Bundesliga-Kommentar Futtern bei Muttern
Die ARD versprach: "Die Party geht weiter". Doch dann kam Beckmann. Das runderneuerte ZDF-Sportstudio verhieß eine ganz neue Tiefe. Doch dann kam KMH (wie die Spiele-Ansagerin dort genannt wird). Katrin Müller-Hohenstein war offenbar auch ganz auf Party eingestellt (wenn auch nicht dafür angezogen) und beschwor auch noch mal, dass die "großartige Stimmung, die über unser Land kam", bitte, bitte anhalten möge. Tut sie auch, beispielsweise bei Günther Koch aus Nürnberg. "Fußball, wir lieben dich", schrie der Neue und offenbar noch übende Fernsehreporter von Arena. Er hatte leicht lieben - als Augenzeuge des 3:0 seines "Clubs" beim VfB Stuttgart. Ansonsten gab es ein 1:1 hier und ein 2:1 dort. Einen klaren Sieg der Bayern, einen knappen von Werder. Im Prinzip das Übliche.
Damit wir uns nicht missverstehen: Das soll jetzt hier nicht ausarten in ein defätistisches Gemotze. Aber, um es mit dem berühmten Jürgen Klopp zu sagen: Wie für den FSV Mainz wird diese Saison auch für uns Zuschauer "ein schwieriges Jahr". Aber gerade das ist ja "reizvoll ohne Ende." Deshalb sollte man sich zunächst lösen von der unrealistischen Vorstellung, eine emotionale Ausnahmesituation wie die WM sei dadurch verlängerbar in den Alltag, dass man darauf besteht. Nein, wir hatten unser wunderbares Abendessen mit, hmmm, Claudia Schiffer (bitte jeweils individuell entsprechenden Namen einsetzen). Jetzt wird halt wieder bei Muttern gefuttert. Es wäre zuviel verlangt von der guten Alten, nun permanent Sterne-Menus zu servieren, aber es wird uns schon satt machen. Hat es doch immer bisher. Und vielleicht kommt ja die eine oder andere neue Raffinesse auf den Teller.
Die Zielvorgabe des neuen Mönchengladbacher Trainers Jupp Heynckes steht pars pro toto für die kollektive Sehnsucht. Die goldenen drei Worte lauten: "Attraktiver und erfolgreicher." Ja, klar. Wer möchte das nicht? Aber gerade die WM hat gezeigt, wie schwer die beiden Ziele zusammenzubringen sind. Den attraktiveren Fußball in Mönchengladbach spielte offenbar Verlierer Energie Cottbus. Und Heynckes Totalorganisationsfußball war zuletzt in Schalke weder attraktiv, noch erfolgreich."Die Diskrepanz ist weiter groß, zwischen dem was der Zuschauer möchte, nämlich offensiven, attraktiven Fußball", sagt Bayern-Trainer Felix Magath, "und dem, was umsetzbar ist, was Erfolg bringt." Das stimmt einerseits. Andererseits gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was pragmatische Trainer für umsetzbar halten - und dem, was mit mehr Mut vielleicht tatsächlich umsetzbar wäre.
Carsten Ramelow, Revolutionär
Es ist nach diesem 1. Spieltag noch nicht zu sagen, ob die Entscheider tatsächlich stärker an der Verbesserung der Konstruktivität arbeiten. Oder, was wahrscheinlicher ist, an dem, was letztlich in die Perfektion der Destruktivität ausarten kann: an der defensiven Organisation. Man wird sehen, ob der Doppel-Sechser in der Zentrale vor der Abwehr als Hommage an die WM diese Saison tatsächlich dominieren wird und ob das die mancherorts befürchteten, schrecklichen Konsequenzen für den Spektakelfaktor haben wird. Ich schätze mal, dass das Spektakel, das Tempo und letztlich der Erfolg weiterhin auch dort ausbleibt, wo es zu vielen Spielern schlicht an Möglichkeiten fehlt, Spielsituationen anders weiterzuentwickeln als mit einem Quer- oder Rückpass.
Aber das Ziel des Beobachters muss es auch sein, das Gute zu suchen. Zum Beispiel Carsten Ramelow: Wenn Bayer Leverkusens Profi nach seinem Treffer beim 3:0 über Aufsteiger Aachen sagt, er habe sich vorgenommen in Sachen Toreschießen "dieses Jahr Miro Klose anzugreifen", so loben wir den revolutionären Vorsatz, werden ihm aber keine bitteren Vorwürfe machen, wenn es am Ende nicht geklappt hat.
Oder gestern Abend in Wolfsburg: Gegen Hertha. Sicher ein echter Härtetest. Auch hier versprechen bunte Plakate, die das Schwarzrotgold der WM mit dem Grün der Wölfe verbinden, dass "die Party" weitergehe. Tut sie das? Zwei okay organisierte, aber in ihren Möglichkeiten limitierte Teams, die schon in der Vorbereitung kaum bis keine Tore hingekriegt haben, liefern ein immer mediokres, aber zeitweise munteres Spielchen. Weit und breit keine Doppel-Sechs, die schuld sein könnte. Ingesamt sicher kein Ärgernis. Aber man hätte auch nichts verpasst, wenn man nicht da gewesen wäre. Dennoch jubelte die Mehrzahl der 23.000 in der VW-Arena. Vielleicht weil das Leben ja auch limitiert und es einfach schön ist, im Stadion zu sein an einem Augustabend, wenn es wieder losgeht.
Die über das individuelle Erlebnis Stadionbesuch hinausgehende Frage wird sein: Wo passiert etwas Neues, Spannendes, Schönes? Da gilt grundsätzlich, was der Schalker Manager Andreas Müller im Sport-Studio gesagt hat: "Ich glaube, dass wir optimistisch sein müssen." Er hofft auf Schalke. Ich hoffe (weiter) auf Werder. Ansonsten sollte man es mit jenen halten, die einen auf die Frage, ob die Party weitergehe, anschauen wie einen Idioten und dann lapidar antworten: "Diese Frage hat sich mir nie gestellt."