BVB-Kapitän Reus Der Dampfplauderer
Marco Reus will so eine Leistung "nie, nie, nie wieder" sehen
Foto: INA FASSBENDER/ AFPAls Paco Alcácer nach dem Spiel aus der Kabine gehumpelt kam, fiel es ihm sogar schwer, ins Auto einzusteigen. Der Angreifer hatte sich beim 3:3 gegen den Tabellenletzten SC Paderborn in der 39. Minute bei einer zunächst harmlos ausschauenden Aktion am Knie verletzt. Kaum zu glauben, dass der Spanier am kommenden Mittwoch in der Champions League (21 Uhr Liveticker SPIEGEL; TV: Sky) bei seinem ehemaligen Klub FC Barcelona wird spielen können, auch wenn eine Diagnose noch aussteht.
Dann wäre Borussia Dortmund also wieder ohne gelernten Mittelstürmer. Aber dieser finstere Blick in die nahe Zukunft war am Freitagabend genauso zu vernachlässigen wie die Frage, ob der BVB im Winter einen weiteren Angreifer verpflichten sollte. An diesem Abend ging es um die jüngste Vergangenheit. "Unglaublich, absolut nicht gut", sagte Trainer Lucien Favre, "das war eine desaströse erste Halbzeit."
Den Dortmundern wurde in dieser Saison schon häufiger und mit Recht vorgeworfen, dass sie Schlechtes schöner färben. Das war nach dem Remis gegen Paderborn ganz anders. Sportdirektor Michael Zorc bat um Verständnis, dass er "nicht so viel sagen" wolle, nur eines: "Die erste Halbzeit war komplett inakzeptabel, sodass wir uns bei den Zuschauern dafür entschuldigen müssen."
Die Einsicht ist da, mehr auch nicht
So sah das auch Marco Reus. "Zum Schämen" sei die Leistung gewesen, sagte der Kapitän bei Dazn, "absolute Scheiße". Reus forderte: "So dürfen wir nie, nie, nie wieder auftreten."
Nun ist Einsicht bekanntlich der beste Weg zur Besserung. Aber ein Blick in Reus' gesammelte Zitate der Saison zeigt, dass Einsicht mehr ein Warten auf Besserung bringt. Nach dem 1:3 bei Union Berlin sagte Reus: "Wir haben uns im gesamten Spiel einfach komplett dumm angestellt." Er forderte Wille und Leidenschaft. "Wir müssen anders auftreten", hieß es nach dem 2:2 in Freiburg, nach dem 0:0 beim FC Schalke klagte Reus: "Wir hätten mehr investieren müssen."
Spätestens nach dem peinlichen 0:4 beim FC Bayern sollte tatsächlich alles besser werden, doch dann stand es gegen Paderborn, das zuvor im Schnitt pro Spiel einen Treffer erzielt hatte, 0:3 zur Pause.
Die BVB-Mängelliste ist lang
Eine zu defensive Aufstellung und Ausrichtung, behäbiger Spielaufbau, haarsträubende Fehlpässe, Tempodefizite in der Viererkette - die Mängelliste war schon lang genug, aber Favre fügte noch etwas hinzu: "Die nötige Aggressivität hat gefehlt."
Wie das trotz der Erfahrungen und Läuterungsversprechen passierte, ist ein Rätsel. Der Trainer bekommt es nicht in den Griff, der Kapitän lebt es auf dem Platz nicht vor. Reus, der wegen kleinerer Blessuren nicht alle Trainingseinheiten mitmachen konnte, aber in allen zwölf Bundesligaspielen zum Einsatz kam, ist zögerlich und zurückhaltend beim Pressing und in den Zweikämpfen. Stattdessen wendete er vor lauter Frust seine Energie dafür auf, mit dem Schiedsrichter um einen Einwurf zu streiten.
Reus (M.) trifft in der Nachspielzeit zum 3:3, ein viertes Tor wollte nicht mehr fallen
Foto: Leon Kuegeler / REUTERSDas 3:3 in der Nachspielzeit durch einen Kopfball war Reus' sechstes Saisontor. Das ist eine ordentliche Bilanz, aber die Form des Nationalspielers stimmt bedenklich.
Viel zu selten sind seine Tempodribblings geworden, mit denen er Räume für die Kollegen schafft. Nur eine Torvorlage lieferte Reus bisher ab, das Defensivverhalten ist auf bescheidenem Niveau, die Zweikämpfe führt er häufig so, dass er nur aussieht, als führe er sie.
Spieler verteidigen Favre
Reus, Axel Witsel und Jadon Sancho hießen die Torschützen des BVB gegen Paderborn. Was die drei noch eint: Sie könnten weitaus besser spielen. Das gilt noch für viele andere Profis im Kader des BVB, doch gerade Reus und Witsel haben den Anspruch, die Mannschaft mit ihren Leistungen zu führen. Daher ergibt sich die Frage, ob der Trainer Fehler macht oder die Gründe dort zu suchen sind, wo die Öffentlichkeit ausgesperrt ist. Reus nimmt Favre in Schutz: "Der Trainer stellt uns immer super ein." Und auch Mats Hummels verteidigte den Trainer: "Wir sind es auf dem Platz, die diese Fehler machen. Ich will ganz deutlich sagen, dass es nichts mit der Trainerposition zu tun hat, wenn wir ohne Druck die Bälle herschenken."
Die Mannschaft sei für die Leistung verantwortlich, so Reus, um dann wieder mal zu appellieren: "Wir müssen als Team enger zusammenrücken, zusammen angreifen und zusammen verteidigen. Das passt im Moment gar nicht."
Sprechen wollen sie jetzt wieder in Dortmund, gründlich analysieren. Eines stand für Favre schon fest: "So kann es nicht weitergehen." Auch das war in dieser Saison schon häufiger zu hören. Es ging dann doch so weiter.