Bundesliga-Kommentar Bayern oder Schalke?
Der Kampf um die Meisterschaft hat sich auf zwei Teams reduziert. Wahrscheinlich zumindest. Das ist schade, weil die Mannschaft, die die Meisterschaft am meisten verdient hätte, zweifelsohne erneut Werder Bremen ist. Die Bremer wirtschaften bescheiden, sie sind keine Angeber, jammern nicht, obwohl die Konkurrenz ihnen die Spieler klaut, und sie spielen den konstantesten Offensiv-Fußball. Ganz und gar neutral betrachtet bleibt nun also noch die Wahl zwischen den kleineren Übeln. Schalke oder Bayern. Für wen soll man sich entscheiden, wenn man den Meisterschaftskampf so richtig emotional miterleben möchte? Hier ein paar Positionen vor dem direkten Duell zwischen den Kandidaten am kommenden Sonntag (17.30 Uhr, Liveticker bei SPIEGEL ONLINE) in der Arena "AufSchalke".
Die Abwehr: Fangen wir dort an, wo man nach amerikanischem Glauben Championships gewinnt: in der Defensive. Es ist ein seltsamer Zufall, dass sowohl Schalke als auch die Bayern mit einem balkan-brasilianischen Innenverteidigerpaar zum Meisterschaftsrennen antreten. Lucio/Kovac gegen Bordon/Krstajic, großartige Kombinationen, schwer zu sagen, wem man die Schale eher gönnen soll. Vielleicht denjenigen Defensivkönnern, die irgendwann das wichtigere Tor schießen.
Die Clubführung: Rudi Assauer oder Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge? Die Bayern spielen ja immer die Gutmenschen, der Moralist würde demnach zu den Bayern halten, während Assauer wegen seiner klaren Worte vom Proletarier bevorzugt werden dürfte. "Wenn der Schnee schmilzt, sehen wir die Kacke", hat er hübsch zum Schiri-Skandal gesagt. Dasselbe trifft aber auch auf seine riskante Finanzpolitik zu. Mit der Meisterschale, Spitzname "hässlichste Salatschüssel", in der Hand, sähen sie alle nicht besonders gut aus, diese selbstherrlichen Managertypen. Da Hoeneß aber erfahrungsgemäß etwas zurückhaltender ist beim Trophäen-Herumfuchteln, darf man hier eher zu dem Bayern halten.
Womit wir beim moralischen Aspekt wären: Hatten die Bayern bisher zu viel Glück? Nein eher nicht, Schalke aber auch nicht. Beide kaufen der Konkurrenz konsequent die besten Spieler weg, aber spielt die eine oder die andere Mannschaft offensiver, attraktiver? Michael Ballack sagt, "wir stehen dafür, dass wir die Spiele einfach nur gewinnen". Wie zuletzt gegen Bremen. Rühmlich ist das nicht, Schalke bietet etwas mehr Spektakel. "Erst recht, wenn man punktgleich aufeinander trifft, fußballerisch gibt es nichts Schöneres", hat Schalkes Keeper Frank Rost angekündigt.
Die Fans: Man kann der Ansicht sein, sie haben den Titel verdient, diese armen Schalker. Endlich wäre diese Meister-der-Herzen-Nummer beendet. Sie waren ja auch wirklich bemitleidenswert, an jenem Tag im Mai 2001 als der Fußballgott sich von seiner fiesesten Seite zeigte. Doch warum nicht noch mal? Denn diese Fans sind in ihrer Arena arg bequem geworden, bisweilen überkritisch und negativ, vorbei ist es mit der Bescheidenheit, mit der Freude an kleinen Erfolgen. Als Ralf Rangnick vor Weihnachten verkündete, ein Champions-League-Platz reiche ihm, waren sie schwer empört, diese Schalker. Sie wollen ganz, ganz dringend Meister werden, da fehlt die Leichtigkeit. Schalke 04 ist sympathischer als trauriger Verlierer, und deshalb können die Fans der Bayern ruhig noch ein weiteres Mal Meister werden. Die sind zwar auch größenwahnsinnig, haben so einen läppischen Meistertitel aber in ein paar Jahren wieder vergessen.
Der Angriff: Schalke hat Ailton, der macht Ärger und Tore, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass er auch in diesem Jahr zum Meisterzünglein wird. Zumal er mit dem bemerkenswerten Mannschaftsspieler Ebbe Sand sowie mit dem stets aggressiven Gerald Asamoah großartige Nebenleute hat, und mit Mike Hanke auch noch einen vielversprechenden Ersatz. Bei den Bayern fällt Roy Makaay nun aus, und die Peruaner Paulo Guerrero und Claudio Pizarro sind ein bisschen schnöselig und launisch. Vorteil für Schalke.
Das Mittelfeld: Levan Kobiashvili, Lincoln, Christian Poulsen oder Sven Vermant können noch so stark spielen, mit der bayrischen Dominanz können sie nicht ernsthaft konkurrieren. Pech nur für die Bayern, dass in ihrer Mittelfeldraute nur vier Spieler Platz finden, weshalb immer ein paar der Scholls, Schweinsteigers, Deislers, Frings, Hargraves oder Demichelis draußen sitzen müssen.
Das Programm: Die Bayern spielen international, und sie müssen am kommenden Wochenende nach Schalke. "Wenn wir jetzt Arsenal ausschalten, gibt das noch mal einen Extremschub. Es wird eng und schwer. Aber es wäre wahrscheinlich der entscheidende Schritt auf dem Weg zu einer echten Spitzenmannschaft", verkündete Michael Ballack jüngst im "Stern". Sonst ist das Restprogramm relativ ausgeglichen, nur am letzten Spieltag dürfen die Schalker nach Freiburg, während die Bayern in Stuttgart antreten müssen. Es ist der 21. Mai, jener Tag an dem Schalke 1997 mit seinem Uefa-Cup-Titel auferstand. Nach gut 25 Jahren Tristesse. Wenn das kein Omen ist.
Wie auch der historische Faktor: "Die Zeit" hat dieses Jahr zum "Carmen-Thomas-Jahr" erklärt, und Schalker Fans haben die Theorie aufgestellt, dass Thomas' legendärer Sportstudio-Versprecher "Schalke 05" gar kein Versprecher war, sondern ein Moment der Offenbarung. Der Moderatorin habe den nächsten Gewinn des Meistertitels prophezeit. Im 101. Jahr der Clubhistorie. Die Bayern sind 105, können eine solch schöne Theorie aber nicht aufbieten.