die BVB-Philosophie nicht verinnerlicht. Das Umschalten auf Abwehr nach Ballverlusten, das etwa gegen Bayern oft dazu führte, dass Robben und Ribéry stets gedoppelt wurden - es funktionierte nicht. Die Unterstützung fehlte.

Genau darum geht es beim BVB: um Unterstützung. Sich gegenseitig helfen, ohne Unterlass. Je länger ein Spieler unter Klopp trainiert, desto besser fügt er sich ein in das Konstrukt BVB. Erst danach sind individuelle Fähigkeiten gefragt, die nicht in der Breite, wohl aber in der Spitze ausgeprägt sind wie in München. Gegen schwächere Gegner ist das Kollektiv selbst dann überlegen, wenn fast alle Stammkräfte draußen bleiben. Gegen Bessere können zumindest vereinzelte Ausfälle kompensiert werden.

Bayern hat aufgeholt in den Kategorien, die Dortmund stark machen. Individualisten definieren sich nun über Abwehrarbeit, ehe sie persönliche Fähigkeiten einbringen. Die taktische Qualität des Rekordmeisters hat zugenommen, das Kollektiv funktioniert genauso gut wie das der Borussia. Wird nicht gerade die gesamte Mittelfeldzentrale ausgetauscht, wirkt das Spiel der Bayern wie aus einem Guss. Auf höchstem Niveau gibt die individuelle Qualität den Ausschlag. Und die spricht in der Breite für die Münchner. Nicht nur am Samstag, um 18.30 Uhr.