Brasiliens Copa-Sieg: Triumph der Sachlichkeit - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Brasiliens Copa-Sieg Triumph der Sachlichkeit

Kein Spektakel, aber dafür der Titel: Mit nüchternem Stil gewann die Nationalmannschaft Brasiliens unter ihrem neuen Trainer Carlos Dunga die Copa América im Finale gegen Argentinien. Bei den Unterlegenen tritt nach der Pleite eine ganze Generation ab.
Von Tobias Käufer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gleich nach dem Schlusspfiff fand die Demütigung mit anderen Mitteln ihre Fortsetzung: Endlos lange 15 Minuten brauchten die Organisatoren, um die Bühne für die anschließende Siegerehrung im "Estadio Pachencho Romero" vorzubereiten. Zeit genug für die Fotografen, das Feld zu stürmen und die Tränen des Gabriel Heinze, die leeren Augen von Juan Román Riquelme oder die Apathie von Lionel Messi aus wenigen Zentimetern Distanz abzulichten. Wie geprügelte Hunde standen die Argentinier nach der bitteren 0:3 (0:2)-Niederlage im Finale der Copa América auf dem Rasen von Maracaibo gegen den Erzrivalen Brasilien da.

Minutenlang musste die gedemütigte "Albiceleste" das Blitzlichtgewitter über sich ergehen lassen, ehe sich die Ordner, die sich zuvor allesamt nur für die wenige Meter weiter jubelnden Brasilianer interessiert hatten, an ihre eigentliche Aufgabe erinnerten. "Respeto, Respeto" (Respekt, Respekt) forderten einige argentinische Spieler, doch erst als die Meute der hungrigen Fotografen ein wenig zurückgedrängt war, blieb dem zuvor 90 Minuten fast chancenlosen Favoriten des Endspiels von Venezuela zumindest etwas Privatsphäre, um die bittere Lektion zu verarbeiten.

Es war eine weitere Niederlage für die "Generation glücklos", hoch gehandelt, aber wieder einmal erfolglos. Für viele Spieler, die mittlerweile die 30 Jahre erreicht haben, war es die letzte Chance, noch einmal einen Titel zu gewinnen: Javier Zanetti, Juan Sebastián Verón oder Hernán Crespo, der dann doch nicht mehr rechtzeitig fit werden sollte für das Finale, und natürlich Roberto Ayala. Der Kapitän avancierte fast schon zur tragischen Figur dieses Spiels: Nach langen 14 titellosen Jahren wollte er endlich einen Pokal in die Höhe stemmen - und erlebte eine rabenschwarze Stunde. Beim frühen Gegentreffer von Júlio Baptista (4.) kam der Abwehrspieler des FC Valencia einen Schritt zu spät, später unterlief ihm auch noch ein Eigentor (40.) zum 0:2-Pausenstand.

Zur Halbzeit war das Match, "El Clásico" genannt, damit eigentlich schon entschieden, auch wenn Argentiniens Trainer Alfio Basile vor 42.000 Zuschauern im restlos überfüllten Stadion noch einmal seine Mannschaft mit einer offensiveren Ausrichtung aufs Feld zurückschickte. Doch die wieder einmal defensiv hervorragend organisierte "Seleção" war an diesem Tag nicht zu überwinden. "Die haben einfach dichtgemacht", klagte Carlos Tevez, einer der wenigen "Gauchos", der sich nach der Schlappe den Journalisten stellte. Und Juan Román Riquelme, dem angeblich Anfragen der Bundesligisten aus Schalke und Wolfsburg vorliegen, ärgerte sich: "Hätten wir bei meinem Pfostenschuss nach dem 0:1 mehr Glück gehabt, hätten wir die Partie vielleicht noch einmal drehen können."

Hätte, wäre, vielleicht - wieder einmal musste Argentinien nach einer bitteren Niederlage die Flucht in den Konjunktiv suchen, statt jubelnd die Heimreise anzutreten. Das 3:0 durch Dani Alves (69.) gegen in der Abwehr nun völlig offene Argentinier war der Schlussstrich für eine nun ausgediente Generation. Vor der bevorstehenden südamerikanischen WM-Qualifikation, die im Oktober beginnt, wird es wohl eine große Rücktrittswelle geben.

Ganz anders das Bild bei den jubelnden Copa-Siegern vom Zuckerhut. Trainer Carlos Dunga nahm sich die Zeit, um gleich die ganze Welt etwas zu verbessern: "Ich widme diesen Titel den Kindern von Afrika, Palästina, Israel und Brasilien. Sie haben eine reine Seele und brauchen diese Freude." Dafür gab es Applaus auf der Pressekonferenz. Ansonsten findet der eher defensive Stil des Kapitäns der Weltmeistermannschaft von 1994 in der Heimat bislang wenig Gegenliebe. Der Erfolg nimmt den Dunga-Kritikern nun allerdings erst einmal den Wind aus den Segeln.

Robinho, als bester Spieler und Torschützenkönig des Turniers ausgezeichnet, gewann das Duell der Jungstars gegen Lionel Messi, ohne dabei zu glänzen. Der Argentinier wirkte wie ein Fremdkörper im Spiel der eigenen Mannschaft, Robinho wie ein fleißiger Arbeiter in Dungas Kollektiv. Der Stürmer von Real Madrid traf mit seiner Einschätzung den Nagel auf den Kopf: "Einfachheit, Bescheidenheit und Fußball mit viel Sachlichkeit, das sind die Geheimnisse dieser Seleção. Wir haben nicht für das große Spektakel gesorgt. Das wissen wir selber. Dennoch haben wir den Titel geholt."

Und Diego? Bremens Spielmacher war während des gesamten Turniers irgendwie zur falschen Zeit am falschen Ort: Bei der Siegerehrung musste sich der Mittelfeldspieler schon mit aller Macht einen Platz auf dem Siegerfoto erkämpfen, die Mannschaft hatte sich schon ohne ihn zum Gruppenbild zurechtgestellt. Trotzdem fand Diego, im Endspiel in der Nachspielzeit eingewechselt, noch ein Plätzchen ganz nahe am Siegerpokal. Es wird die einzig positive Erinnerung bleiben, die der als Ronaldinho-Vertreter gestartete und als Ergänzungsspieler abgereiste Werder-Spieler an die Tage in Venezuela behalten wird.