Bundesliga-Glosse: Rettet Röber! - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Bundesliga-Glosse Rettet Röber!

Nach der 0:4-Pleite beim HSV und dem Abrutschen ins Bundesliga-Niemandsland wird wieder einmal über den drohenden Rauswurf von Hertha-Trainer Jürgen Röber spekuliert. Es gibt jedoch Gründe, den Berliner Coach nicht zu entlassen.
Von Clemens Gerlach
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dreizehn Punkte Rückstand auf die Spitze sind für einen Club mit Meisterschaftsambitionen wie Hertha BSC eine echte Katastrophe. Ein Kündigungsgrund ist es aber noch lange nicht. Zum einen stehen noch 25 Spieltage auf dem Programm. Zum anderen ist das, was nach Röber kommen würde, auch nicht gerade Vertrauen einflößend.

Der kürzlich vom Hertha-Bezwinger Hamburger SV beurlaubte Frank "Balu" Pagelsdorf ist als Nachfolger des Asketen Röber ("Ich bin ein Kämpfertyp und stehe immer unter Feuer") im Gespräch. Der Möchtergern-Fußball-Hauptstadt würde dieser gewichtige Trainertausch, der vor Kurt Jaras Wechsel von Österreich nach Hamburg auch schon einmal in umgekehrter Richtung angedacht worden war, nicht gut bekommen. Künftig Gummibärchen statt Gymnastik? Futtern statt Fitness? Für die Volksgesundheit wäre diese Übungsleiter-Rochade das falsche Signal.

Nur vier ostdeutsche Bundesligatrainer

Jürgen Röber hatte eine schwere Kindheit. Der passionierte Golfspieler wurde Weihnachten 1953 in Gernrode geboren - als Sohn einer Bergarbeiterfamilie. Erst drei Jahre später konnten die Röbers den zur damaligen DDR gehörenden Ostteil des Harzes Richtung Westen verlassen und ließen sich in der Nähe von Recklinghausen nieder.

Mit Eduard Geyer in Cottbus, Gladbachs Hans Meyer, BVB-Coach Matthias Sammer und Jürgen Röber sind nur vier Ostdeutsche in der höchsten deutschen Fußballklasse als Cheftrainer beschäftigt. Eine weitere Reduzierung dieser eh schon geringen Quote ist aus Gründen der nationalen Gerechtigkeit unverantwortlich und wäre ein weiterer Schlag in das Gesicht der vor zwölf Jahren neu hinzugekommenen Bundesbürger. Das Hertha-Präsidium sollte sich der Tragweite seiner Verantwortung für die Menschen in der ehemaligen SBZ bewusst sein.

Die Hertha-Fans sind sauer

Viele Berliner Fans können ihrem Lieblingsclub derzeit nur sehr eingeschränkt huldigen. Sie sind sauer und böse. Im Stadion schreien sie sich ihren Frust von der Seele ("Röber raus!"). Manche Hertha-Anhänger können aber auch schreiben. Einige technisch versierte und neuen Medien aufgeschlossene Fans sind regelmäßig im "Treffpunkt" der offiziellen Vereinshomepage aktiv.

So forderte ein User namens "kulian" am Tag nach der Schmach von Hamburg: "J.R. muss weg ... sonst können wir nächste Saison bei Heimspielen nicht mal mehr Gegner sehen, die Fussball spielen können ... oder hat hier irgendwer Lust auf Zweitliga-Gewürge?" So weit ist die Hertha-Kundschaft also schon, dass der sympathische und weitgereiste Jürgen Röber, der schon völkerverständigend in England und Kanada kickte, mit dem "Dallas"-Fiesling in einen Topf geworfen wird.

Hoeneß und Röber die bösen Buben?

Noch fundierter analysiert der "Professor" die fußballerischen Missstände in der Hauptstadt. Neben Röber hat der Online-Akademiker auch Manager Dieter Hoeneß im Visier. "Der Verein ist jetzt wieder hoch verschuldet. Meine Sorge ist, dass Herr Röber und Herr Hoeneß den Verein verlassen, wenn bereits alles zu spät ist", schreibt der "Professor" und vermutet: "Hoeneß wird dann in seinen Zwei-Tonnen-Mercedes einsteigen, wohlwissend, dass die Millionen, die er für sein eigenes Konto abgezapft hat, ihm keiner nehmen kann. Auch Röber ist bei Hertha ein reicher Mann geworden." Harte Worte, weiche Birne? Das ist auf die Schnelle nicht zu klären.

Wichtiger scheint zu sein, das Aggressionspotenzial der Berliner Fans nicht zu unterschätzen. Röber zu feuern, hieße Hoeneß allein auf weiter Flur stehen zu lassen und den Ärger der Anhänger auf den kleinen Bruder des Bayern-Machers Uli Hoeneß zu konzentrieren. Das jedoch kann die Hertha-Führung nicht wollen. Darum muss Röber aus Gründen der ausgleichenden Ungerechtigkeit bleiben.