Brasiliens Sieg Weltmeister der Lässigkeit
Dortmund Vielleicht hatten die brasilianischen Stürmer Ronaldo und Adriano ja vor dem Spiel gewettet. Es sah jedenfalls ganz danach aus, als lieferten sich die beiden Torjäger einen bizarren Wettstreit darüber, wer es mit weniger Laufeinsatz schafft, ein Tor zu erzielen. Getroffen haben sie beide, aber es dürfte schwer zu bestimmen sein, welcher der beiden Superstars sich nun tatsächlich weniger bewegt hat. Ronaldo, der Stürmer mit der Nummer neun auf dem Rücken und einigen Kilos zu viel um die Hüften, sprach später von "harter Arbeit".
Doch wohl selten hat ein Spiel uralte Klischees des Weltfußballs derart bedient. Wer immer noch von leichtsinnigen und unorganisierten Afrikanern spricht und die Lässigkeit der Brasilianer beschreibt, durfte sich nach der Partie der Südamerikaner gegen Ghana vollends in seinem Weltbild bestätigt fühlen. Leicht und locker deklassierte die brasilianische Weltauswahl den Gegner 3:0 (2:0). Das Team von Trainer Carlos Alberto Parreira war dabei offenbar so sehr von der eigenen Stärke überzeugt, dass es nur den geringst möglichen Aufwand betrieb, um die Partie zu gewinnen. "Es war ein sehr schwieriges Spiel", erklärte Parreira hinterher, "das Resultat drückt nicht aus, wie schwierig es war."
Vor dem Spiel hatten sich die Ghanaer martialisch gegeben und einen harten Kampf in Aussicht gestellt. "Wir sind bereit, für das Land zu sterben", war die düstere Ankündigung von Kapitän Stephan Appiah. In den ersten 20 Minuten der Begegnung war von bedingungslosem Einsatz der Afrikaner jedoch wenig zu sehen, die Brasilianer konnten gegen verunsicherte "Black Stars" nach Herzenslust kombinieren.
"Hinten drin stehen und verteidigen ist nicht unser Ding, wir spielen immer nach vorn", hatte Ghanas serbischer Trainer Ratomir Dujkovic vor dem Spiel lakonisch angemerkt. Doch was er in den ersten Minuten der Partie beobachten musste, ist mit fröhlichem Offensivspiel nur sehr unzureichend beschrieben.
Das Abwehrverhalten seiner Mannschaft war geradezu haarsträubend naiv, immer wieder ließ sich die weit aufgerückte Viererkette von keineswegs immer besonders originellen Pässen in die Tiefe überraschen. Verlass war bei den Ghanaern in der ersten Halbzeit lediglich darauf, dass irgendjemand aus der eigenen Hintermannschaft die leichtsinnig gestellte Abseitsfalle aushebeln und den Brasilianer freien Zugang zum Tor gewähren würde - folgerichtig fiel das erste Tor schon in der fünften Minute.
Ronaldo lief nach schönem Zuspiel von Kaká unbedrängt auf Torwart Richard Kingson zu und hatte keine Mühe, den Ball ins Tor zu schieben. Nach der frühen Führung stellte fast das komplette brasilianische Team jegliches Engagement ein.
Es lag nur am Minimalismus der Brasilianer, dass Ghanas Auswahl Mut fasste und zu einigen Torchancen kam, häufig eingeleitet vom starken Mittelfeldspieler Appiah, der bei Fenerbahce Istanbul unter Vertrag steht. Doch die Afrikaner nutzten ihre Möglichkeiten nicht, was Adriano Ende der ersten Halbzeit bestrafte. Er erzielte das zweite Tor für seine Mannschaft- allerdings aus stark abseitsverdächtiger Position.
In der zweiten Hälfte hatte die Partie den Unterhaltungswert einer Trainingseinheit, so lustlos spulten die Brasilianer ihr Programm ab. Nicht einmal der dritte Treffer, erzielt von Zé Roberto, konnte dem Spiel neuen Schwung geben.
Die Ghanaer müssen nach der Niederlage als letztes afrikanisches Team den Heimweg antreten. Der Einzug ins Achtelfinale war für die Afrikaner bei ihrer ersten Weltmeisterschaftsteilnahme dennoch ein großer Erfolg, der auf dem gesamten Kontinent gefeiert wurde. "Ich bin stolz auf meine Mannschaft", sagte Trainer Dujkovic nach der Partie. "Es ist keine Schande, gegen Brasilien auszuscheiden." Keeper Kingson sprach von einer "erfolgreichen Expedition".
Für Brasilien geht die Mission Titelverteidigung dagegen weiter. Kapitän Cafú bestritt bereits seinen 19. Einsatz bei einer WM, er übertraf damit die bisherige Bestmarke der ehemaligen Nationalspieler Claudio Taffarel und Carlos Dunga (jeweils 18). Cafú ist bisher insgesamt 141 Mal im gelben Trikot der Brasilianer aufgelaufen, auch dies ein Rekord. Die Seleção trifft am Samstag in Frankfurt (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf Frankreich.
Das Viertelfinale dürfte der erste echte Prüfstein für das Parreira-Team werden. Dass die Brasilianer bei dieser WM bisher in keinem Spiel vollends überzeugen oder gar begeistern konnten, hat vermutlich eine ganz simple Ursache: Bisher wurden sie einfach noch nicht richtig gefordert.
Brasilien - Ghana 3:0 (2:0)
1:0 Ronaldo (5.)
2:0 Adriano (45.)
3:0 Zé Roberto (84.)
Brasilien: Dida - Cafú, Lucio, Juan, Roberto Carlos - Kaká (83. Ricardinho), Emerson (46. Gilberto Silva), Zé Roberto, Ronaldinho - Ronaldo, Adriano (61. Juninho).
Ghana: Pantsil, Mensah, Shilla, Pappoe - Eric Addo (60. Boateng), Appiah, Muntari, Draman - Amoah (70. Tachie-Mensah), Gyan.
Schiedsrichter: Michel (Slowakei)
Zuschauer: 65.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Adriano, Juan / Appiah, Muntari, Paintsil, Eric Addo
Gelb-Rote Karte: Gyan (81./Unsportlichkeit)