Bundesliga-Kommentar: Bayern fehlt ein Effenberg - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Bundesliga-Kommentar Bayern fehlt ein Effenberg

Der FC Bayern steckt tief in der Krise. Die Mannschaft wird die Saison wohl ohne einen einzigen Titel beschließen. Die sportliche Führung verweigert sich jedoch der Analyse und verkündet frohgemut: „Nächstes Jahr greifen wir an wie noch nie!“ Wenn das so einfach wäre.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ottmar Hitzfeld beherrscht die einschlägigen Floskeln des Fußballgeschäfts. So klang es beinahe glaubwürdig, als der Bayern-Trainer nach dem deprimierenden Unentschieden bei Hertha BSC Berlin keinesfalls im Kampf um die Meisterschaft resignieren wollte und stattdessen tapfer verkündete: "Vielleicht verliert Bremen ja in Wolfsburg und wir haben einen Punkt gut gemacht." Ein ausgeklügelter Plan, dumm nur, dass Bremen sich nicht an die bayerische Vorgabe hielt, sondern souverän in Wolfsburg siegte und nun elf Punkte Vorsprung hat. Der FC Bayern München hingegen steht neun Spieltage vor Saisonende vor den Trümmern seiner Personalpolitik.

Lange haben sich die Verantwortlichen des FC Bayern um diese Erkenntnis herumgedrückt. Nach dem Aus im DFB-Pokal bei Alemannia Aachen hatten die Cluboberen zwar auf die Spieler eingedroschen, gleichwohl wurde die Schlappe beim Zweitligisten als Betriebsunfall abgehakt. Und nach der Niederlage bei Real Madrid in der Champions League hielt Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge eine derart optimistische Bankettrede, dass sich begleitende Journalisten indigniert fragten, ob sie wohl zuvor ein anderes Spiel gesehen hatten. Eines nämlich, in dem der FC Bayern nur deshalb nicht mehr Tore kassiert hatte, weil auch Gegner Real weit unter Normalform spielte.

Nun aber ist auch via Bundesligatabelle ausgewiesen, dass der FC Bayern derzeit keine Mannschaft besitzt, die Titel holen kann. Am Ende werden sich die Münchner glücklich schätzen, wenn sie das absolute Minimalziel, die direkte Qualifikation zur Champions League, erreichen. Für einen Verein, dessen Hymne noch immer das Credo "Forever Number One" ist, eine ziemlich schaurige Bilanz. Doch von Einsicht in die eigene Schwäche ist zumindest im Management wenig zu spüren. "Nächstes Jahr werden wir angreifen wie noch nie", hat Uli Hoeneß gestern versichert, ganz so, als sei die Schwäche der Bayern durch ein, zwei Spielerzukäufe zu beheben.

Die Krise der Bayern ist jedoch struktureller Natur und entscheidende Fehler wurden nicht erst in dieser Saison gemacht. Stattdessen erweist sich mehr und mehr der Mailänder Champions-League-Triumph von 2001 als Ausgangspunkt einer chronischen Krise. Der dringend notwendige Umbau der Mannschaft wurde nicht konsequent umgesetzt, hierarchische Leerstellen wie die von Stefan Effenberg wurden nicht angemessen besetzt; bei Neuverpflichtungen wurde zwar auf spielerische Qualität, nicht aber auf die Persönlichkeiten der Spieler geachtet.

Mit der Folge, dass sich der FC Bayern im März 2004 als Mannschaft ohne Führungsfiguren, ohne belastbare Hierarchie präsentiert. Teure Einkäufe wie Sebastian Deisler, Michael Ballack oder Roy Makaay, die die Mannschaft zu Titeln und Meisterschaften führen sollten, entpuppen sich als Spieler, denen nichts ferner liegt als in der Mannschaftskabine das große Wort zu führen. Woraus den Spielern kein Vorwurf zu stricken ist, nur hätte das die Bayern-Führung problemlos schon vorher in Erfahrung bringen können.

Sebastian Deisler etwa hatte schon bei Hertha BSC ostentativ den scheuen Sonderling gegeben, Roy Makaay galt bereits bei seinem ehemaligen Verein Deportivo La Coruna als bodenständiger Anti-Star und Michael Ballack hatte zwar in Leverkusen sein Image als zimperlicher Schönling abgestreift, zum machtbewussten Alphatier war er aber auch bei Bayer nicht geworden.

Hitzfeld und Hoeneß haben diese Einwände ignoriert, herausgekommen ist eine Mannschaft aus Grüppchen und Einzelgängern. Vergeblich haben Manager und Trainer darauf gehofft, dass sich aus dem Sammelsurium hervorragender Einzelkönner "ein verschworener Haufen" (Hitzfeld) bilden würde, wie die Mannschaft von 2001.

Wie schlecht es stattdessen um die innere Verfassung des FC Bayern bestellt ist, zeigt der Umgang mit dem Spieler, der für sich in Anspruch nehmen würde, ein Führungsspieler zu sein und alles für die Mannschaft zu tun. Keeper Oliver Kahn, dessen egozentrische Inszenierung längst auch vielen Mannschaftskameraden auf den Wecker geht, durfte nicht nur im Hinspiel nahezu unkritisiert einen Freistoß unter dem Wams durchrutschen lassen, sondern auch noch hinterher ungerührt verkünden, dann müsse er "das Spiel in Madrid eben alleine gewinnen". Ein Satz, der viel über Kahns Achtung für seine Mitspieler verrät, die er immerhin zuvor gerade um den Lohn ihres wohl besten Saisonspiels gebracht hatte. Auf Kommentare aus der Mannschaft warteten Beobachter vergeblich.

Soll nun die Ankündigung des Managers von der Attacke im nächsten Jahr Wirklichkeit werden, so braucht die Mannschaft nicht nur neue Spieler, sondern auch eine neue Struktur. Sie braucht einen machtbewussten Führungsspieler im Mittelfeld und eine starke Kernmannschaft, die die Egoismen einzelner Kicker im Zaum hält. Nicht ausgeschlossen, dass diese neue Elite aus den Reihen derer kommt, die derzeit im Team noch eine Nebenrolle spielen, der junge Bastian Schweinsteiger ist ein Kandidat.

Michael Ballack hingegen wird die Mannschaft nicht regieren können. Kein Führungsspieler, der von seiner Mannschaft ernst genommen werden will, stellt sich nach drei kritischen Zeitungsartikeln mit betrübter Miene vor die Kameras und gibt zerknautscht zu Protokoll, die Kritik habe ihn nicht unbeeindruckt gelassen. Ballack wollte am Wochenende nicht darauf verzichten. Nur eine hypothetische Frage: Was hätte wohl Stefan Effenberg an seiner Stelle getan?

Mehr lesen über