Brasilien feiert Die Lust, ein Nationalist zu sein
Rio de Janeiro - Der nationale gelbgrüne Taumel, der schon seit Wochen das öffentliche Leben in Brasilien bestimmt, wächst mit jedem Schritt Richtung Endspiel. Im Land der bisher eher schlappen Fußballzauberer entschädigt dabei das Unglück der Rivalen für das Ausbleiben eigener Glanzleistungen.
Zur Lust, ein Nationalist zu sein, hat sich gerade ausgerechnet der linke brasilianische Meisterregisseur Gerald Thomas bekannt. Thomas, der Theaterguru deutsch-jüdischer Herkunft, in New York und São Paulo, Berlin und Paris zu Hause, schrieb im "Journal do Brasil", dass "die glücklichsten Stunden des Lebens" für ihn diejenigen gewesen seien, als er jetzt Frankreich und Argentinien ausscheiden sah.
Gedemütigtes Argentinien
Im Fußball sei er schon immer mit Lust Nationalist gewesen, führte Thomas aus. Selbst während des Kampfes gegen die Diktatur habe er sich zu jeder WM in einen glühenden Patrioten und Nationalisten verwandelt.
Fußball, der Ersatzkrieg: Der Erzfeind Argentinien wurde nach seiner Schlappe in der brasilianischen Presse mit Hingabe gedemütigt. Sie hätten ja, kicherte ein Kolumnist, "in einer Schwulensauna übernachten müssen,
die argentinischen Spieler, weil das Geld nicht gereicht habe." Bruahahaha!
Das wirtschaftliche Elend des Nachbarn und die fußballerische Tragödie führten bei den brasilianischen Kommentatoren zu allergemeinsten Geistesblitzen. Die Argentinier hatten sich früher oft hochmütig gezeigt. "Macaquitos", Äffchen, hatten sie die dunkelhäutigen, brasilianischen Nachbarn genannt, wenn sie als reiche Urlauber hierher kamen. Nun heißt es: Der Stöckelschuh ("sapato alto") war zu hoch, umso größer war der Fall! So werden historische Rechnungen beglichen. Die Nation entspannt sich - in der Schadenfreude.
Französisierte Verballhornung
Frankreichs Niederlage berauschte und beflügelte das Satire-Quartett "Agamenon" geradezu. Im "Globo" dichtete es: "Liberté! Fraternité! Vansefodé!" Letzteres ist nur die französisierte Verballhornung von "Vao se foder" - Fickt euch ins Knie! Der Schmerz über die WM-Finalniederlage, das ist ganz offenbar, klafft im Herzen der brasilianischen Nation immer noch, kann aber mit Schadenfreude durchaus gelindert werden - Freiheit, Gleichheit, fickt euch selber. Dass Fußball die offenbar universell vorhandene "Herabsetzungslust" oder "Verneinungskraft" aktiviert und auf eine zivilisationsverträgliche Weise wieder abbaut, hat sich mittlerweile überall herumgesprochen.
Weltweit sind die Schwellen niedriger gelegt. Die englische "Sun" ist in Hochform mit ihren Stahlhelm-Metaphern. Und die immer wieder geniale "Bild"-Zeitung kam mit "Haudi-Saudi-Gaudi" dem Straftatbestand der Völkerverhetzung wohltuend nahe. Die Zeiten haben sich geändert. Noch vor zwölf Jahren hatte Heribert
Faßbenders Ausruf "Schickt den Mann doch in die Pampas!" in Bezug auf den argentinischen Schiedsrichter im legendären WM-Spiel Deutschland gegen Holland (Rot für Völler und Rijkaard) Walter Jens und andere
Intellektuelle vor der wiedererwachenden Fremdenfeindlichkeit im Lande warnen lassen. Als therapeutisches Gegenmittel - erinnert sich noch einer? -, drückten sie damals Kamerun den Daumen.