Bundesliga-Kommentar Das kölsche Experiment
Es mag in diesen Tagen der Eindruck entstehen, der 1. FC Köln und sein Trainer Ewald Lienen führten eine an sich schon beendete Beziehung, die man gerade noch aus Liebe zu den Kindern oder der Angst vor einer Zukunft in Einsamkeit aufrecht erhält.
Nach der 0:3-Niederlage bei den zuletzt fürchterlich schwachen Rostockern, dem vierten verlorenen Ligaspiel in Serie und der ernüchternden Ankunft auf einem Abstiegsplatz wäre in jedem herkömmlichen Bundesligaverein der Trainer entlassen worden.
Den 1. FC Köln unterscheidet von Clubs wie 1860 München und dem Hamburger SV allerdings, dass man wider alle Gesetzmäßigkeiten des Business am Trainer fest hält. Beim FC arbeite man mit einem Konzept, hat Kölns Sportmanager Hannes Linßen am Samstag in Rostock gesagt und erklärt: "Wir trudeln jetzt und sind erneut untergegangen, aber deswegen ist Lienen trotzdem der richtige Mann."
Kein Mann verfügbar
Interessant ist dieses kölsche Experiment, weil der Verein in den nächsten drei Wochen gegen drei der Top-Five-Clubs der Liga - Bayern München, Schalke und Leverkusen - anzutreten hat. Spiele also, die man nach den Ergebnissen der letzten Wochen nicht gewinnen kann und vor denen in vergleichbaren Situationen nur allzu gerne ein neuer "Motivator" präsentiert worden wäre. Dass dies in Köln nicht geschieht, kann allerdings auch daran liegen, dass ein Mann für schnelle Erfolge und die erfolgreiche Umsetzung langfristiger Konzepte am Markt derzeit einfach nicht verfügbar ist.
Im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg geht in der Stadt von Dom und Karneval die Angst vor dem Abstieg um, die örtliche Presse trägt die Messer längst schon wieder zwischen den Zähnen. Die Mahner erinnern an die persönliche Bilanz des Trainers Lienen, der nach Erfolgen in Duisburg und Rostock nie eine dritte Saison als verantwortlicher Mann hatte erleben dürfen. Mit dem 1. FC Köln hat Lienen schon zwei komplette Spielzeiten hinter sich gebracht.
Soll man denn nichts ändern?
Begleitet wird die bisherige Saison der Kölner von allerlei Vorwürfen. Der populärste ist, der Trainer habe kein taktisches Konzept, was zuvorderst daran liege, dass er die Mannschaft von Woche zu Woche erheblich umstelle. Aber was soll man nach einer 0:4-Heimniederlage gegen Wolfsburg machen? Nichts ändern?
Richtig ist, dass Köln auf dem Spielfeld der Mut zu jener Offensivbereitschaft fehlt, die die Mannschaft im Aufstiegsjahr angeboten hatte. Schon in der vergangenen Saison hatte Lienen diese Spielkultur zu einem, wenngleich erfolgreichen Sicherheitskonzept "Konterfußball" kastriert.
Dass dem Club darüber hinaus ein Goalgetter fehlt, belegen Zahlen: Während der Ball in den letzten vier Spielen zwölf Mal im Tor von Keeper Alex Bade landete, hat Lienens Mannschaft gerade einen Treffer erzielt. Beim 0:3 am Samstag trafen Kölner Kicker dreimal nur das Aluminium.
"Wir arbeiten weiter und wissen genau, was wir zu tun haben", hat Kölns Sportmanager Linßen in Rostock auch gesagt. "Man muss manchmal auch das Quäntchen Glück haben, um ein Tor zu machen. Das haben wir im Moment nicht, das ist alles." Letztendlich zählen eben nur die Resultate. Und an denen wird auch Ewald Lienen gemessen.