Bundesliga: "Das ist wie ein Albtraum" - DER SPIEGEL
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Bundesliga "Das ist wie ein Albtraum"

Durch eine 0:2-Niederlage bei der Spielvereinigung Unterhaching hat Bayer Leverkusen am letzten Bundesligaspieltag den bereits sicher geglaubten Meistertitel verspielt. Danach flossen Tränen.
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Unterhaching/Leverkusen - Als die Mannschaft von Bayer 04 Leverkusen mit einem Charterflug den Heimweg antrat, saß der Tross depressiv in den Sitzen. "Es ist doch keiner gestorben, es wurde nur ein Spiel verloren", sagte Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser, doch sein Versuch, die Niedergeschlagenen aufzurichten, löste keinerlei Reaktionen aus. Das Trauma, das der brutale Sturz aus der wochenlangen Euphorie ins fußballerische Desaster ausgelöst hatte, saß tief. "Das ist wie ein Albtraum", sagte Nationalspieler Carsten Ramelow, als etliche seiner Kollegen nach dem 0:2 (0:1) beim FC-Bayern-Helfer SpVgg Unterhaching inmitten des bayerischen Jubels ihren Tränen freien Lauf ließen.

"Bei uns ist eine Stimmung wie auf dem Zentralfriedhof von Chicago", berichtete Trainer Christoph Daum vom Geschehen in der Kabine: "Es herrscht Totenstille. Da läuft gar nichts mehr. Wir sind sehr, sehr traurig." Zu diesem Zeitpunkt war der 46-Jährige wieder gefasst. Zuvor war auch aus ihm die extreme Anspannung herausgebrochen. "Ich habe mit meinem Sohn Marcel geweint", sagte Daum. Auch der hart gesottene Ulf Kirsten, dem im zehnten Profijahr für Bayer 04 klar wurde, dass er wahrscheinlich niemals einen deutschen Meistertitel holen wird, weinte. Und vor allem Michael Ballack, dessen Eigentor in der 20. Minute das zuvor absolut ausgeschlossene Drama einleitete, war untröstlich.

"Er ist der unglücklichste Mensch in ganz Deutschland. Das hat ihm unheimlich weh getan", erklärte Manager Holzhäuser, und auch Unterhachings Trainer Lorenz Köstner zeigte Mitgefühl für den Pechvogel mit der Trikotnummer 13: "So etwas zerreißt einem die Seele, wenn der junge Nationalspieler das Selbsttor macht. Ich konnte mich über das Tor nicht freuen." Als Markus Oberleitner, ein früherer Bayern-Spieler, im Hachinger Sportpark in der 72. Minute das 0:2 erzielte, brach das Bayer-Team förmlich auseinander.

"Wir haben es verschenkt. Die Nervenbelastung war einfach zu groß. Die Spieler konnten ihre normale Leistung nicht abrufen", gab Reiner Calmund zu. Der schwergewichtige Bayer-Macher hatte wenige Stunden vor dem Spiel einen bedrohlichen Ruhepuls von fast 200 und musste Medikamente gegen die Kreislauf-Probleme nehmen.

Nach dem Anpfiff erlebten er, die anderen Bayer-Verantwortlichen, rund 2000 mitgereiste Fans und die 15.000 Bayer-Anhänger, die das Spiel auf einer Großleinwand in der heimischen BayArena in Leverkusen mitverfolgten, dass die Spielstärke des zuvor in 14 Partien ungeschlagenen Vizemeisters plötzlich wie fortgeblasen war. Eine allgemeine Verunsicherung machte sich bei den Rheinländern breit. "Wir haben schlecht gespielt und viele Chancen vergeben", sagte der Brasilianer Emerson, der noch einmal seinen Wechsel zum AS Rom bestätigte, wo er nach Darstellung des ehemaligen Fußball-Abteilungsleiter bei Bayer, Kurt Vossen, in fünf Jahren umgerechnet 100 Millionen Mark verdienen wird.

"Bayer wird nie etwas gewinnen", prophezeite Emerson seinen Kollegen voller Enttäuschung. Der zukünftige Herthaner Stefan Beinlich meinte nach dem letzten Bayer-Einsatz: "Der Schock sitzt sehr tief. Es war vielleicht die erste und letzte Chance, deutscher Meister zu werden." Mit dem Abgang der beiden Mittelfeldspieler bricht das Team, das während der Spielzeit phasenweise sehr attraktiven Offensivfußball bot, auseinander.

Selbst vom FC Bayern kam Lob für das Bayer-Team und Daum. "Heute tut er mir leid. Da ist keine Schadenfreude dabei. In dieser Saison hätte er es verdient gehabt", sagte FC-Bayern-Manager Uli Hoeneß. Daum wies die Anerkennung zurück. Sie sei nicht "ehrlich gemeint", sagte der Trainer: "Ich empfinde das als Show." Am Sonntag beim Empfang durch die Stadt Leverkusen, machte Bayer-Manager Reiner Calmund dann allen Gerüchten ein Ende, Daum werde seinen bis 2001 laufenden Vertrag vorzeitig beenden und möglicherweise zu Borussia Dortmund wechseln: "Eine Freigabe wird definitiv nicht erteilt, Christoph muss seinen Vertrag bei Bayer erfüllen, basta." Daum selbst distanzierte sich ebenfalls von allen Spekulationen: "Ich erfülle meinen Vertrag in Leverkusen."