Krise vom Punkt: Die Fehlschüsse der Bundesliga-Clubs
Schwarze Strafstoß-Serie Scheitern aus elf Metern
André Schürrle verstand die Welt nicht mehr. Der Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen starrte sekundenlang ins Leere. Doch eine Erklärung für seinen Fehlschuss fand er nicht. Schürrle hatte beim 1:1 (1:1)-Unentschieden gegen Borussia Mönchengladbach den Sieg für Bayer verschenkt. Der 21-Jährige schoss in der 70. Minute einen Handelfmeter an den Pfosten.
"Ich war fokussiert, hatte meine Ecke und war mir sehr, sehr sicher. Es ist schade, denn mit einem 2:1 wäre das Spiel gelaufen gewesen." Schürrle wurde damit zur tragischen Figur des Spiels: "Es tut mir leid für die Fans und die Mannschaft".
Doch der Bayer-Profi ist mit seiner Nervenschwäche nicht allein. Er setzte damit am Sonntag die Reihe der deutschen Fehlschüsse unter der Woche nahtlos fort. Schürrles vergebener Elfmeter war bereits der fünfte in den vergangenen sechs Tagen.
In der Champions League scheiterte BVB-Abwehrspieler Mats Hummels am Dienstag mit seinem Elfmeter an Ajax-Torwart Kenneth Vermeer. Schalkes Elfmeterschütze Klaas-Jan Huntelaar setzte gegen Olympiakos Piräus den Ball ebenso an den Pfosten wie Schürrle. Bayern-Stürmer Mario Mandzukic verschoss in der Partie gegen den FC Valencia.
Für alle drei deutschen Champions League-Teilnehmer rächten sich die vergebenen Chancen nicht. Am Ende waren alle mit Siegen in die "Königsklasse" gestartet. Schlimmer erwischte es dagegen Oscar Wendt, der in der Europa League für Borussia Mönchengladbach gegen AEL Limassol in der achten Minute der Nachspielzeit den Elfmeter an die Latte setzte und so den Sieg verschenkte.
Trend oder Zufall?
Im Duell zwischen Schützen und Torhütern steht es in der noch jungen Bundesliga-Saison 5:3. Rechnet man die vier verschossenen Elfmeter aus dem Europapokal dazu, landeten von zwölf Elfmetern nur fünf im Tor. Zum Vergleich: In der vergangenen Bundesliga Saison wurden von 76 Strafstößen lediglich zehn verschossen.
Lange Zeit galt Elfmeterschießen als eine deutsche Spezialität, vor allem der Nationalmannschaft. Immer wieder verzweifelten die Gegner auf internationaler Ebene an der schier grenzenlosen Nervenstärke deutscher Profis. Für das DFB-Team setzte es im Elfmeterschießen nur im Endspiel der Europameisterschaft 1976 gegen die damalige Tschechoslowakei eine Niederlage.
Ein weiterer Tiefpunkt aus deutscher Sicht war das Champions-League-Finale im Mai, als Bayern München dem FC Chelsea vom Punkt unterlag. Der deutsche Nationalspieler Bastian Schweinsteiger hatte den entscheidenden Strafstoß verschossen. "Wow! Die Deutschen verlieren ein Elfmeterschießen!", titelte darauf die englische Boulevardzeitung "Sun".
Dabei ist es doch so einfach. Denn wird der Ball platziert geschossen, also in die Ecken links oder rechts oben, ist der Keeper rechnerisch chancenlos. Der Ball braucht bis zum Tor nur etwa eine halbe Sekunde. Die Reaktionszeit eines geübten Torwarts beträgt jedoch mindestens eine Viertelsekunde. Die verbleibende Zeit ist auch für den besten Keeper oft zu kurz, berechneten Mathematiker.
Auch Gladbachs-Torwart Marc-André ter Stegen hätte bei Schürrles Schuss wohl keine Chance gehabt. Wäre da nicht der Pfosten gewesen.