Bundesliga-Kommentar: Die ehemaligen Kampfschweine - DER SPIEGEL
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Bundesliga-Kommentar Die ehemaligen Kampfschweine

Die Bayern dominieren derzeit die Fußball-Bundesliga wie in der vergangenen Saison, nachdem sie aus der Champions League ausgeschieden waren. Das wird dem deutschen Rekordmeister wieder passieren. Die wirklich interessante Frage ist aber: Was macht der FC Schalke 04?
Von Peter Unfried
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Gewinn des Uefa-Cups 1997 durch den FC Schalke 04 war ein historischer Sieg. Und ein historischer Zufall. Von heute aus betrachtet roch es damals praktisch noch nach Kohle und Kuzorra. Auf jeden Fall nach Kampfschweinen. Wenn Schalke morgen beim PSV Eindhoven (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in die Champions League einsteigt, ist nichts mehr wie damals. Mit Ausnahme der Aufgeregtheit, wenn es nicht hundertprozentig läuft. Woher kommt die eigentlich?

In der 101-jährigen Geschichte lief es selten so, wie die guten Leute in und um Schalke dachten, dass es müsste. Und jetzt ist S04 etwas rumpelnd in die Saison gestartet. Der Boulevard schlägt heute schon Alarm. Nach zwei Unentschieden nacheinander (gegen Gladbach und in Leverkusen) liegt man vier Punkte hinter den Bayern. Na ja. Andersherum betrachtet hat man trotz des anfänglichen Fehlens von Spielmacher Lincoln (Rotsperre) noch nicht verloren, jedes Mal einen Rückstand aufgeholt und noch zwei der vier Spiele gewonnen. (Vielleicht erinnert sich noch jemand an den Start der vergangenen Saison mit Jupp Heynckes?)

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Aber nun muss man zum niederländischen Meister Eindhoven, und da wird es erstens definitiv ernst und zweitens wechselt Schalke die Rolle. In der Liga ist man der Big Spender, der 15 Millionen Euro investierte, direkten Konkurrenten National- und Schlüsselspieler wie Fabian Ernst und Kevin Kuranyi wegkaufte und auf dem Rasen das Spiel machen muss. In der Champions League ist man ein Niemand, der gegen den Ball spielt und gegen Clubs, "die wir bisher im Fernsehen verfolgt" und die in der absoluten Spitze "sehr viel Geld zur Verfügung haben," wie Trainer Ralf Rangnick, 47, sagt. Bei Real Madrid etwa fanden sich 31 Millionen Euro für den 19-jährigen Innenverteidiger Sergio Ramos. Plus 25 Millionen für Robinho.

Arbeit an etwas Neuem

Gruppengegner Milan war letztes Jahr im Finale und hat zusätzlich Italiens Jungsuperstürmer Alberto Gilardino (aus Parma) und Altsuperstürmer Christian Vieri (von Inter) geholt. Chelseas Trainer Jose Mourinho stöhnte unlängst, wie schwierig das Transfergeschäft auch für ihn sei. Bei allem Geld und guten Willen schaffte er nur Einkäufe in Höhe von 56 Millionen Pfund.

Jedenfalls: Selbst der FC Bayern kann aus den bekannten Gründen (u.a. Größenordnung und Verteilung der TV-Gelder) nicht mehr ganz oben mithalten, auch wenn neben den Bayern-Profis auch ein paar Gutmütige jedes Jahr so tun, als sei selbst ein Finalsieg möglich. Eher würde Deutschland Weltmeister, um es mal hart, aber auch im Irrealis zu formulieren. Zwar hat zuletzt zweimal mit dem FC Porto und dem FC Liverpool eher Teamwork als Rekordetat gewonnen, aber erstere hatten Mourinho und zweitere letztlich doch eine ganze Menge Kohle.

Rangnick steht vor seinem ersten Champions-League-Spiel. Schalkes erster Gegner PSV Eindhoven ist für ihn so etwas wie ein Rolemodel. Der Halbfinalist der abgelaufenen Saison zeige, dass es "im Einzelfall" möglich ist, "mit guter Arbeit einen Ausgleich zu schaffen". Rangnick hat die Champions League im vorigen Jahr genau beobachtet. Er arbeitet, das sollte man sehen, nicht an einem Relaunch, sondern an etwas Neuem. Im globalisierten Fußball am Standort Europa war Schalke trotz 1997 nie eine Marke. Wie es nicht geht, zeigte sich 2001: Die Meister der Herzen waren international ohne Perspektive. Schalke scheiterte als Gruppenletzter in der Vorrunde.

Stürmer als Abwehrspieler

Alle Zugänge dieser Saison sind auch unter der Frage internationaler Verwendbarkeit zu sehen. Die Kernfrage für Rangnick: "Sind die Spieler in der Lage, unter höchstem Gegnerdruck immer noch Ballkontrolle zu behalten?" Es geht um die Fähigkeit, technisch und taktisch bei höchstem Tempo wettbewerbsfähig zu sein. Da seien die Unterschiede zwischen Liga und Champions-League-Spitze am gravierendsten.

Zweitens, das fand er am auffälligsten: "Wie extrem alle Spieler mitmachen, wenn es darum geht, den Ball zu erobern." Ein rein offensiv denkender und handelnder Stürmer wie der Ex-Schalker Ailton ist da - im Gegensatz zur Liga - praktisch nicht mehr zu verkraften. Drittens spielten die Topclubs nahezu ausnahmslos nicht mit zwei, sondern mit einem Stürmer. Eine "zentrale Keilspitze", die nach hinten "arbeitet wie ein Abwehrspieler".

Paradebeispiele waren Chelseas Didier Drogba oder Liverpools Milan Baros (inzwischen Aston Villa). "Das wird schon seinen Grund haben, warum die alle mit einer Spitze spielten", sagt er. Welchen? Rangnick hält es für symmetrischer und daher einfacher mit einer Spitze, zwei hängenden Außen, einem "Zehner" und zwei "Sechsern" (4-4-1-1) "das Spielfeld abzudecken". Mit Kuranyi hat er die Option nun neben 4-3-3 und 4-4-2 auch 4-5-1 oder 4-4-1-1 (mit Lincoln dahinter) zu spielen.

"Bewusst zu Torchancen kommen"

Viertens geht es grade auf höchstem Niveau nicht allein mit Genie, sondern mit Automatismen. Rangnick arbeitet daran, dass seine Profis verinnerlichen, dass im modernen Fußball auch das Angreifen über Eckbälle und Freistöße hinaus systematisch geplant und geübt werden muss. Er nennt das "bewusst zu Torchancen kommen". Es ist die dritte und im Zweifelsfall entscheidende Waffe neben dem Zufall und dem genialen Geistesblitz des Individuums (also Lincoln).

Nach den gewaltigen und sichtbaren Fortschritten seines ersten dreiviertel Jahres in Gelsenkirchen wird es für Rangnick darum gehen, nachhaltigen Fortschritt zu erarbeiten. Eine Qualifikation für die zweite CL-Runde würde helfen, weil sie diesen Fortschritt sichtbar machte.

Am Ende kann die Etablierung von S04 als europäisches Spitzenteam der Kategorie B stehen. B wie Bayern. Dafür allerdings wird man - wie auch Werder Bremen - Opfer bringen. Die Bayern werden, wie gesagt, die Champions League nicht für sich entscheiden. Aber die Champions League könnte, falls es doch knapp wird, die Meisterschaft entscheiden. Für Bayern.

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