Buchrezension: Faszination Fankurve - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Fotostrecke: Beeindruckende Banner, kolossale Choreografien

Foto: Faszination Fankurve 4

Buchrezension Faszination Fankurve

Einige Vorfälle rund um die Fußballszene haben zuletzt für Aufregung gesorgt. Der vierte Band der Reihe "Faszination Fankurve" zeigt, dass es Fans aber um weit mehr als Randale geht. Die reich bebilderte Chronik reflektiert nüchtern die vergangenen zwei Spielzeiten aus der Sicht der Fans.
Von Jan Reschke
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

2. Juni, Berliner Pokal: Nach der Partie zwischen dem BFC Dynamo und Berlin Ankaraspor kommt es zu Ausschreitungen. Etwa 80 bis 100 BFC-Fans randalieren im Stadion-Innenraum des Jahn-Sportparks. Es gibt fünf Festnahmen, 15 Anzeigen werden gestellt.

19. September, vierter Bundesliga-Spieltag: zahlreiche Verletzte und Ausschreitungen beim Derby zwischen dem FC St. Pauli und dem Hamburger SV mit rund 50 Festnahmen.

25. September, sechster Bundesliga-Spieltag: Nachdem Polizisten Fans des HSV nach der Partie gegen Bremen daran hindern, das Stadion zu verlassen, bricht Panik aus. 17 Beamte und sieben HSV-Fans werden verletzt, ein Hamburger Anhänger liegt nach wie vor im Krankenhaus und schwebt in Lebensgefahr.

Meldungen, wie sie in jeder Saison im Zusammenhang mit Fußballspielen zu lesen sind. Wer schuld hat, was der Auslöser war, ist oft nicht abschließend zu klären. In einer undurchsichtigen Gemengelage zwischen Vorwürfen seitens der Fans und Rechtfertigungen für die Angemessenheit seitens der Polizei verengt sich die Wahrnehmung: Fans werden pauschal zu Gewalttätern. Polizisten zu hitzigen Schlägern, die ihre Amtsmacht missbrauchen. Die Wahrheit liegt wohl meist irgendwo in der Mitte.

Was bei dieser Diskussion zu wenig Beachtung findet, ist der Umstand, dass die Fans und insbesondere die Ultra-Gruppierungen den Fußball in der Bundesliga und in Europa überhaupt erst zu dem Erlebnis machen, was er heute ist. Mit Gesängen, Choreografien, Fahnen, Bannern. Meist friedlich. Für die Kurven der Ligen sind die Fans das Lebenselixier.

Vorkommnisse seit 2008 angenehm nüchtern aufbereitet

Dokumentiert wird dies seit Jahren von der Redaktion "Stadionwelt". Nun ist der vierte Band der Buchreihe "Faszination Fankurve" erschienen. Einer Chronik aus Sicht der Fans zu den Spielzeiten 2008/2009 und 2009/2010. Das Werk rekapituliert Monat für Monat die Geschehnisse rund um die Fanszene im deutschsprachigen Raum. Geschmückt wird das Ganze mit vielen großformatigen Bildern, auf denen die schönsten Choreografien und Stadionbilder gezeigt werden.

Redakteur Christopher Pauer hat alle Vorkommnisse angenehm nüchtern aufbereitet und verzichtet auf tendenziöse Berichte. Sachlich und in übersichtlichen Textblöcken reiht er alle für Fans relevanten Ereignisse aneinander. Das Bild, das sich daraus ergibt, ist aussagekräftig genug. Denn er dokumentiert sowohl übertriebene Härte seitens von Polizisten und Ordnern als auch fragwürdige Aktionen von Fans.

Beispielsweise attackierten Ordner von Honved Budapest im Juli 2008 Fans von Sturm Graz während eines UI-Cup-Spiels mehrere Male, woraufhin der Verein im Anschluss darüber nachdachte, künftig bei brisanten Auswärtspartien einen eigenen Security-Dienst zum Schutz einzusetzen. Im Folgemonat werden die dramatischen Ereignisse rund um den deutschen Keeper Georg Koch aufgegriffen, der nach einem aus dem Fanblock von Austria Wien geworfenen Knallkörper seine Karriere beenden musste. Durch die Explosion in der Nähe seines Ohres erlitt er ein Gehörtrauma und hat seitdem Gleichgewichtsstörungen.

Mehr als 700 Fotos, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum

Die elf mit Holzkreuzen versehenen Gräber, die Unbekannte auf dem Trainingsgelände von Dynamo Dresden im November 2008 ausgehoben hatten, finden ebenso Erwähnung wie die Stürmung der FC-St.-Pauli-Fankneipe Jolly Roger im Juli 2009 durch Polizisten mit dem Einsatz von Reizgas, wobei etliche Gäste verletzt wurden und mit ausgeschlagenen Zähnen zurückblieben.

Auch vergleichsweise amüsante Geschichten finden Berücksichtigung: Beispielsweise als im Februar 2009 die Homepage des FC Schalke 04 von Unbekannten gehackt und die sofortige Entlassung von Stürmer Kevin Kuranyi verkündet wurde.

Alle wichtigen Fanaktionen und -bündnisse werden auf den insgesamt 189 Seiten dokumentiert. Egal, ob es um das Abbrennen von Pyrotechnik, veränderte Anstoßzeiten oder Stadionverbote geht. Unkommentiert. Emotionslos. Sachlich. Mehr als 700 Fotos, vor allem aus dem deutschsprachigen Raum, aber auch vom Rest der Welt bebildern eindrucksvoll das Geschehen rund um den Fußball.

Das Buch ist in zweierlei Hinsicht sein Geld wert. Die ausgewählten Fotos sind beeindruckend und zeigen, dass die Fanszene bei ihren Choreografien und Bannern kreativ wie selten zuvor ist. Die Stadionatmosphäre wird gut eingefangen. Auch inhaltlich überzeugt das Buch. Die Chronik verschafft durch die Fanperspektive einen interessanten Einblick in die alltäglichen Probleme der Anhänger - ohne dabei aufdringlich für eigene Anliegen zu werben. Dem Leser werden keine Meinungen aufgezwungen, er kann sie sich selbst bilden.